Am Anfang war die Quote. Wie auch Männer vom Feminismus profitieren können.

Jetzt kommt sie also, die Quote. Nach unendlich langen Debatten und einigem Hin und Her hat die Koalition in Berlin ein Gesetz auf den Weg gebracht, wonach für etwa 100 börsennotierte und mitbestimmungspflichtige Unternehmen ab 2016 eine verbindliche Frauenquote von mindestens 30 Prozent in den Aufsichtsräten gelten soll. Zuletzt konnte nicht einmal mehr das Kauderwelsch gegen Familienministerin Schwesig eine Einigung verhindern.

Ich habe mich lange davor gedrückt mich zum Thema Frauenquote zu äußern. Ich wusste schlicht nicht, ob ich dafür oder dagegen sein soll. Eine ganze Reihe an Argumenten spricht eigentlich gegen eine Einführung – aber wohl keine guten. Angebliche Männerdiskriminierung ist dabei vermutlich das beste Beispiel für ein schlechtes Argument. Dennoch fällt es mir sehr schwer Position zu beziehen. Wenigstens bin ich nicht alleine damit: Angeblich sind gerade einmal 27 Prozent der Chefinnen für die Quote.

Was mich an der Quotenregelung am meisten stört, ist, dass sie zwar ein gesellschaftliches Signal sendet, in der Unternehmensrealität jedoch zunächst kaum Wirkung entfalten dürfte. Schließlich geht es um die Quotierung von Aufsichtsräten, jenem Organ also, dass in der Regel einigermaßen weit entfernt ist vom operativen Wirken in der Wirtschaft. Umso absurder erweist sich daher auch der Einwand des Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, wonach gesetzliche Quoten generell kontraproduktiv seien. Lächerlich, zumindest in diesem Zusammenhang.

Dass es wohl ein Quotensignal braucht, drängt sich einem bei der Lektüre von Kerstin Bunds Artikel „Frau. Vorstand. Abgehängt.“ aus der ZEIT vom 27.11.2014 auf. Sie widmet sich den in jüngster Zeit geschassten Vorstandsfrauen und macht deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit als Frau den Posten im Vorstand eines deutschen Unternehmens zu verlieren um etwa 50 Prozent höher liege als bei Männern. Leider finden sich zur Analyse der Einzelfälle keine wirklichen Gesprächspartnerinnen, weshalb Frau Bund auf zwei Männer zurückgreifen muss: Heiner Thorborg und Thomas Sattelberger.

Und beide Herren schaffen etwas, was angesichts des Dauerthemas nicht mehr sehr leicht ist: Sie bringen mich in Wallung. Edel-Personalberater Thorborg drückt seine „Excellence in Executive Search“ allen Ernstes dadurch aus, dass er gleich sämtlichen Vorständinnen pauschal die Eignung abspricht. Sattelberger hingegen macht die über Jahrzehnte entstandenen männlich geprägten Managementkulturen für das Dilemma verantwortlich. Beide Herren sind auf dem Holzweg, wobei der des Hern Thorborg mit deutlich größeren Splittern versehen ist.

Vielleicht würde es helfen, wenn wir uns trotz der Thematik ausnahmsweise einmal ein wenig lösen könnten von der Frau-Mann-Dialektik. Denn so prägend unser biologisches Geschlecht sein mag, so individuell sind die Ansprüche an Arbeitswelten, die Qualifikationen und Karrierewege und letztendlich eben auch die Gründe für das Scheitern in bestimmten Positionen und Konstellationen. Wenn wir das anerkennen, dann schaffen wir vielleicht auch etwas, das in der ganzen Debatte schon lange zu kurz kommt: die Wertschätzung des Individuums. Und Frau oder Mann: ganz gleich(!).

Ich kann nicht beurteilen, welche Umstände dazu geführt haben, dass Heidi Stopper nicht mehr für ProSiebenSat1 tätig ist, weshalb Bertelsmann sich von Judith Hartmann trennt oder warum Angela Titzrath die Deutsche Post verlassen hat. Die Tatsache, dass sich keine der Damen zu diesen Umständen äußern mag, hängt erheblich mehr damit zusammen, wie heutzutage Aufhebungsregelungen gestaltet sind, als mit der Tatsache, dass Frauen in männlich geprägten Unternehmenswelten scheitern. Letzteres bedarf dennoch einer genaueren Analyse.

Und damit sind wir tatsächlich bei den Sattelbergerschen Managementkulturen. Diese sind zwar männlich geprägt, doch kennt das Unbehagen darüber eben keine Geschlechtsdetermination. Im Gegenteil: Junge Frauen und junge Männer fühlen sich in diesen Kulturen ausgesprochen unwohl. Der Unterschied ist aber, dass Frauen sich dieser Tatsache längst bewusst sind, während Männer sich nach wie vor eher (ein)fügen. Außerdem gibt es für Frauen in der genannten Wahrnehmungs-Situation bereits einen medialen Diskursraum. Männer hingegen finden noch kaum ein Ventil für ihre Frustration.

Und genau an dieser Stelle liegt die große Chance für eine gleichberechtigte Gesellschaft. Indem Frauen und Männer endlich den Schulterschluss herstellen gegen anachronistische Wirtschafts- und Unternehmenskulturen, schaffen sie wahren Fortschritt. Was fehlt, ist ein Pendant zum Feminismus, das Männer einschließt und gleichzeitig der Gleichberechtigung Vorschub leistet. Alle anderen Debatten zementieren den Status Quo und heben Gräben zwischen den Geschlechtern aus, die es eigentlich so nie geben müsste.

Was das für die Quote bedeutet? Sie ist Mittel zum Zweck und daher legitim. Vielleicht ist sie sogar nötig. Wenn wir aufhören das Mittel der Frauenquote über den Zweck der Gleichberechtigung vor dem Hintergrund einer zukunftsgewandten Gesellschaft zu stellen, dann haben wir viel erreicht.

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