Sind wir wirklich die 99 Prozent? Über Branko Milanovics Buch „Global Inequality“.

Gelegentlich lese ich ein Buch, das meine Sicht auf bestimmte Sachverhalte ergänzt und manchmal sogar grundsätzlich verändert. Aktuell ist das der Fall bei Branko Milanovics „Global Inequality. A New Approach For The Age Of Globalization“. Bereits die allererste Abbildung im Buch verändert die eigene Perspektive auf die Globalisierung.

Denn während wir vom Verlust der Mittelschicht zumindest eine grobe Ahnung haben, fällt uns die Einordnung solcher nationalen Phänomene in einen globalen Kontext eher schwer. Milanovic stellt diesen Bezug her, indem er Einkommens-Daten zwischen 1988 und 2008 analysiert und ins Verhältnis setzt. Die zugrunde liegende Währung ist dabei der Internationale Dollar von 2005.

Interessant sind die Koordinatenpunkte A, B und C. C bezeichnet diejenige Percentile der Weltbevölkerung, von der wir im Zuge der globalen Finanzkrise ab 2008 häufiger hörten. Es geht um das eine Prozent, das den Großteil des weltweiten Vermögens auf sich vereint. Im Gegensatz dazu stehen die 99 Prozent, die sich in den Organisationen der verschiedenen Grassroots-Bewegungen (wie etwa der Occupy-Bewegung) Gehör zu verschaffen versuchten.

Milanovic zeigt jedoch auf, dass man den Blick auch und vor allem auf zwei Kohorten richten sollte, an denen klar ersichtlich ist, wer von der Globalisierung vor der Finanzkrise profitieren konnte – und vor allem: wer nicht. Bei Ersteren handelt es sich um die vierte bis fünfte Decentile weltweit (Punkt A in der Abbildung). Es sind wohlgemerkt nicht die reichen Schichten in ihren Ländern. Es handelt sich vielmehr um die aufstrebenden Mittelklassen der Länder Asiens, allen voran China, aber auch Indien, Thailand, Vietnam und Indonesien. Sie sind die Profiteure der Globalisierung in den 20 Jahren nach 1988. Milanovic bezeichnet sie als „emerging global middle class“.

Im krassen Gegensatz zu diesen Menschen steht derjenige Teil der Weltbevölkerung, den Milanovic „the lower middle class of the rich world“ nennt. Absolut gesehen verfügt diese Gruppe zwar über ein deutlich höheres Einkommen als die zuvor betrachteten asiatischen Kohorten, ihr Zuwachs an Realeinkommen betrug im betrachteten Zeitraum jedoch faktisch null. Es handelt sich um diejenigen OECD-Bürgerinnen und -Bürger, die mit ihren Einkommen in der unteren Hälfte ihrer jeweiligen Länder rangieren. Sie haben von der Globalisierung nicht profitiert.

Wenn man nun den Blick hebt und Milanovics Betrachtungs-Perspektive auf das Phänomen der Globalisierung anwendet, so zeigt sich unmittelbar, weshalb es in westlichen Zivilisationen derzeit zu solch dramatischen politischen Verwerfungen kommt. Die Abgehängten begehren auf – und sie haben mehrere Feindbilder für sich entdeckt.

Ohne an dieser Stelle in die Tiefe zu gehen (es steht noch ein Großteil der Lektüre von Milanovics Buch aus), lässt sich doch ableiten, dass der Schlüssel zu gesellschaftlicher Einigung vor allem darin besteht den bisher nicht von der Globalisierung profitierenden Bevölkerungsgruppen Zugang zu Einkommenssteigerung und entsprechender Teilhabe zu ermöglichen. Gleichzeitig täten wir gut daran diese Zusammenhänge sicht- und erlebbar zu machen, so dass die wahren Profiteure der Entwicklungen erheblich stärker in die Pflicht genommen werden können.

Update: Pünktlich zum Davoser Weltwirtschaftsforum, bei dem wie in jedem Jahr schlaue Menschen Männer über die Welt palavern, hat die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam ihren Ungleichheitsbericht veröffentlicht. Danach besitzen die acht reichsten Menschen Männer der Welt mehr als die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s