Keine Opposition, nirgends – warum Arbeitgeber mit uns (fast) machen können, was sie wollen

Wir sollten mal eine Grundsatzdiskussion führen. Über Arbeit. Und über Nicht-Arbeit.

Letzteres heißt ja gerne mal „Life“ und wird häufig im Zusammenhang mit Balance diskutiert. Findige Geister sprechen inzwischen gar von der „Work-Life-Integration“. Doch egal, ob Balance oder Integration: Etwas läuft ziemlich schief.

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Wir alle haben Verantwortung. (Bild: unsplash.com)

Die ganze „New Work“-Debatte droht mittlerweile zur Lachnummer zu werden. Denn viel mehr als eine Worthülse ist bisher nicht daraus geworden. Auch Versionsnummern scheinen nicht weiterzuhelfen: „Arbeit 4.0“ ist jedenfalls noch nicht so recht angekommen in der so genannten Mitte unserer Gesellschaft.

Aber wer ist schuld daran? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass wir Arbeit noch immer anhand z.T. Jahrhunderte alter Kriterien beurteilen? Wieso ist noch nicht mehr passiert?

Sind es ausbeuterische Unternehmen, unwürdige Arbeitsbedingungen, Nichtvereinbarkeit oder ähnliche Missstände? Ja. Auch. Ganz bestimmt sogar. Aber wenn wir ganz ehrlich sind, dann müssen wir anfangen zuzugeben: Wir tragen selbst einen nicht unerheblichen Teil an Verantwortung. Denn wir sind träge, inkonsequent und ängstlich. Und das spiegelt sich in vielen Aspekten wider.

Wir beschweren uns seit Jahren über unsere Arbeitgeber, die keine Führungsqualität bieten, die uns das Berufsleben zur Hölle und unser Privatleben zum Eiertanz werden lassen.

Wir jammern tagein, tagaus über das Gehetze, das unseren Alltag erodiert, das uns von A nach B hasten und keine Zeit zum Innehalten lässt.

Wir meckern pausenlos über das liebe Geld, das uns nicht ruhen lässt, das Monat um Monat für Rastlosigkeit und Dauerstress sorgt.

Wir hadern stets mit der Vielzahl an Anforderungen, die uns bestimmt, die keine Entspannung möglich und uns Schritt für Schritt mürbe macht.

Wir huldigen dem Prinzip „Lean in“, wir kaufen Ratgeber für erfolgreiche Karrieren, wir lassen uns coachen und liften und optimieren, und landen am Ende doch im Hamsterrad fauler Kompromisse und energetischer Offenbarungseide.

Aber das Schlimmste ist: Wir lassen all das mit uns machen. Warum nur?

Weil wir träge sind. Wir wählen lieber den bekannten Schrecken als den Aufbruch zu Neuem. Das mag evolutionär erklärbar sein, besser oder richtiger wird es dadurch nicht.

Weil wir feige sind. Wir reißen die Klappe im Freundes- und Familienkreis auf, geben jedoch klein bei, sobald es darum geht vor Vorgesetzten vehement für unsere Belange einzustehen.

Weil wir unreflektiert sind. Wir leben die Leben unserer Eltern, weil es einfacher ist Bekanntes nachzuahmen statt neues Terrain zu erkunden.

Ich war sicherlich auch schon feige, träge oder unreflektiert. Aber ich gebe mich nicht damit zufrieden. Ich hadere regelmäßig mit mir und bestimmten Umständen. Aber ich internalisiere das nicht ausschließlich. Statt dessen hinterfrage ich meine Reaktion und mein Verhalten in bestimmten Situationen. Ich checke meine Haltung und überprüfe, ob und wie ich sie in Aktion umsetze. Manchmal laufe ich dabei gegen Wände. Doch grundsätzlich versuche ich stets in eine mehr oder weniger sachliche Opposition zu den Umständen zu gehen, die ich als nicht akzeptabel identifiziere – für mich und auch für andere.

Es ist daher an der Zeit eine klare Haltung zu entwickeln und sich in bestimmten Bereichen zu emanzipieren. Die Argumente sind dabei auf unserer Seite.

Wir sind keine Bittsteller, sondern wertvolle Arbeitskräfte, die sich für die Belange ihrer Unternehmen mit ganzer Energie einsetzen.

Wir widmen einen großen Teil unserer Lebenszeit dem Arbeiten und stellen unsere eigenen Ansprüche hinten an.

Wir sind kreativ, tragen mit Leidenschaft und Engagement Entscheidungen mit und setzen uns für das Vorankommen unserer Arbeitgeber ein.

Warum verhandeln wir dann nicht auf Augenhöhe?

In den vielen, vielen Debatten über Vereinbarkeit und Balance des beruflichen und privaten Lebens stelle ich immer wieder fest, dass viele, insbesondere Frauen, die Argumentation ihrer Arbeitgeber quasi in vorauseilendem Gehorsam übernehmen. Man müsse ja auch das Unternehmen verstehen, es sei schließlich nicht so leicht eine junge Mutter/einen jungen Vater zu ersetzen, die Kolleg_innen würden ja dadurch belastet, etc. etc.

Und dann frage ich mich, wie sich denn jemals etwas ändern soll, wenn selbst viele der Betroffenen nicht Willens sind für ihre Belange einzustehen. Als Gegenargument höre ich dann, dass das ja alles nicht so einfach sei, dass man schließlich Verpflichtungen (gerne Hypothek oder Kinder) habe, dass nicht jeder Mensch sich so leicht mit sowas tue, etc. etc.

Mich frustriert das: diese Trägheit, dieses nur bis zum eigenen Tellerrand blicken, diese vielen faulen Kompromisse, dieser Selbstbetrug. Veränderung funktioniert nicht ohne eigenes Zutun. Engagement für die Sache ist nicht immer nur mit Annehmlichkeiten verbunden. Doch an dieser Stelle müssen wir unsere Komfortzonen verlassen. Das sind wir uns selbst, unseren Familien und den nachfolgenden Generationen schuldig.

Fragen wir doch einmal umgekehrt: Was wäre dass Schlimmste, das passieren könnte, wenn wir uns in bestimmten Situationen nicht fügen, wenn wir nicht klein beigeben, wenn wir uns nicht verstecken? Diese theoretischen „worst case“ Szenarien machen in den allermeisten Fällen Mut, da die in der Regel gar nicht so schlimm sind wie wir ursprünglich dachten.

Es lohnt sich immer für die eigenen Belange und diejenigen anderer Benachteiligter einzutreten. Erst, wenn wir selbst bereit sind gegen Widerstände oder Übervorteilungen anzutreten, erst dann erwerben wir auch das Recht uns über Missstände zu beklagen. Schließlich müssen alle Beteiligten ihren Teil beisteuern um größere Veränderungen zu ermöglichen.

Ich wünsche mir daher mehr Streitbarkeit in der Sache, mehr Blick über den eigenen Horizont hinaus und mehr Reflexion über die eigene Rolle und Haltung. Und ich wünsche mir konstruktive Opposition, auch im Angesicht etwaiger persönlicher Nachteile. Es geht schließlich um unsere Zukunft und die unserer Kinder.

5 Gedanken zu “Keine Opposition, nirgends – warum Arbeitgeber mit uns (fast) machen können, was sie wollen

  1. Lieber Robert Franken,

    danke, Sie sprechen mir aus dem Herzen. Jammern ist einfach. Aber eigenverantwortlich einen eigenen Beitrag leisten eben nicht. Denn das bedeutet die Komfortzone, das Vertraute zu verlassen. – das tun leider die allerwenigsten. Es wäre ja ein Wagnis. Sehr schade drum. Es könnte sich so unglaublich viel mehr zum Positiven ändern. Etwas mehr Mut bitte, etwas mehr Offenheit, etwas mehr Reflektion über die eigene Rolle und etwas mehr Augenhöhe – all das würde ich mir wünschen.

    Beste Grüße
    Dagmar Walker

  2. Hallo Zusammen,

    Mir gefällt der Satz: „Ich wünsche mit mehr Streitbarkeit in der Sache.“

    Ich denke auch Apelle an Mut und Offenheit und Augenhöhe und weniger Trägheit und „raus aus der Komfortzone verpuffen und wirken sogar eher toxisch. Es geht also um die Sache, ja welche Sache denn?

    Ein Unternehmen hat als Zweck Kundenwünsche wirtschaftlich und nachhaltig zu erfüllen. Mit den Strukturelementen, die die meisten Unternehmen heute noch, wie vor 100 Jahren nutzen, fällt das immer schwerer. Es gilt also andere Strukturelemente in den Arbeitsalltag einzubauen, die in Richtung Kunde wirksam sind. Manche nennen das auch, Arbeit muss Sinn machen. Darüber sollten wir streiten, ausprobieren, Experimente starten usw.
    Die Moral, das diskreditieren von Verhalten, das Beschwören der Komfortzone gehört an den Stammtisch, es hilft leider in der Sache nix, außer was gesagt zu haben.
    Eine Idee noch, also ich arbeite am wirksamsten in meiner Komfortzone, da flutscht es, da geht es mir gut, da vergeht die Zeit wie im Flug, die Ergebnisse sind sensationell. Manche nennen das FLOW. Schade, dass mich viele aus dieser Komfortzone reißen wollen.

    Beste Grüße
    Robert Vogel

    • Danke für Ihren Kommentar. Bleiben Sie gerne in Ihrer Komfortzone und genießen Sie den Flow. Mir geht es um etwas anderes. Zum Beispiel darum, dass ich feststellen möchte, dass Veränderung keine Einbahnstraße sein kann. Gewisse Dinge muss ich mir auch erkämpfen, andernfalls habe ich wenig Argumente bei der Beschwerde über meine Arbeitsverhältnisse.

      „Ein Unternehmen hat als Zweck Kundenwünsche wirtschaftlich und nachhaltig zu erfüllen.“ Das ist eine Definition. Eine. Ihre? Es gibt, bei aller Customer Centricity, noch mehr Stakeholder. Und wenn „Work“ und „Life“ noch weiter ineinander verschmelzen, dann wird es höchste Zeit, dass die Arbeitnehmer_innen ihre Zukunftsperspektiven (auch gegen Widerstände) einbringen – und durchsetzen.

      Sie attestieren z.T. Stammtisch-Niveau. Welche Art Dialog erwarten Sie sich nach einer solchen Feststellung?

  3. Lieber Robert,

    es ist nur leider so, dass die Arbeit am Kulturwandel dort ihre Grenzen findet, wo die oberste Königs-Kaste alter Hierarchiedynastien merkt, dass der Kulturwandel sie teilweise entmachten würde. Sobald der kosmetische Beratungszirkus über die Kosmetik hinausgeht und es jemand ernst meint, bekommen die Herren dann doch meistens kalte Füße.

    Ich habe mich gerade zu ihrem Table bei der Her Career-Messe angemeldet und bin gespannt, was sie einem Arbeitnehmer in dieser Situation raten.

    Bis dann!

  4. Lieber Robert,

    wahrscheinlich erreicht Dich mein Hilferuf zwischen zwei Vorträgen?!

    Ich möchte das so machen wie Du: einen neuen Artikel so als mail versenden. Wie machst Du das mit WordPress? Kann man das auch hinbekommen wenn man selbst die Email Adressen eingibt? Wenn ja; wie geht das? Ich würde mich sehr freuen wenn Du mir da weiterhelfen könntest. Einen Newsletter mit mail chimp zu versenden ist mir nicht gelungen, jetzt versuche ich es mit WordPress. Leider reichen meine Scannerqualitäten nicht soweit. ;-))

    Alles Liebe Jumana

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