Emotionen statt Argumente – das Ende der Aufklärung?

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Unsere Emotionen haben uns in der Hand.

Der 8. November hat wahr werden lassen, was wohl nur die größten Pessimisten hierzulande (und eigentlich auch in den USA) prophezeit hatten. Mit Donald Trump wurde ein Mann zum kommenden US-Präsidenten gewählt, der sämtliche für unumstößlich gehaltenen Mindestanforderungen an einen Politiker unterschritten hat, und den kein noch so großer politischer Skandal aufzuhalten vermocht hat.

Ich kann mich nicht erinnern jemals frustrierter gewesen zu sein angesichts der Qualität der gesellschaftspolitischen Debatten – auch jenseits von Trump. Talkshows im Fernsehen ertrage ich gar nicht mehr, ebenso wenig die Kommentarspalten der meisten digitalen Publikationen. Und ich komme diesem, meinem Frust nur sehr langsam auf die Spur.

Ein erstes Indiz verbirgt sich hinter der Diskussion um das „Postfaktische“. Das Wort an sich ist ziemlicher Blödsinn, denn zu postulieren, es gebe etwas jenseits von Fakten, ist mindestens schwierig. Dennoch liegt ein Großteil der Wahrheit genau hier versteckt. Denn in der Regel ersetzen diejenigen, die Fakten lieber ignorieren würden, selbige durch Emotionen.

Gehirn vs. Aufklärung

Spätestens seit der Aufklärung gilt das rationale Denken als ultimative Richtschnur und Grundlage menschlichen Handelns. Die Universalinstanz der Vernunft hat all das, was mit Gefühlen und Emotionen assoziiert wird, seit etwa 300 Jahren marginalisiert. In vielen Kontexten ist es gar verpönt seine emotionale Seite zu offenbaren, denken wir nur einmal an all die Ratgeber zu so genanntem „professionellen“ Verhalten am Arbeitsplatz.

Erst in jüngster Zeit richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf die emotionalen Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Ein Treiber dieser Entwicklung sind nicht zuletzt die Neurowissenschaften. Immer deutlicher reift in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass die Vorstellung eines quasi emotionslosen Gehirns grundlegend falsch ist.

Die wissenschaftlichen Forschungen können vermehrte Aktivität in bestimmten Gehirnregionen belegen, wie etwa in der Amygdala oder dem präfrontalen Cortex, wenn Emotionen im Spiel sind. Die genannten Bereiche des Gehirns sind dabei für die entsprechenden emotionalen Prozesse zuständig. Im Falle des präfrontalen Cortex ist dieser zudem auch dann aktiv, wenn es um die Einschätzung anderer Menschen und um Empathie geht.

Hier liegen also die neurowissenschaftlichen Grundlagen für die bewussten oder unbewussten Stereotype, die das menschliche Miteinander (bzw. das Gegeneinander) entscheidend prägen. Ohne auf die Details der Hirnforschung eingehen zu wollen, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass sich die Menschheit längst von den Grundlagen der Aufklärung verabschiedet hat. Wir leben im Zeitalter der Emotionalität.

Das politische Gehirn

Drew Westen hat im Jahre 2007, also weit vor Trump, sein Buch „The Political Brain. The Role of Emotion in Deciding the Fate of the Nation“ vorgelegt. Und hätten wir alle es vor der zweiten Amtszeit von Barack Obama gelesen und zur Kenntnis genommen, so wären wir kaum mehr überrascht worden vom Ausgang der jüngsten US-Wahl. Und wer weiß: Vielleicht hätten wir Trump ja sogar abwenden können.

Westen ist Psychologe an der Emory University von Atlanta. Er fand heraus, wie es dem Gehirn gelingt eine einmal gewählte politische Haltung auch bei Schwierigkeiten beizubehalten.

„Er konfrontierte Probanden mit widersprüchlichen Aussagen ihres Lieblingskandidaten im US-Wahlkampf 2004 und bat sie, darüber nachzudenken. Dabei zeichnete er im Tomografen die Hirnaktivität auf. Das Ergebnis: Sobald das Gehirn den Konflikt bemerkt, versucht es, ihn wieder loszuwerden. Das geht so schnell, dass in der Regel die Probanden den Widerspruch entweder gleich ignoriert oder ihn schon längst rationalisiert hatten, als die Bitte um Reflexion kam. Besonders aktiv dabei war der orbitofrontale Cortex, der Emotionen verarbeitet. Außerdem aktiv war der vordere Teil des Gyrus cinguli, der für Problemlösungen zuständig ist. sowie der hintere Teil, der dabei hilft, moralische Urteile zu fällen. Nach erfolgreicher Beseitigung der Widersprüche sprang der Nucleus accumbens an, der für Glücksgefühle sorgt.“ (Quelle: Welt.)

Emotion statt Fakten

Ganz ähnlich sind für mich die fast unmöglich gewordenen sachlichen Diskussionen mit Anhängern der „AfD“ und/oder „Pegida“ einzuordnen. Hier regieren ausschließlich Emotionen. Fakten werden unmittelbar als Manipulation gewertet, Begriffe von „postfaktisch“ bis „Lügenpresse“ machen die Runde. Für jemanden, der sich ausschließlich an Fakten orientiert, dürfte das eine sehr unbefriedigende Ausgangssituation sein.

In dem Moment, wo man das Primat der Emotionalität anerkennt, findet jedoch ein entscheidender Perspektivenwechsel statt. Man erweitert das argumentative Repertoire um einen emotionalen Zugang zum Gegenüber. Und das klingt esoterischer, als es ist. Denn hier geht es um grundlegende menschliche Bedürfnisse, wie etwa wahrgenommen und respektiert zu werden. Emotionen bilden die Basis für einen solchen Dialog, Fakten und Argumente können darauf aufbauen – und nicht etwa umgekehrt.

Kann das funktionieren? Schaffen wir es dem z.T. lauten und nicht selten unflätigen Gepolter echte und ehrliche Emotionen gegenüberzustellen? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht wäre es den Versuch ja wert. Mir gehen jedenfalls langsam die Alternativen aus.

 

(Bildquelle: unsplash.com.)

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