Der Berg muss zum Propheten – über Missverständnisse in der Zeitungsbranche

Ich bin ein großer Anhänger des Zeitungslesens. Insbesondere FAZ und SZ haben es mir angetan, und mein Favorit ist die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Ich spreche von der Printausgabe. Die gibt mir nämlich etwas, was mir kein digitales Pendant bieten kann: Endlichkeit. 

Print hilft!

Debatten darüber, was Print alles falsch gemacht hat und noch heute falsch macht, gibt es zuhauf; an einigen davon habe ich mich auch beteiligt. Aber das Gefühl, dass es über den Informationsgrad eines Artikels hinaus erst einmal keine weitere Meta-Ebene oder Vertiefung des Sachverhalts gibt (und geben muss), kann mir nur die Printausgabe einer Zeitung vermitteln. Und dieses Gefühl ist in Zeiten wie diesen unendlich wertvoll.

Im digitalen Kosmos komme ich vom Hölzchen aufs Stöckchen. Und genau das ist Teil meines Problems. Ich tue mich mitunter sehr schwer bei einer Sache zu bleiben. Multitasking ist der Euphemismus für meine Spätform von ADS. Und genau hier zwingt mich die Tages- oder Wochenzeitung zur Disziplin und entbindet mich gleichzeitig von der Pflicht zum informationellen Tiefgang. 

Am Anfang war… nicht die Zeitung

Selbstverständlich ist dieser Vorteil auch gleichzeitig einer der großen Nachteile der gedruckten Zeitung. Es fehlt ein Rezeptions- und Diskussionsraum. Dieses Manko wurde inzwischen z.T. ausgeglichen durch Dienste wie Twitter und (eingeschränkt) Facebook. „Second Screen“ wird das Phänomen auch genannt. Doch vor allem auf Twitter offenbaren sich die enormen Missverständnisse eines Großteils der Print-Journalisten (und Publizisten) in Bezug auf den digitalen Diskurs.

So halte ich es für den Kardinalfehler vieler Medienschaffender aus dem Zeitungsumfeld, anzunehmen, die Zeitung und deren Lektüre sei quasi die Initialhandlung des Medienkonsums. Diese Einschätzung entstammt einer linearen Prägung, und diese ist bedingt durch die Produktionsprozesse der Zeitungs-Industrie. Mit der Drucklegung endet die eigene Verantwortlichkeit. Im digitalen Medienumfeld ist der Live-Gang jedoch zumeist erst der Beginn von Wertschöpfung und Diskurs.

Paywall als Hindernis 

Doch im Print-Umfeld werden diese Prozesse, wie zum Beispiel die Eröffnung eines Diskussionsraums, durch Paywalls erschwert oder völlig ausgeschlossen. Wie oft ist es mir schon passiert, dass ich einen tollen Printartikel auf Twitter empfohlen habe, nur um mich anschließend zu fragen, wozu das eigentlich gut gewesen sein sollte. Niemand hat in diesem Moment (einfachen) Zugang zu eben jenem Artikel. Twitter ist ein Kanal der Unmittelbarkeit. Dies schließt i.d.R. aus, dass jemand aufgrund meines Tweets zum Kiosk läuft, die Printausgabe kauft, den Artikel liest und mir auch noch antwortet.

Einige der Autor_innen und Journalist_innen sehen genau darin einen Erfolg, anders kann ich mir solche Äußerungen nicht erklären.

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Nachfragen meinerseits (und anderer) werden zumeist geflissentlich ignoriert, Dialog: Fehlanzeige.

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Wer lesen will, soll zahlen 

Doch genau hier entsteht eines der größten Missverständnisse bezüglich der zukünftigen Rezeption von Printmedien. Es wurde (und wird) versäumt einen „Diskurs-Raum“ für Zeitungen zu entwickeln. Statt die Hürden für den unmittelbaren Zugang zu einzelnen Texten abzubauen und dem Thema Usability und UX höchste Priorität einzuräumen, wurden und werden Paywalls errichtet. 

Statt dafür Sorge zu tragen, dass das Interesse an Themen und Einzelartikeln in sofortigen  , intuitiven Zugang zu diesen Texten münden kann, versucht man Upselling (nämlich: Kauf der gesamten Ausgabe, am besten Print) an der unsinnigsten Stele überhaupt. Und statt den Dialograum zu erweitern, senden einzelne Autor_innen beinahe hämische Parolen nach dem Motto „Wer lesen will, soll zahlen!“.

Der Text muss zum Leser

Es geht um die Inszenierung von Tages- und Wochenzeitungen. Doch so lange die Meinung vorherrscht, eben jene Zeitungen stünden immer an der Spitze der medialen Nahrungskette, ist es schwer einen (dringend nötigen) Perspektivenwandel einzuläuten. Das Grundverständnis ist falsch, die Annahmen daher untauglich für einen Turnaround. Dabei ist das gar nicht so schwer. Erst, wenn ich sicherstelle, dass jeder, wirklich jeder, der ein auch nur entferntes Interesse an einem Text aus meinem Hause hat, diesen auch bekommt, kann ich von echtem Service am Leser sprechen. Paywall ja, aber nicht so.

Der erwähnte Diskussionsraum ist übrigens nicht (nur) die Website der eigenen Publikation. Sie kann dies sein, doch entscheidend ist hier die individuelle Präferenz jedes Einzelnen. Ich muss meine Inhalte zum Rezipienten bringen, nicht umgekehrt. Erst, wenn diese Demut Einzug in Redaktionen und Marketing-Abteilungen gehalten hat, kann die Zukunft der Leser-Blatt-Beziehung erfolgreich beginnen.

Ein Gedanke zu “Der Berg muss zum Propheten – über Missverständnisse in der Zeitungsbranche

  1. Erinnert mich an Metallica’s Napster Anklage. Wer uns hören will muss zahlen. Beides mutet verzweifelt an.
    Turnarounden ist für konservativ zaghaft oder gar verbitterte Köpfe ne echt harte Prüfung. Der Status quo spiegelt sich ja nicht nur auf dem Konto. Sonst hätte sich Metallica ja entspannt lässig geben können.
    Ich denke da prallen Welten an Notwendigkeiten und Bedürfnissen aufeinander.

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