Jesper Juul und die Leitwölfe – Erziehungskonzepte als Grundlage für moderne Leadership

Jesper Juul ist der Guru unter den Erziehungs-Experten. Seine Empfehlungen helfen modernen Familien seit vielen Jahren bei der elterlichen Orientierung. Doch sind seine Ratschläge weit mehr als nur familientauglich. Übertragen auf die Arbeitswelt zeigt Juul, dass es vor allem um eines geht: um Beziehungen.

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Von elterlichen Führungsrollen kann man vieles lernen

In seinem neuesten Buch „Leitwölfe sein“ nimmt der dänische Familien-Experte Jesper Juul Eltern in die Pflicht und fordert sie auf Führung in der Familie zu übernehmen. Gleichzeitig führt er ein neues Paradigma ein: das der „Gleichwürdigkeit“. Grundsätzlich gehe es dabei, so Juul, „um die gleiche Würde, die jedem Menschen zugestanden wird; sie ist entscheidend für die Qualität einer Beziehung.“ Und weiter: „Die ideale durch Erwachsene ausgeübte Führung ließe sich folgendermaßen beschreiben: Sie ist proaktiv, empathisch, flexibel, dialogbasiert und fürsorglich.“ (Juul, Jesper. Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie. Weinheim: Beltz. 2016. S. 24)

Wie führt ein Leitwolf?

Juul erklärt diese Begriffe im weiteren Verlauf des Kapitels. Dabei ergibt sich ein hochinteressanter Perspektivenwechsel, wenn man dabei den Kontext Erziehung verlässt und die Prinzipien auf Führung im Sinne von Mitarbeiterführung und Leadership in Unternehmen anwendet (im folgenden Transfer genannt).

Proaktiv in der Führung zu agieren bedeute, so Juul, dass man als Führender seinen eigenen Werten und Zielen entsprechend handle, anstatt auf das, was das Gegenüber sage oder tue, lediglich zu reagieren.

Transfer: Frei übersetzt hieße das in etwa „walk the talk“ – ein Prinzip, durch dessen Anwendung Führungskräfte zeigen, dass auf ihre Worte auch Taten folgen. Dies ist unverzichtbar innerhalb einer authentischen Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter, für die Glaubwürdigkeit eine Grundbedingung darstellt.

Empathie, so Juul weiter, sei die Fähigkeit einen anderen Menschen wirklich wahrzunehmen. Selbstverständlich bedarf es dafür ein entsprechendes zeitliches Commitment sowie den Willen das Gegenüber in allen Facetten sein zu lassen.

Transfer:  Ohne die Fähigkeit zur Empathie bleibt Führung stets an der Oberfläche. Zu ihr gehört nicht nur das Wissen um Lebensumstände, Motivation und persönliche Situation der Mitarbeiterin und des Mitarbeiters, sondern vor allem die situative Wahrnehmung sich verändernder Parameter. Führung kann niemals statisch bleiben, sie muss im emphatischen Kontext agieren und reagieren können.

Flexibilität setzt Juul in der Erziehungsarbeit ganz bewusst dem Wunsch nach stetiger Konsequenz entgegen. Nur so könne man Veränderungen beim Kind und bei sich selbst berücksichtigen. Ich halte diesen Ansatz nicht nur für richtig und zielführend, sondern auch für ausgesprochen sympathisch.

Transfer: Flexibel zu sein schafft die Voraussetzung für eine gute Beziehung zwischen Mitarbeiter_in und Chef_in. Zwar lautet eine der meist genannten Voraussetzungen für gute Führungskräfte „Berechenbarkeit“, doch steht diese meiner Auffassung nach der Flexibilität keineswegs entgegen; so lange man berechenbar, also verlässlich flexibel agiert.

Fürsorglich und dialogbasiert sei es, so Juul abschließend, wenn die Wünsche und Vorstellungen des Kindes, dessen Gedanken, Ideen und Gefühle, auch dann Berücksichtigung fänden, wenn sie den eigenen Ansichten zuwiderliefen. Was zunächst nach antiautoritärer Erziehung klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Grundvoraussetzung für den langfristigen Beziehungsaufbau.

Transfer: Übertragen auf die Arbeitswelt ist nichts anderes als das Ende von Top-down-Entscheidungen gemeint, während gleichzeitig das Basis-Setup für ein demokratisches Unternehmen skizziert wird.

Säulen der elterlichen Führung

Jesper Juul nennt im nächsten Schritt (Juul, Leitwölfe. S. 21-40) vier Eckpfeiler, die seiner Ansicht nach Führung durch Erwachsene manifestieren sollten:

  • Persönliche Autorität
  • Persönliche Verantwortung
  • Selbstwertgefühl
  • Gegenseitiges Lernen

Diese Säulen definieren die Beziehung zwischen den Erziehenden und den Kindern; eine Beziehung, die Juul ausdrücklich nicht als Einbahnstraße verstanden wissen will. Auch hier sind die Parallelen zu Leadership offensichtlich, wenn auch – wie im Falle des dritten und vierten Aspekts – in dieser Konsequenz bislang selten umgesetzt.

Die Würde des Mitarbeiters ist (un)antastbar

Ich möchte hier aus Zeit- und Platzgründen auf den Aspekt des Selbstwertgefühls näher eingehen. Denn er knüpft an das eingangs erwähnte Paradigma Juuls an. Gleichwürdigkeit hängt sehr stark mit dem Selbstwertgefühl zusammen. Und es ist diese Schnittstelle, die beim Blick auf die Konstellationen in der Arbeitswelt besondere Aufmerksamkeit verdient. Juul schreibt:

„Wenn Sie also in einen Machtkampf mit einem Kind geraten, liegt das meistens daran, dass Sie die Macht wollen und das Kind versucht, seine persönliche Integrität – zu der auch seine Würde gehört – zu schützen. Kinder haben kein Interesse daran, Macht über ihre Eltern zu haben. Aber sie messen ihrer Autonomie und ihren persönlichen Grenzen hohen Wert bei, und sie werden so lange für diese kämpfen, bis sie schließlich gebrochen und erniedrigt sind.“ (Juul, Leitwölfe. S. 39)

Machtkämpfe gehören im beruflichen Kontext häufig zum Alltag, auch und vor allem, wenn Menschen in Führungsverantwortung involviert sind. Meine Überzeugung ist es, dass auch Mitarbeiter kein gesteigertes Interesse an Macht über ihre Vorgesetzten haben. Dennoch setzen Letztere ihre Agenda allzu oft auf genau die Art und Weise durch, die Juul anprangert. Dabei verletzten sie die Würde ihrer Mitarbeiter_innen und zerstören Beziehungen nachhaltig.

Führung über Empathie

Eine Beziehung zwischen Chef_in und Mitarbeiter_in, bei der es um unbedingte Durchsetzung mittels institutioneller Macht geht, hat in einem demokratischen Unternehmen nichts verloren. Es ist Aufgabe der/des Vorgesetzten dafür Sorge zu tragen, dass die individuellen Grenzen der Integrität nicht überschritten werden. Dafür benötigt sie/er jedoch ein bestimmtes Rüstzeug. Empathiefähigkeit und Reflexionswille gehören unbedingt dazu. Erst dann ist ein respektvoller Umgang innerhalb einer solchen Beziehung überhaupt möglich.

Natürlich sprechen wir im Zusammenhang mit Führung im Unternehmen idealerweise von erwachsenen Beziehungen. Doch wie häufig kommt dabei das innere Kind zum Vorschein? Wer ist an dieser Stelle schon völlig austherapiert, bevor er oder sie ins Berufsleben eintritt? Daher sollte an der Stelle, wo es um Integrität und Würde geht, ein besonders hohes Maß an Sensibilität angelegt werden. Es wird sich auszahlen: durch erheblich verbesserte Beziehungen. Und diese nutzen bekanntlich allen Beteiligten, nicht zuletzt dem Unternehmen selbst.

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