Was wir vom Anti-Diversity-Manifest bei Google lernen können

Credits: Ryan Tang bei unsplash.com https://unsplash.com/@ryz0n

Männliche Rückzugsgefechte?

Am Wochenende berichtete Motherboard, die Tech-Plattform von vice.com, über das Anti-Diversity-Manifest eines Google-Mitarbeiters, das im Konzern hohe Wellen schlug. Gizmodo hat den vollen Wortlaut des mit „Google’s Ideological Echo Chamber“ überschriebenen Manifests veröffentlicht. Inzwischen gibt es auch ein internes Memo von Danielle Brown, Vice President of Diversity, Integrity & Governance bei Google, mit dem sie auf das Dokument reagiert.


Update: Inzwischen wurde der Google-Mitarbeiter, der das Manifest geschrieben hatte, von seinem Arbeitgeber entlassen. Google-CEO Sundar Pichai schrieb in diesem Zusammenhang eine Botschaft an die Google-Mitarbeiter_innen.  


Die Empörung über das in weiten Teilen altbekannte Stereotype wiederkäuende Pamphlet des Software Engineers von Google ist groß. Gleichzeitig wäre es jedoch fatal die offene wie stillschweigende Zustimmung zu den Aussagen als etwas abzutun, das lediglich so eine Art Rest-Reaktanz auf dem eingeschlagenen Weg darstellt. Machen wir uns nichts vor: Die im Dokument deutlich werdenden Ressentiments haben nach wie vor sehr viele Anhänger.

Auf mich wirkt die Reaktion des Konzerns auf das Dokument daher ein wenig eindimensional, ja geradezu hilflos. Von einem Unternehmen, das sich seit vielen Jahren mit den Themen Diversity & Inclusion beschäftigt und das diese Werte zu den wichtigsten Prioritäten zählt, erwartet man mehr. Gleichzeitig ist es interessant zu beobachten, wie auch und gerade bei Google Schein und Sein auseinander zu driften scheinen.

Das Problem ist strukturell und z.T. hausgemacht. Einerseits dürfte Google weltweit das Unternehmen sein, das am meisten in die Themen Diversity & Inclusion investiert hat. Doch der Stein der Weisen ist bei allem Invest nicht aufgetaucht. Im Gegenteil: Auch Google musste einräumen, dass die adressierten Themen nur mit einer Vielzahl kleiner Maßnahmen anzugehen sind. Und manchmal sind die Lösungen eben auch ganz banal. So war es ein Ergebnis der eigenen Beschäftigung mit dem Thema, dass der Schlüssel zu kognitiver Vielfalt im Unternehmen nicht zuletzt der sei, dass man einander ausreden lasse.

Die großen Hebel gibt es also offenbar (noch) nicht. Und dennoch möchte man die eigene Unternehmenskultur hin zu Vielfalt formen und gestalten. Da liegt der Reflex nahe ein Regelwerk zu etablieren, das zu weit von den Realitäten entfernt ist. An die Stelle gelebter Diversity und Inclusion treten dann viel zu häufig Appelle in Motivationsposter-Form. Daran kann niemand wirklich andocken, wenn gleichzeitig Political Correctness den Diskurs überlagert.

Insofern ist es durchaus wertvoll, wenn konträre Meinungen und Ansichten auch geäußert werden. Nur dann kann man sie erkennen und darauf reagieren. Es fällt, zugegeben, schwer das eingangs erwähnte Manifest wirklich zu lesen. Zu krude sind viele der Thesen und Herleitungen. Und bereits der erste Satz sollte misstrauisch machen: „I value diversity and inclusion, am not denying that sexism exists, and don’t endorse using stereotypes.“ klingt zu sehr nach dem, was wir auch in hiesigen Kommentarspalten als Exkulpierung der eigenen Bias’ lesen. „Mein bester Freund ist Ausländer…“ lässt grüßen. Daher werde ich die Thesen auch nicht einzeln kommentieren.

Dennoch ist eine solche Äußerung ernst zu nehmen. Denn es handelt sich keineswegs um die Meinung einer kleinen Minderheit. Das ist der Backlash einer ganzen Kohorte von Männern, deren Privilegien sich gerade erst manifestiert hatten, um nun bereits wieder in Gefahr zu geraten. Programmierer kämpften lange mit der Zuschreibung sozial schwer kompatibler Nerds. Doch mit der Digitalisierung bot sich eine einmalige Chance. Plötzlich waren eben jene Qualifikationen gefragt wie nie zuvor. Doch kaum hatte man den neuen Status realisiert, gab es die ersten großen Bedrohungsszenarien.

Zum einen stellt sich plötzlich die Frage nach der eigenen Employability, wenn zukünftig das Coden auch von künstlich-intelligenten Systemen übernommen werden kann bzw. zum Blue Collar Job „verkommt“. Gleichzeitig sieht sich der bis dato so gehypte Nerd in einem Ausmaß mit Forderungen nach Gleichstellung und Vielfalt konfrontiert, dass es einem[!] schon einmal Angst und Bange werden kann. Heraus kommen dabei dann zehnseitige Manifeste. Wie sonst soll man(n) auf den drohenden Statusverlust reagieren?

Vielleicht hat Google auch den Fehler gemacht anzunehmen, dass man in der eigenen Evolution als Unternehmen schon erheblich weiter sei. Zumal der Tech-Konzern stets für sich in Anspruch genommen hat, nicht nur technologisch führend sein zu wollen, sondern auch bei Organisationsform und im Miteinander. Das passte womöglich irgendwann nicht mehr zusammen.

Ein Problem ist dabei die Normativität: Wenn Diversity & Inclusion auf eine Weise das Wertegerüst dominieren, dass jeder Diskurs über Differenzen ausgeschlossen wird, dann brodelt es im Untergrund. Eine nicht verankerte Political Correctness formt dann unter Umständen eine neue Monokultur, die nicht unbedingt besser ist das das Althergebrachte. Im Gegenteil: Sie nimmt Führung aus der Verantwortung und erstickt die offene Debatte im Keim. Ich halte das für kontraproduktiv bis gefährlich.

Ein Lösungsansatz: Bringen wir die Werte wieder weg von den Postern und hin zu den Menschen. Ich muss Dinge wie Vielfalt und Inklusion (meine Autokorrektur möchte „Illusion“ schreiben) erleben können. Und das geht nur, wenn ich weiß, wie sich das im konkreten Fall anfühlt. „Walk the talk“ ist eine schon überstrapazierte Forderung, hier aber schlicht unverzichtbar.

Erst dann, wenn abstrakte Wertvorstellungen von handelnden Personen mit Leben gefüllt werden, gibt es eine Chance Menschen sukzessive davon zu überzeugen, dass Wandel im Sinne von Diversity wirklich inklusiv ist. Alles andere wäre ideologischer Zwang, der mittelfristig scheitern muss. Und übrigens: Die Zukunft ist ohnehin eine Frage emotionaler Intelligenz.

12 Gedanken zu “Was wir vom Anti-Diversity-Manifest bei Google lernen können

    • Es ging in meinem Artikel nicht primär um das Manifest selbst, sondern um Googles Umgang damit sowie um das Thema Werte im Unternehmen generell. Das habe ich auch so geschrieben. Für falsch halte ich u.a. den Reflex Diversity und/oder Gender Equality als Angriff auf die eigene Person zu verstehen.

      • Viele sehen ja auch eine nicht Förderung von diversity als Angriff auf ihre Person.
        Aber natürlich können Denkverbote und bevorzugungen zur Förderung von diversity einen persönlich betreffen. Etwa über das übergehen bei Beförderungen trotz hohen Einsatz und besserer Leistung

      • Natürlich darf man eine Diskriminierung nicht durch eine andere ersetzen. Jedenfalls dann nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Aber Frauen fordern i.d.R. 50 Prozent – und nicht 100 Prozent, wie es einige Männer seit Jahrhunderten taten – und z.T. noch tun. Du setzt voraus, dass es ein faires meritokratisches System gibt. Und das stimmt nicht.

      • Du argumentierst wiederholt rein quantitativ. Als sei die Unterrepräsentation von Frauen (in Führungspositionen oder bestimmten Berufsgruppen) quasi eine logische Folge der Tatsache, dass sie bereits zu Beginn der Pipeline in der Minderheit seien. Auf die Gründe dafür wurde immer wieder hingewiesen. Die Mechanismen von Diskriminierung und Sexismus wurden wieder und wieder erklärt. Und dennoch kommt von Dir stets der gleiche Reflex. Wenn Du nicht bereit bist anzuerkennen, dass wir Ursachen verstehen müssen um Symptome zu eliminieren, dann reden wir – wie stets – aneinander vorbei.

      • „Wenn Du nicht bereit bist anzuerkennen, dass wir Ursachen verstehen müssen um Symptome zu eliminieren, dann reden wir – wie stets – aneinander vorbei.“

        Eine Diskussion über die Ursachen würde ich sehr gerne führen. Ich würde zB diese Studie dazu interessant finden:
        https://dl.dropboxusercontent.com/u/21177221/Publications/Su_Rounds_Armstrong_09.pdf

        Da sieht man, dass enorme Unterschiede in den Interessen von Männern und Frauen bestehen:

        Results showed that men prefer working with things and women prefer working with people, producing a large effect size (d 0.93) on the Things–People dimension. Men showed stronger Realistic (d 0.84) and Investigative (d 0.26) interests, and women showed stronger Artistic (d 0.35), Social (d 0.68), and Conventional (d 0.33) interests. Sex differences favoring men were also found for more specific measures of engineering (d 1.11), science (d 0.36), and mathematics (d 0.34) interests.

        Das wären erst einmal Symptome, die Ursachen können nun ganz verschieden sein.
        Zwei Erklärungen wären:
        – die Evolution hat dazu geführt, dass Männer und Frauen aus biologischen Gründen andere Vorlieben haben (biologische Begründung)
        – Die Geschlechterrollen und die Gesellschaft führen dazu, dass Männer und Frauen andere Vorlieben haben (soziale Begründung)

        Und dann natürlich Mischungen davon.

        Interessant sind in dem Zusammenhang CAH-Mädchen. Das sind Mädchen, die vor der Geburt einen erhöhten Testosteronspiegel haben, danach aber nicht, so dass sie äußerlich wie jedes andere Mädchen aussehen. Sie durchbrechen aber problemlos die Geschlechterrollen und zeigen die Interessen und Vorlieben, die sonst im Schnitt eher bei Jungs auftreten.

        Interessant sind auch Fälle wie cloacal exstrophy, quasi David Reimers Fälle, bei denen aufgrund eines Gendefekts die Genitalien offen liegen und operiert werden müssen, da sonst erhebliche Gefahren bestehen. Hier wurden häufiger genetische Jungs zu Mädchen gemacht und wuchsen als solche auf. Sie zeigten die Interessen und Vorlieben, die sonst im Schnitt eher bei Jungs auftreten.

        Und dann gibt es das Experiment von Udry. Der maß den pränatalen Testosteronspiegel und analysierte dann als Soziologie den Erziehungsstil der Eltern wesentlich später und stellte fest, dass bei Mädchen mit besonders hohen Testosteronspiegel eine Erziehung zum weiblicheren hin sogar eine stärkere Ablehnung dieser Rollen bewirkte, während Mädchen mit einem besonders niedrigen Testosteronspiegel eine Erziehung zum weiblicheren hin förmlich aufsaugten

        Das alles spricht eher für einen großen Anteil an Biologie.

        Welche Ansicht vertrittst du denn und auf welche Fakten und Studien stützt du sie?

      • Ich kenne die Vorgehensweise: Vermeintliche Fakten werden genannt, Studien aus allen möglichen (und unmöglichen) Wissensgebieten zitiert, umgekehrt Fragen nach „Fakten und Studien“ gestellt. Wenn die dann kommen, reagiert man mit immer neuen vermeintlichen Fakten und Studien. Ich springe nicht (mehr) über diese Stöckchen. Gegen eine Propaganda, die auf jedes Argument mit langen Text(baustein)en antwortet, bin ich schon in Sachen Zeitbudget im Hintertreffen. Ich gehe jetzt mit meinem Sohn ein Eis essen.

    • „Ich kenne die Vorgehensweise: Vermeintliche Fakten werden genannt, Studien aus allen möglichen (und unmöglichen) Wissensgebieten zitiert, umgekehrt Fragen nach „Fakten und Studien“ gestellt. Wenn die dann kommen, reagiert man mit immer neuen vermeintlichen Fakten und Studien.“

      Schlimm dieses Studien zitieren. Und dann noch nach Fakten fragen. Wirklich grauenhafte Taktik. Und dann noch Gegenargumente bringen und inhaltiche Erwiderungen.
      Wo doch die einzige Wahrheit schon bekannt ist und GEGLAUBT werden soll.

      „Ich springe nicht (mehr) über diese Stöckchen. Gegen eine Propaganda, die auf jedes Argument mit langen Text(baustein)en antwortet, bin ich schon in Sachen Zeitbudget im Hintertreffen. Ich gehe jetzt mit meinem Sohn ein Eis essen.“

      Du kannst auch gern auf eine Seite oder eine frühere Diskussion verweisen, in der du die Fakten und Studien nennst.
      Leider führe ich diese Diskussion ja mit anhängern von einem Sozialkonstruktivismus schon länger. Es kommt nur immer leider nichts

      • Christian, danke für deinen Versuch mit Robert sachlich zu argumentieren. Leider scheint es verlorene Mühe zu sein 🙂

  1. Lieber Robert,
    meine Beobachtung ist, dass nicht gelernt wurde über die Themen Diversity et al zu sprechen. Bislang ging es viel über Parolen im Posterformat. Durch meine Arbeit bei den Digital Media Women ist mir bei vielen Beiträgen zum Thema Feminismus (ein Teilbereich der Diversitätsbewegung) aufgefallen, dass zwar viele Position beziehen, aber nicht geübt darin sind, sich öffentlich auseinanderzusetzen. Es scheint immer nur die eigene Haltung richtig. Passt sie nicht ins Schema, wird draufgehauen oder geschwiegen. Konstruktive Gespräche scheinen nicht gelernt. Das zeigt für mich auch das aktuelle von dir beschriebene Beispiel von Google.

    • Danke für Deinen Kommentar. Über Motivationsposter schreibe ich ja im Text. Feminismus verstehe ich nicht als Teilbereich von Diversity, aber das ist ein größeres Thema.

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