Von der Dampfmaschine zum Digitalnomaden: Wir brauchen neue Parameter für die Bewertung von Arbeit und Leistung

Arbeit ist das Produkt von Kraft und Weg. So (mehr oder weniger) einfach ist das in der Physik. Sucht man nach der Formel für Leistung, hilft die Wissenschaft auch hier weiter. In von der – gefühlten oder realen – Stechuhr dominierten Unternehmen war und ist das Ergebnis der Arbeits-Formel immer gleich, es lautet: 40 Stunden. Pro Woche. In Deutschland war die 40-Stunden-Woche von 1965 bis 1984 das klassische Arbeitszeitmodell und galt lange Zeit als Errungenschaft der Gewerkschaften.

Vertrauen ist gut, Kontrolle viel bequemer

Die Stechuhr existiert noch immer: in unseren Köpfen. Wir beurteilen die Leistung von Arbeitnehmern nach wie vor in der Hauptsache quantitativ. Hier ist die Physik übrigens schon weiter, setzt sie Leistung durch Arbeit doch wenigstens in Zusammenhang mit der aufgewendeten Energie und der dafür nötigen Zeit. Ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl der Effizienz. Damit tut sich die durchschnittliche deutsche Konzern-Personalabteilung einigermaßen schwer. Ein Grund dafür ist sicherlich auch eine Affinität zum Kontrollzwang. Vertrauensarbeitszeit ist gut, Kontrolle ist besser. Ortsunabhängiges, ergebnisorientiertes Arbeiten? Eine Utopie.

Und so ist die Realität in vielen deutschen Unternehmen, wie sie ist. Acht-Stunden-Tage und 40-Stunden-Wochen sind zwar das Gegenteil einer flexiblen und motivierenden Arbeitsumgebung, aber sie sind die Regel. Und dahinter steckt Kalkül. Jobs, die innerhalb von acht Stunden erledigt werden können, beinhalten häufig einen Großteil an Routine-Tätigkeiten. Für deren Erledigung sind acht Stunden eher knapp bemessen, und auch das ist Absicht.

Messbarkeit: das Gegenteil von Führung?

Denn nun kann die Effizienz-Maschine angeworfen werden. Messbarkeit lautet das Geheimnis auf dem Weg zu vermeintlicher Objektivität in der Beurteilung von Leistung. Wessen Leistung messbar ist, der ist auch vergleichbar mit anderen. Die Bewertungskriterien sind dabei vornehmend quantitativ, weil sie aus einer quantitativ-orientierten Zeit stammen. Die Fließbänder der ersten Großindustrien gaben das Modell vor. Arbeitsteilung schien ein Zeichen von Fortschritt, statt dessen haben wir den Blick fürs große Ganze eingebüßt. Und für diejenigen Mitarbeiter, die auch in der Lage sind dieses Ganze entsprechend zu abstrahieren.

Methoden-Fetischismus ist ein weiterverbreitetes Phänomen in der Wirtschaft und im Falle der Beurteilung von Leistung doppelt tragisch. Manager verlassen sich auf Theorien und Modelle und wundern sich, wenn in ihrem Verantwortungsbereich trotzdem nichts funktioniert, weil der menschliche Faktor wieder einmal nicht eingeplant war. Weil wieder einmal niemand einsehen will, dass sich Mitarbeiterbedürfnisse sowohl individuell unterscheiden, als auch Veränderungen unterliegen. Nur passt das eben so schlecht zum System von Planungszahlen und Controlling-Vorgaben.

Der Arbeitnehmer als Störfaktor

Auf der anderen Seite rackern sich Arbeitnehmer im Hamsterrad des vermeintlich transparenten und mitarbeiterorientierten Systems ab um im hochheiligen Jahresgespräch mit dem Vorgesetzten zu erleben, dass ihre Beurteilung doch wieder nur davon abhängt, wie anpassungsfähig, sprich: bequem sie für den Arbeitgeber einsetzbar sind.

Eine Lösung um die allein Erziehende herum? Sorry, zu viel Aufwand. Ein familienfreundliches Arbeitszeitmodell? Na, da könnte ja jeder kommen. Die Human Resources Abteilungen halten das Flexibilität-Mantra trotz allem hoch. Und so darf auch die Teilzeit-Lüge weiterhin als Feigenblatt für Unternehmen herhalten, die im Grunde genommen nur eines wollen: funktionierende, austauschbare und widerspruchslose Arbeitnehmer.

Flexibilität ist anders

Denn was genau ist denn eigentlich flexibel an einer als Teilzeit-Stelle bezeichneten 38,5-Stunden-Woche? Der Unterschied zur Vollzeit beträgt bei einer Fünf-Tage-Woche nicht einmal 20 Minuten pro Tag. Zumal die Jobs zumeist so gestaltet sind, dass man mit 38,5 Stunden ebenso wenig hinkommt, wie mit 40. Also unbezahlte Mehrarbeit, man möchte schließlich nicht in die Gruppe der Minderleister eingeordnet werden.

Das Gängelband der Unternehmen ist die Abhängigkeit des Einzelnen. Vor dem Hintergrund zunehmender prekärer Beschäftigungsverhältnisse, bei denen entweder durch eigenes Dazutun oder von Amts wegen finanzielle Unterstützung über den Hauptjob hinaus nötig ist, dürften die zwei Quellen für das beschriebene System auf absehbare Zeit kaum versiegen: abhängige Arbeitnehmer einerseits und willige Ersatzkräfte andererseits. Ein Teufelskreis.

Die Digitalisierung könnte helfen

Ob die Misere nun dem Neo-Liberalismus geschuldet ist oder andere Ursachen hat, ist zweitrangig. Fakt ist, dass das digitale Zeitalter noch keine Lösungen für die Bewertung und Beurteilung von Arbeit und Leistung entwickelt hat, die dem Individuum gerecht werden. Die Digitalisierung wäre dabei eigentlich der perfekte Hebel um genau das zu erreichen. Und es gibt interessante Ansätze. So bietet z.B. das Startup Tandemploy die Rahmenbedingungen zum Jobsharing, das Ziel: mehr Lebensqualität.Und es gibt sogar Listen mit Unternehmen, die flexible Arbeitszeitmodelle anbieten.

Ein sehr interessanter Beitrag dazu stammt von Jochen Adler, der im Zusammenhang mit Facebooks und Apples Initiative in Richtung Kostenübernahme bei „Social Freezing“ anmerkt, dass diese Diskussion an Symptomen kratzt und nicht zum Kern vordringt:

„Vielleicht müssen wir weg von einer Anwesenheitskultur, wo Silberrücken anerkennend raunen, wo überall spät abends noch das Licht brennt im Büro?“

Es ist eigentlich wie immer: Wo ein Wille, da ein Weg. Denn so lange sich Unternehmen vor der Verantwortung drücken menschenfreundliche Umfelder zu schaffen, und so lange Arbeitnehmer akzeptieren (müssen), dass ihr Arbeitsplatz eben nicht flexibel ist, so lange kommt keine Dynamik in die Sache. Der Fachkräftemangel und die Ansprüche einer Generation Y an Arbeitswelten haben jedoch das Zeug dazu als Katalysatoren für eine sich positiv verändernden Arbeitskultur zu wirken.

Ein Gedanke zu “Von der Dampfmaschine zum Digitalnomaden: Wir brauchen neue Parameter für die Bewertung von Arbeit und Leistung

  1. Pingback: Huffington Post, 22.10.2014 – Tandemploy

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