Digitales Deutschland: System-Upgrade dringend empfohlen

Anfangs hieß es noch schlicht „Internet“, später dann Web 2.0. Und wenn man aktuell über informationstechnologischen Fortschritt spricht und dabei zum Ausdruck bringen will, dass man mitreden kann, muss man mindestens eine Versionsnummer verwenden, die mit einer Vier beginnt. Gleichzeitig hat sich eine Begrifflichkeit etabliert, die vor allem auf ein kontradiktorisches Antonym zu „analog“ setzt: Es ist vielfach nur noch die Rede von „digital“ und von „dem Digitalen“.

Es geht um nichts Geringeres als um die Veränderung von Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft durch (digitale) Technologien. Für die dem Digitalen immanente Veränderung hat sich zudem gemeinhin der Begriff der Digitalen Transformation etabliert. Und dieser beinhaltet alles, was an Unsicherheit, Angst oder auch Hoffnung und Aufbruchstimmung mitschwingt. Letztendlich sagt er jedoch nur sehr wenig aus.

Bevor dieser Text nun gleich aufmerksamkeitsökonomischen Schiffbruch erleidet oder ein abschätziges „tl;dr“ in der Kommentarspalte landet: Es geht mir nicht um Fortschrittspessimismus oder gar Nestbeschmutzung der Digitalen Gesellschaft. Im Gegenteil. Es geht darum, dass bei allem Kampf um die Deutungshoheit inmitten einer digitalen Revolution eines viel zu häufig aus dem Fokus der Debatte zu verschwinden droht: der Mensch.

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Digitale Gesellschaft – mehr als Einsen und Nullen

Interessanterweise ist es eigentlich gerade die Digitalwirtschaft, die ihre Arbeitsweise nutzerzentriert ausrichtet. Doch scheint es mit der Fokussierung auf Menschen nicht allzu weit her zu sein. Denn die Konzentration gilt in der Regel nur dem Projekt und dem Budget und nicht der langfristigen Gestaltung von Systemen zur Steigerung eines Gemeinwohls.

Strategy eats culture for breakfast[sic]

Viele der Lenker und selbsternannten Vordenker der etablierten Branchen und Unternehmen des berühmten Industriestandorts Deutschland scheinen nicht ansatzweise anerkennen zu wollen (oder zu können), dass es kein technologisch initiierter Homerun werden kann, wenn altes Denken und alte Systeme auf neue Technologien und auf Anforderungen an moderne Arbeitskulturen treffen. Doch scheinen die Reflexe in Wirtschaft und Politik genau in diese Richtung zu gehen. Einen höheren Zweck sucht man jenseits der Corporate Governance Prosa oft vergeblich.

Die Human Resources programmieren die Employer Branding Maschine rasch noch auf die Kohorte der sog. „Millennials“, während männliche Mittfünfziger in den Chefetagen der Konzerne und auf den Podien der Lobbyverbände Phrasen dreschen vom Internet of Things oder der Industrie 4.0. Kaum einer weiß, was er da redet, geschweige denn, wie er seine Organisation und seine Mitarbeiter dorthin bekommt. Und in einer solchen Situation lässt sich vortrefflich Geld verdienen. So planen die meisten ihren nächsten Karriereschritt hin zur sich bereits andeutenden Vollendung des beruflichen Lebenswerks. Nach mir die Sintflut. Analog oder digital? Mir doch egal.

Dabei sind die Aufgaben riesengroß. Maschinen und Roboter werden mittelfristig viele der Jobs ersetzen, für die wir unsere Kinder und Jugendlichen noch heute stur ausbilden. Automatisierung von Prozessen klingt für den durchschnittlich begabten Konzern-Controller verheißungsvoll, für den Normalsterblichen im Opel-Werk in Eisenach kann sie schlicht das Ende der ökonomischen Daseinsberechtigung bedeuten. An deren Stelle tritt: nichts. Es fühlt sich auch weit und breit niemand dafür verantwortlich zu erklären, wie es mit unserer „Employability“ zukünftig weitergehen wird.

Angst essen Lösung auf 

Unternehmen haben heute in den allermeisten Fällen nicht einmal mehr das kleine Einmaleins der Beziehungsarbeit zu ihrer Belegschaft drauf. Sie stiften statt Sinn nur Angst und Verwirrung, wenn sie jedes Individualschicksal der großen Optimierungsmaschine unterwerfen. Humankapital eben. Stellenabbau, permanente Befristung und prekäre Lohnsituation mag kurzfristig dem Shareholder Value dienen – langfristig führt es in eine gesellschaftliche Katastrophe.

Gerade die digitale Industrie ist eine große Chance für unser Land. Doch anstatt mutig und voller Aufbruchstimmung Neues zuzulassen und alte Systeme auf den Kopf zu stellen, karren wir Busladungen grauer Damen und Herren durchs kalifornische Silicon Valley. Auf dass Sie die Muse der digitalen Innovation durchs Busfenster hindurch küssen möge. Absurd.

Hierzulande gibt es indes ganze Konzern-Abteilungen, deren Mitarbeiter noch nie in der primären Wertschöpfung gearbeitet haben. Diese Leute schaffen es allenfalls zu optimieren, wenngleich niemals sich selbst – abgesehen vielleicht vom Fitnessarmband. Für Leadership im digitalen Zeitalter sind sie hingegen i.d.R. völlig ungeeignet. Sie sorgen für den Erhalt des Status Quo, denn dieser ist es schließlich, der ihnen ihre Statussymbole finanziert. Altruistische, gesellschaftlich verantwortliche Motive sind ihnen zumeist fremd.

Zahlen, bitte!

Das Zauberwort hieße Teilhabe. Ein weiteres: Verantwortung. Dafür brächte es jedoch einen anderen Schlag CEO als den des ehemaligen Finanz-Chefs an der Konzernspitze. Doch gerade dieser scheint zum Prototypen des modernen Unternehmenslenkers geworden zu sein. Wieso eigentlich? Das klingt nicht nach Innovation, sondern nach Netz und doppeltem Boden.

Provokant gefragt: Soll uns wirklich Graf Zahl in die digitale Zukunft führen? Eine Zukunft, die wesentlich davon abhängt, dass wir experimentieren, Fehler machen, uns etwas trauen? Jeder, der schon einmal versucht hat Budget für ein nicht vorhersehbares Projekt allokiert zu bekommen, weiß, wie deutsche Konzerne an dieser Stelle gestrickt sind. Selbstverständlich ist es gerade die Digitalbranche, die extrem zahlenorientiert arbeitet. Das ist auch so lange legitim, wie eine solche Vorgehensweise ein tieferes Verständnis der Materie und nicht ausschließlich die Optimierung des Altgeschäfts zum Ziel hat.

Kopfstand der Systeme

In dem Moment, in dem hierarchische Systeme durch den Wegfall Jahrhunderte alter Paradigmen kollabieren, entsteht eine riesige Leerstelle. Die zu füllen, etwa mit Sinn, Optimismus oder Werten, wäre auch und gerade die Aufgabe der Arbeitgeber, der Gewerkschaften und der Politik. Doch diese Stakeholder haben sich längst von einem solchen Solidarpakt verabschiedet. So wird das Individuum zur Zahl und ausgerechnet die methodenfetischistische Scheinwissenschaft BWL zur Blaupause für eine technologische Revolution.

Der britische Journalist und politische Aktivist George Monbiot beschrieb im Guardian in diesem Zusammenhang das Phänomen, dass wir die neoliberale Wirtschaftsordnung inzwischen als Naturgesetz anerkannt haben, anstatt ihn als das zu beurteilen, was er ist: eine Ideologie:

„So pervasive has neoliberalism become that we seldom even recognize it as an ideology. We appear to accept the proposition that this utopian, millenarian faith describes a neutral force; a kind of biological law, like Darwin’s theory of evolution. But the philosophy arose as a conscious attempt to reshape human life and shift the locus of power.“

Neues Denken statt altes Wachstum

Bevor wir weiterhin die Digitale Transformation als Lösung und Ziel zugleich für den Standort Deutschland propagieren, müssen wir uns unserer kollektiven wie individuellen Verantwortung bewusst werden. Diese betrifft nahezu alle Bereiche: von Schule und Ausbildung über Paarbeziehung und Elternschaft bis hin zu Wirtschaft und Politik. Angesichts dramatischer Veränderungen in einer nie zuvor gekannten Dimension ist jetzt die Zeit Weichen zu stellen und zu gestalten. Und zwar entlang anderer Parameter als derer des Neoliberalismus.

Dabei sollten wir uns immer vor Augen halten, dass sich hinter „digital“ nicht ausschließlich ein Algorithmus befindet, mit dem Vorhandenes noch effizienter gemacht werden kann. Die digitale Ökonomie ist auch und vor allem eine Ökonomie neuen Denkens entlang neuer Parameter. Sie verändert unser Denken und Handeln und stellt (hoffentlich) wieder den Menschen in den Mittelpunkt. Wir haben uns zuletzt viel zu sehr unserer Rolle als Produktionsfaktor unterwerfen lassen. Die digitale Ökonomie und eine ihr zugrunde liegende Gesellschaft hat die Chance diesen Fehler zu korrigieren.

Eine post-kapitalistische Gesellschaft wird sich nicht von alleine ausbilden, indem man alles den Gesetzen und Dynamiken irgend eines Marktes überlässt. Sie will und muss gestaltet werden. Dafür sind wir verantwortlich. Stellen wir uns also die richtigen, die fundamentalen Fragen. Wie wollen wir leben? Was ist uns wichtig? Was zählt der Mensch? Erst dann bringen wir Technologie zum Einsatz um diese Welt nach unseren Vorstellungen zu gestalten.

6 Gedanken zu “Digitales Deutschland: System-Upgrade dringend empfohlen

  1. Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:
    Wie wahr: Die Human Resources programmieren die Employer Branding Maschine rasch noch auf die Kohorte der sog. „Millennials“, während männliche Mittfünfziger in den Chefetagen der Konzerne und auf den Podien der Lobbyverbände Phrasen dreschen vom Internet of Things oder der Industrie 4.0.

  2. Hat dies auf Digital Naiv rebloggt und kommentierte:
    Auch wenn mir mein Freund Jörg wieder (Middle) Management-Bashing vorwerfen mag. Ich kann viele der Aussagen aus vollstem Herzen und hoffentlich bei klarem Verstand unterschreiben:

  3. Pingback: Alles beim Alten? Ein Blick auf die acatech-Initiative “HR-Kreis” | Digitale Tanzformation

  4. Pingback: Freitagsgedanke: das H von HR | AHa-Erlebnisse

  5. Pingback: Wochenlinks 17 | digitales ABC

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