#HeForShe ist nur etwas für echte Männer

Den folgenden Text habe ich für „bizzmiss“ geschrieben, hier geht es zum Original.

Emma Watsons feministische Rede vor den UN hat mächtig Staub aufgewirbelt. Richtig so, meint Robert Franken: Für die Emanzipation der Frau brauchen wir starke und reflektierte Männer. Und das ist erst der Anfang.

Es bedurfte einer Rede von Schauspielerin Emma Watson vor den Vereinten Nationen, um das Thema Feminismus endlich auf die globale Tagesordnung zurückzuholen. Eigentlich ist das ein Schlag ins Gesicht aller, Frauen wie Männer, die genau das bislang versäumt hatten: Gender Equality als Thema zu erkennen, zum eigenen Thema zu machen und darauf acht zu geben, dass es nicht wieder von der Agenda verschwinden kann.

Emma Watsons eindringlicher Appell zur Unterstützung der Kampagne #HeForShe schafft dies jedenfalls sehr eindrücklich und sympathisch. Und darüber hinaus holt Watson endlich denjenigen Teil der Bevölkerung in die Debatte zurück, der sich dieser bisher größtenteils verweigert hat: die Männer.

Vermutlich ist der Grund für die Zurückhaltung der Männer im Gender-Diskurs nicht eine bewusst antifeministische Geisteshaltung – vielleicht mit Ausnahme einiger vermeintlich religiös legitimierter Unterdrückungsregimes. Stattdessen hat die Unbehaglichkeit, die manch männlicher Zeitgenosse angesichts der Gender-Debatte an den Tag legt, reichlich diffuse Ursachen.

Die Situation der Männer war außerordentlich bequem

Es mischen sich Unsicherheiten mit der Angst vor Machtverlust. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich und der eigenen Geschlechter-Identität scheint darüber hinaus für einige Männer nach wie vor bedrohlich. Die Abgrenzung erfolgt häufig auf Stammtisch-Niveau. Und dabei ist ein Konstrukt, das man zum Feinbild erklären kann, durchaus von Vorteil: Dieses Konstrukt heißt Feminismus.

Woher kommt dieses männliche Fremdeln bei den Gender-, Feminismus- und Gleichberechtigungs-Fragen? Das Problem ist, dass Männer sich in der Regel nicht ausreichend mit der Frage auseinandersetzen, was Gleichberechtigung für sie ganz persönlich bedeutet. Ein weiterer Grund: Wir, die Generation X, hatten nur unsere eigenen Eltern als Vorbilder für partnerschaftliches Zusammenleben.

In der Generation der Baby Boomer gab es meistens jedoch entweder noch die Zementierung der Geschlechterrollen aus den 1950er Jahren, mit den entsprechend faulen Kompromissen, von denen uns heute nicht wenige wieder als vermeintlich ideale Modelle untergejubelt werden. Oder es kam beim Durchbrechen des klassischen Familien-Ideals zu häufig prekären (finanziellen) Situationen, unter denen fast ausschließlich die Frauen zu leiden hatten.

Die Männer mussten sich in diesen Jahrzehnten weder besonders engagieren, noch mit ihrem eigenen Standpunkt in Sachen Gender-Diskurs auseinandersetzen. Ihre Situation war schließlich ausgesprochen bequem. Warum also etwas ändern? Aus der Politik waren ebenfalls eine aufklärerischen oder modernen Impulse und Positionen zu erwarten, liegt es doch im ureigenen Interesse des Staates klassische familiäre Strukturen als kleinsten gemeinsamen Versorgungs-Nenner gutzuheißen.

Macho-Sprüche sind kein Kavaliersdelikt

Leider ist es gleichzeitig wenig hilfreich, wenn sich auch und gerade jüngere Frauen explizit vom Thema des Feminismus distanzieren. Sie tun dies, indem sie zum Beispiel das Wirken von Alice Schwarzer kritisieren und deren Kampf um Gleichberechtigung quasi verunglimpfen. Dabei vergessen sie häufig völlig, dass sich Frau Schwarzer ohne extreme Positionen und „aggressives“ Gebaren niemals hätte das nötige Gehör verschaffen können; und dass ohne sie und ihre Mitstreiterinnen erst gar keine Basis für die Möglichkeit zur Debatte geschaffen worden wäre.

Ich bin Emma Watson und ihren Unterstützern von He For She sehr dankbar, dass sie die Männer aufrufen, sich endlich am Kampf für Gleichberechtigung zu beteiligen. Männer sollten das auch nicht in dem Geiste tun, etwas abgeben zu müssen oder gar etwas zu verlieren, sondern stattdessen in der vollsten Überzeugung, dass die Welt danach eine bessere sein wird.

Was ich heute allerdings noch beobachten muss, macht mich manchmal fassungslos, aber immer wütend:

  • Männer, die offensichtlich noch nie davon gehört haben, dass “männlich” und dennoch empfindsam zu sein kein Widerspruch ist, und dass dies dem eigenen Nachwuchs dringend vermittelt werden muss.
  • Männer, die Macho-Sprüche und übergriffige Handlungen als Kavaliersdelikt betrachten und gleichzeitig von ihrer Umwelt nicht unmittelbar in die Schranken gewissen werden.
  • Männer (und Frauen), die die Unterstützung von Frauen bei deren Potenzial-Entfaltung im Berufsleben nicht als Herzensangelegenheit leben, sondern als abstrakten Soft Skill und somit als lästige Pflicht mit der Wirkungsbeschränkung einer PR-Aktion verstehen.
  • Unternehmen, die potenzielle Schwangerschaften und bestehende Elternzeit-Pläne von MitarbeiterInnen immer noch als Normabweichung ansehen, statt ihren Beitrag zu leisten, Eltern endlich Selbstverständlichkeit zuzugestehen.

Ich könnte diese Liste ewig weiterführen. Aber das wäre nicht zielführend.

Macht den Mund auf, Männer!

Was wir statt solcher Kritik brauchen, sind starke, selbstbewusste und reflektierte Männer, die sich nicht beim ersten Gegenwind auf vermeintlich sicheres Terrain der Geschlechter-Klischees zurückziehen, sondern ihre Köpfe auch in einen heftigen Sturm halten. Weil sie der vollsten Überzeugung sind, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter ein Ziel ist, für das es sich mit aller Macht und vollstem Einsatz und ohne Rücksicht auf vermeintliche Nachteile zu kämpfen lohnt.

Macht den Mund auf, Männer. Zeigt euch. Ein Hashtag reicht nicht aus! Wann und wo immer ihr Zeuge von Ungerechtigkeiten werdet, die durch die Vertreter Eures Geschlechts verursacht oder toleriert werden, verschafft Euch und Eurer Überzeugung Gehör.

Dies gilt in gleichem Maße auch für alle Frauen. Lasst es nicht zu, dass durch Euch Ungerechtigkeiten unbekämpft und bestehen bleiben, sondern wehrt Euch. Und zeigt gleichzeitig euren Freunden, Partnern und Kindern, dass Empfindsamkeit, Schwäche und Reflexion nicht nur menschlich, sondern durchaus sehr männlich sind.

Politik und Gesellschaft sind keine abstrakten Entitäten: Wir sind es, in deren Macht und in deren Verantwortung es liegt zukünftigen Generationen die Sensibilität zu vermitteln sich mit ihren geschlechtsspezifischen Rollen und Ansichten zu beschäftigen. Bei Gleichberechtigung geht es nicht darum, alles gleich zu machen – Gleichberechtigung ist ein Recht.

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