Komplexität und Meinungspluralismus sind Grundbedingungen unserer Zeit 

Es gibt Tage, an denen ich gar nichts mehr zu verstehen glaube. Angesichts beinahe (all)täglicher Schreckensmeldungen fehlt mir einerseits das emotionale Reservoir für eine angemessene Reaktion auf jede einzelne der vielen Katastrophen, andererseits mangelt es mir an intellektueller Kapazität sämtliche Zusammenhänge zu durchschauen. Und dann gibt es wiederum Tage, an denen sich wieder Klarheit einstellt. Zum Beispiel heute, als mir dämmerte, dass der eingangs beschriebene Zustand die neue Normalität sein könnte.

Geholfen haben mir bei dieser Erkenntnis zwei Interviews. Das erste war ein Deutschlandfunk-Gespräch zwischen dem Soziologie-Professor Armin Nassehi und Frank Kaspar. Nassehi spricht darin unter anderem von „Perspektivendifferenz“ als Zentrum seines soziologischen Denkens. Er meint damit eine „Gesellschaft, die man nicht mehr aus einer Zentralperspektive erfassen kann, die von Gleichzeitigkeiten, von parallelen Blicken, Perspektiven, Denklogiken geprägt ist.“ Weiter sagt Nassehi:

„Moderne Gesellschaften zeichnen sich wirklich dadurch aus, dass zum Beispiel jemand, der ökonomisch handelt, ein anderes Problem lösen muss als jemand, der politisch handelt. Jemand, der medial handelt, ein anderes Problem lösen muss als jemand, der wissenschaftlich handelt. Und so weiter, und so weiter. Und das kann man nicht einfach harmonisieren, indem man das moralisch oder im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel unter eine Knute bringt.“

Das zweite Interview war ein 3sat-Gespräch zwischen Peter Voß und dem Historiker Dan Diner. Darin wurde auch die Frage erörtert, ob die derzeitigen globalen Herausforderungen angesichts ihrer Komplexität überhaupt zu bewältigen seien. Diner sieht dies kritisch und verweis darauf, dass die so genannte Generation X in weitgehender Konfliktfreiheit aufgewachsen sei. Zwar hätte sie der Kalte Krieg geprägt, mit ihm sei jedoch auch eine binäre Sicht auf richtig und falsch, gut und böse eingekehrt. Diese gebe es nun nicht mehr, man müsse sich auf steigende Komplexität und größere Unsicherheit sowie auf zunehmende Konflikte einstellen. Dies falle der erwähnten Generation besonders schwer.

Mir haben beide Sichtweisen bei der Annäherung an die derzeitige Konfliktlage geholfen. Sie befreien mich einerseits von dem Drang Zusammenhänge vollumfassend begreifen und deuten zu müssen und dadurch zu einer einzigen und „wahren“ Perspektive zu gelangen. Ganz offensichtlich darf und muss man Komplexität zulassen und sich darauf einstellen, dass es mehrere legitime Annäherungen an die Lösung globaler und lokaler Herausforderungen gibt.

Für mich ergeben sich aus dieser Erkenntnis mindestens zwei Folgerungen: Erstens brauchen wir für einen breiten gesellschaftlichen Diskurs starke Debattenbeiträge aus unterschiedlichen Bereichen und von unterschiedlichen Experten. Das steigert zwar zunächst die Komplexität, schafft aber gleichzeitig eine Pluralität an Perspektiven. Beides ist notwendig um Wege auszuloten und Zukunft zu gestalten.

Zweitens ist das, was Armin Nassehi Perspektivendifferenz nennt, ein sehr demokratischer Vorgang. In einer Zeit, in der Politik im Verdacht steht lediglich Klienteninteressen zu bedienen, könnte daraus eine integrative Kraft entstehen. Wir sollten uns daher alle angewöhnen uns auf Basis unserer jeweiligen Prägung und unserer verschiedenen Expertisen an den Debatten zu beteiligen.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die alten Dualismen nicht mehr zur Einordnung globaler Fliehkräfte taugen. Die Parameter, die uns bislang zur Deutung weltpolitischer Ereignisse zur Verfügung standen, bedürfen einer sukzessiven Erweiterung. Gleichzeitig müssen wir lernen zuzulassen, dass es mehr als die eine Sicht auf die Dinge gibt. Zukünftig wird es mehr um das Austarieren komplexer Strukturen gehen als um die Durchsetzung einer einzigen Weltsicht. Und vielleicht gehört dazu auch mehr als nur die argumentative Ebene.

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