Kraft einer Emotion: Empörungsfähigkeit als Voraussetzung für Leidenschaft

„Empört Euch!“ lautet der Titel eines vom Feuilleton gefeierten Essays von Stéphane Hessel aus dem Jahr 2010. Ich habe es (noch) nicht gelesen, möchte aber in die titelgewordene Aufforderung einstimmen.

Empörung(fähigkeit) ist eine der meistunterschätzten Fähigkeiten. Ja, als eine Fähigkeit würde ich die Empörung bezeichnen. In gewissen Kontexten würde man sie vermutlich als Schlüsselqualifikation oder neudeutsch: „Soft Skill“ titulieren. Wobei das eigentlich schon wieder ein Etikettenschwindel ist, denn „soft“ ist sie nur in den seltensten Fällen.

Die Fähigkeit sich empören zu können setzt vieles voraus. Wo kein Engagement, da keine Empörung. Wer sich gemütlich eingerichtet hat im Hier und Jetzt, wem größtmögliche Kompromisse als Bedingung für ein mehr oder weniger zufriedenes Leben unabdingbar erscheinen, der empört sich nicht, dem ist Empörung viel zu anstrengend.

Und doch: Für mich ist Empörung manchmal auch Lebenselixier. Käme mir die Fähigkeit mich zu empören abhanden – mir würde der Nährboden für die positive Variante der Empörung ebenso entgleiten: für die Leidenschaft.

Empörung ist anstrengend: für den sich Empörenden ebenso wie für das Ziel seiner Empörung. Aber sie ist die Kehrseite ein und derselben Medaille: Nur wer sich empören kann, der hat seine Antennen noch auf Empfang gestellt. Alle anderen senden. Sie senden ihr einmal eingestelltes Programm und sie tun das größtenteils an sich selbst. Sie senden die permanente Rückbestätigung, die Versicherung des einmal eingeschlagenen Urteilens an das eigene Selbst.

Empören heißt auch aus sich heraustreten. Man spürt den Impuls als etwas Aufrüttelndes: „Irgendetwas läuft hier schief.“ Für mich heißt das: Meine Sinneswahrnehmung ist ebenso intakt wie mein Wertesystem. Letzteres ist dabei permanenten Angriffen ausgesetzt. Am schlimmsten sind dabei gar nicht diejenigen, die mein Wertesystem angreifen. Viel subtiler gehen die vor, die meine Empörung über eben jene Übertretung lächerlich machen. „Also, darüber brauchen Sie sich nun wirklich nicht aufzuregen.“ – „Das war schon immer so.“ – „Finden Sie nicht, dass Sie übertreiben?“. Auf diese Weise werden auch engagierteste Zeitgenossen zu #Wutbürgern herabgewürdigt.

Gerade der Vorwurf, man neige zu Übertreibung und Überreaktion, trifft den Empörungsfähigen ins Mark. Wer sich empört, der ist angreifbar, der öffnet sich schutzlos. Das Korrektiv greift häufig genau hier an. Der Impuls Missstände als solche zu empfinden wird nicht als Fähigkeit gewertet, sondern gewissermaßen der Hysterie zugeschrieben. Das ist doppelt gemein: Einerseits erstickt es den (positiven) Charakterzug der Empörungsfähigkeit im Keim, bevor dieser auch nur in die Nähe einer konstruktiven Auseinandersetzung gelangen kann; zum Anderen schreibt er den Absender der Empörung als gewissermaßen subversives Element ab, als armen Geisterfahrer im Gegenverkehr der selbstverständlich unbeirrbaren Mehrheit.

Unternehmen, politischen Systemen, Freundeskreisen, Familien und fast allen anderen kleinen und großen Gemeinschaften kann hingegen nichts besseres passieren als einen solchen Empörungsfähigen in den eigenen Reihen zu wissen; nicht nur als advocatus diaboli, sondern als notwendigen Rufer in Zeiten allzu eilfertiger Konsens-Kultur.

Kann es aber im Gegenzug so etwas wie eine Empörungs-Kultur geben? In Unternehmen würde einem solchen Vorhaben – selbst, wenn man sich von ihm Erfolg verspräche – vermutlich ein ähnliches Schicksal drohen wie z.B. der Innovation: In dem Moment, wo sich Innovations-Management etabliert, kann man das Thema eigentlich schon wieder als zu den Akten gelegt betrachten.

Empörungsfähigkeit kann sich nur als Teil einer (Unternehmens-)Kultur festsetzen, die sich zu Werten wie Offenheit und ehrlichem Diskurs bekennt. Dieses Bekenntnis ist keine Einbahnstraße, vielmehr müssen Unternehmensführung wie Belegschaft gleichermaßen ein hohes Interesse an offenem Dialog besitzen. Dieser allein reicht jedoch nicht aus. Widerspruch darf nicht als störendes Element empfunden werden, sondern muss als wichtiger Einflussfaktor für das Ineinandergreifen von Miteinander, Kultur und Strategie gelebt werden dürfen.

Wenn dies gelingt, dann kommt die Empörung(sfähigkeit) aus ihrer semi-pathologischen Schmuddelecke heraus. Empören wir uns also. Wir brauchen das!

Dieser Beitrag erschien zunächst bei der deutschen Huffington Post.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s