Mein Sabbatical, die Ausnahme-Auszeit

Meine derzeitige Ausübung persönlicher Entscheidungsfreiheit hat einen Namen: Sabbatjahr; auf Englisch: Sabbatical. Und ein Stück weit erhält meine Auszeit vom Job dadurch auch das OK des Systems: „Sabbatical“ impliziert eine taktisch mehr oder weniger klug gewählte, CV-konforme und nicht zuletzt auch dadurch gesellschaftlich akzeptierte Pause vom sozialversicherungspflichtigen Angestelltendasein.

Wobei in diesem System Arbeit augenscheinlich die Regel und eine Auszeit auch eine Ausnahme zu sein hat, und nicht etwa umgekehrt. Inzwischen finde ich das ein bisschen merkwürdig: Arbeit als Normzustand und der nichtarbeitende Mensch als Transgressor eben dieser Norm.

Die Reaktionen meiner Umgebung auf die Entscheidung zu einer Job-Auszeit folgen ebenfalls gewissen Normen. Dass ich eine „sichere“, prestigeträchtige und gut bezahlte Geschäftsführerposition aufgegeben habe, rief zunächst ungläubiges Erstaunen und auch eine gewisse Verunsicherung hervor. „Warum tust du das?“

Je näher man sich kennt, desto häufiger enthielten die Reaktionen Nachfragen der Art: „Hast du dir das auch gut überlegt?“ Darin schwingt offenbar eine gewisse Sorge mit, ich könnte zu Kurzschlussreaktionen neigen – eine mir im Übrigen einigermaßen fremde Eigenschaft.

Am eindrücklichsten waren und sind die Feedbacks meiner peer group. „Wow, deine Entscheidung finde ich sehr mutig.“ Damit hatte ich am meisten zu kämpfen. Ich muss vorausschicken, dass ich mein Risiko angesichts eines gewissen finanziellen Polsters, das ich in den vergangenen Jahren angespart habe, einigermaßen in Grenzen hält. Was ist also mutig daran etwas bleiben zu lassen, das einen nicht mehr erfüllt? Es mag konsequent sein oder logisch, aber mutig?

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich selbst mit meiner neuen Situation arrangiert hatte. Diese Entwicklung wurde mitunter erschwert durch Befürchtungen einiger ehemaliger Kollegen, so lautete ein Ratschlag „Halte deine Auszeit kurz, denn sonst kommst du zu sehr raus aus allem.“ Schon wieder so ein mehr oder weniger verklausulierter Hinweis darauf, dass sich hier gerade jemand von einer Norm-Umgebung absentiert.

Interessanterweise ist bei mir das Gegenteil der Fall: Je länger meine Auszeit andauert, desto weniger bin ich „raus“. Meine Interessen waren nie vielfältiger als im Moment. Mein Zutrauen in mich, meine Entscheidungen und meine Fähigkeiten war nie größer als heute.

Ich habe nicht nur Zeit, sondern Muße. Ich fülle meine Freiräume nicht nur mit Aktivitäten, sondern mit Raum zur Wahrnehmung. Ich habe keinen Plan erstellt, welche Dinge ich während meiner Auszeit erlernen möchte. Yoga, Sprachen, Programmieren – all das finde ich interessant, aber ich widme mich diesen Dingen nicht. Statt dessen genieße ich Ruhe, Muße, Wahrnehmung und Reflexion. Eine ToDo-Liste für ein ergebnisorientiertes Sabbatjahr? Nein danke.

Meine Situation besitzt auch keinerlei Modellcharakter für andere. Ratschläge kann ich keine geben, allenfalls von meiner ganz persönlichen Situation berichten: darüber, wie es mir – und nur mir – geht. Meine Pause ist keine Pause und auch keine Auszeit. Ich lebe ja schließlich weiter.

2 Gedanken zu “Mein Sabbatical, die Ausnahme-Auszeit

  1. Viel Glück dabei, und mehr Erfolg als mir! Ich habe ähnlich gedacht und als Sabbatical ein Projekt in einem mir bis dahin komplett fremden Bereich probiert. Darüber habe ich leider meine existierenden Netzwerke vernachlässigt. Pflege sie, binde sie vielleicht ein, stelle es nicht als ‚Auszeit‘ dar, dann hast du bessere Chancen, dass das Sabbatical nicht in verklärte Unterbeschäftigung mündet.

    • Danke für Deinen Kommentar. Ich vernachlässige meine Netzwerke nicht, im Gegenteil: Ich halte mehr denn je Kontakt und erweitere auch hier meinen Handlungsraum. „Auszeit“ nenne ich es auch nur, wenn ich gegen den Begriff argumentiere. Denn wie ich im Beitrag schlussfolgere: Es ist keine Auszeit, ich bin nach wie vor da. „Verklärte Unterbeschäftigung“ gefällt mir!

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