Rape Culture und männliche Verantwortung

pencil-1203982_1920

Der Fall Brock Turner dominiert derzeit viele US-Medien. Der Stanford-Student war Anfang des Jahres zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden, nachdem er im Januar 2015 auf einer Verbindungsparty an der Elite-Universität Stanford eine 22Jährige vergewaltigt hatte. Die Frau war während der Gewalttat bewusstlos.

Noch verstörender als die gering anmutende Strafe wirkt der Brief, den Turners Vater an den Richter geschrieben hatte. In diesem stuft der Vater die Haftstrafe für seinen Sohn als zu streng ein und spricht von lediglich „20 minutes of action“. Das machte nicht nur die Stanford-Professorin Michele Dauber fassungslos, die einen Teil des Briefes veröffentlichte.

Anne Theriault nennt in einem aktuellen Artikel mit dem Titel „Men See Themselves In Brock Turner—That’s Why They Don’t Condemn Him“ einige Aspekte des zugrunde liegenden Narrativs, wonach junge, weiße Vergewaltigungs-Täter häufig in einem Licht dargestellt würden, als verbaue ihnen eine allzu harte Strafe ihre Zukunft. Vom Opfer sei oft nur am Rande die Rede.

Ein Statement des Opfers wurde von BuzzFeed veröffentlicht. Anne Theriault schreibt in diesem Zusammenhang:

„I’m willing to bet that more than a few men read the victim’s letter and had a pang of recognition—not of her experiences, but his.“

Viele Männer, so Theriault, würden selbst auf Partys gehen „with the intention of hooking up with someone.“ Und ja, spätestens an dieser Stelle setzt meine eigene Reflexion ein. Denn diese Absicht ist mir in einer gewissen Weise vertraut, wenn auch anders, als es vielleicht zu erwarten wäre. Denn eines war und ist mir stets heilig: Nein heißt nein. Immer.

Doch erinnere ich mich auch an Gelegenheiten, bei denen mir meine eigene Akzeptanz eines „Nein“ zu schaffen machte. Die Tatsache, dass ich nach einer durchfeierten Nacht nicht bei einer Frau landete, ließ mich mitunter an mir zweifeln. Denn um mich herum sah ich nicht selten, dass diejenigen Männer „erfolgreich“ waren, die sich gelegentlich auch über ein Nein hinwegsetzten.

Insgeheim wusste ich, dass ich das Richtige tat. Dennoch waren die Spielregeln häufig andere als meine. Das steht nicht jeder Junge und nicht jeder Mann selbstbewusst durch. Daher ist es auch von so enormer Bedeutung, dass wir unserem männlichen Nachwuchs unmissverständlich und frühzeitig beibringen, was ein Nein bedeutet; nämlich ganz einfach: nein. Und dass es keinesfalls ein Defizit ist es dann dabei bewenden zu lassen, sondern Ausdruck von Respekt und, ja, Männlichkeit.

Und wir müssen noch viel weiter gehen. Denn ein Nein kann so viele Facetten haben. Anne Theriault schreibt dazu:

„Perhaps in their case the girl was drunk, yes, but not so very much more drunk than they were, and she seemed to like it and the next morning they went out for breakfast. Perhaps the girl said yes to kissing and touching and even though she froze up when he tried to penetrate her she never actually said no. Perhaps he thought that every yes starts out as a no because someone told him so, or because every movie or TV show he’d seen showed a women having to be cajoled and worn down befor[sic] she agreed to sex.“

Es geht bei der Sensibilisierung von jungen Männern um Verantwortung und um die Einschätzung der Folgen des eigenen Verhaltens. Teresa Bücker schreibt in ihrem Artikel zum Fall Gina-Lisa Lohfink: „[S]exualisierte Gewalt schweißt uns als Frauen unfreiwillig zusammen (…).“ Und das gilt auch für uns Männer: Sexualisierte Gewalt ist für uns alle ein Thema, nur ist unsere Perspektive eine andere. Wir sind in der Regel Täter, also haben wir auch ein anderes Maß an Verantwortung.

Unserer Verantwortung können wir auf unterschiedliche Arten gerecht werden, zum Beispiel, wie gesagt, in der Erziehung unserer Söhne. Aber wir können und müssen das auch und vor allem durch unser eigenes Verhalten tun. Und das schließt größtmögliche Sensibilität ein. Denn lieber bei fünf Gelegenheiten einen vorsichtigen Rückzieher gemacht, als auch nur einmal eine Grenze überschritten. Und ja: Das ist gar nicht so einfach, wenn Gefühle und Hormone im Spiel sind. Doch Affektkontrolle ist i.d.R. eine Fähigkeit, die uns vom (männlichen) Tier unterscheidet.

Es wird also Zeit die Spielregeln von Liebe und Sex neu zu interpretieren. Dazu gehört die Übernahme von Verantwortung, und zwar ohne jegliche Konsens-Fantasien. Und dazu gehört die Ablehnung jeglicher Interpretation eines verbal oder non-verbal geäußerten „Nein“.

Vielleicht hilft uns bei der Lösung auch die Frage nach einem neuen „Ja“ als Gegenentwurf zum allzu oft missbrauchten, vermeintlich uneindeutigen Nein. Denn wenn wir sicher sein können, dass ein Nein jederzeit und ohne Dehnbarkeit der Bedeutung akzeptiert und respektiert wird, dann können wir uns vielleicht wieder auf ein klares Ja einlassen. Und zwar auch dann, wenn später doch noch ein Nein folgt. Was akademisch klingt, ist letztendlich die Herstellung von Eindeutigkeit unter Aufrechterhaltung individueller Entscheidungssouveränität.

4 Gedanken zu “Rape Culture und männliche Verantwortung

  1. Bei den Fall ist es doch nun wirklich einfach eine Regel herzuleiten:

    Habe keinen Sex mit bewusstlosen.

    Mit nein heißt nein hat das erst einmal wenig zu tun

    Und natürlich sollte man keinen sex erzwingen. Aber so etwas dogmatisches wie „jedes nein bedeutet Abbruch aller Bemühungen und reden, was sie nun genau will“ scheint mir auch an der Praxis vorbei.

    Ich habe hier mal etwas zu meinen Erfahrungen damit geschrieben:

    https://allesevolution.wordpress.com/2010/11/24/nein-heist-nein-der-groste-gegner-sind-frauen/

    • Nun habe ich in meinem Blog einen Link zu (D)einem Beitrag, in dem Du Dich bereits im Eingangssatz zu „Nein ist Auslegungssache“ bekennst. Ich habe dennoch weitergelesen. Weder im Beitrag, noch im Kommentar hier gehst Du auf meinen Text ein. Dennoch will ich mir die Mühe machen zu antworten.

      Ich verstehe, dass man(n) es als sehr bemüht auffassen kann, wenn ich für die bedingungslose Akzeptanz eines Nein eintrete. Wir brauchen jedoch einen Paradigmenwechsel, und zwar vor allem einen in der männlichen Rezeption vermeintlicher weiblicher verbaler und non-verbaler Signale. Die Übergangsphase hin zu einem neuen Miteinander klarer Verhältnisse (z.B. „Ja“) wird nicht leicht werden. Du argumentierst jedoch ausschließlich auf der Ebene des Status Quo. Wir sind m.E. einen Schritt weiter in der Debatte.

      Zudem sollten wir uns daran gewöhnen, dass das, was gesagt wird, auch zu akzeptieren ist. Alles andere wäre #mansplaining bzw. #maninterpreting mit dem einzigen Ziel einen Treffer zu landen, sprich: Sex zu haben. Erst, wenn Frauen sicher sein können, dass ihr Nein jederzeit bedingungslos akzeptiert wird, erst dann kommen wir zu einem neuen Miteinander. Und nein: Ich bin nicht die Flirtpolizei.

      „[A]ls hätten sie jetzt genug deutlich gemacht, dass sie ja anständige Mädchen waren“ ist eine Abwertung weiblicher Souveränität und Integrität und in etwa das Gegenteil von dem, was ich vorschlage. Und dass Frauen Männer bevorzugen, die sich in die von Dir benannte Mittelzone vorwagen… puh, da habe ich allergrößte Zweifel.

      Dennoch freue ich mich über (männliche) Reflexion und konstruktive Debatte.

      • Ich glaube du verkennst da das Interesse von Frauen.
        Die meisten Frauen können sehr gut auf allen ebenen, nicht nur der wörtlichen, kommunizieren und damit auch deutlich machen ob sie „nein, keusch stöhn, das ist noch zu früh, seufz, was bist du frech“ oder „nein! ernsthaft, lass den mist!“ meinen. Sie fühlen sich wesentlich wohler bei einem Mann, der das auch kann, als bei jemanden, der sich sprachlich doof stellt und beständig nachfragt oder abbricht

        Hier mal ein Text als Beispiel, bei dem mich interessieren würde, wie es bei dir gelaufen wäre

        https://allesevolution.wordpress.com/2013/09/29/wir-schlafen-heute-nicht-miteinander/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s