Interview: Wie aus einer Führungs- wieder eine Fachkarriere wurde und warum Horst Seehofer ein guter Umweltminister wäre.

Nach langer Zeit gibt es hier im Blog mal wieder ein Interview. Florian Czepl lernte ich kennen, weil er sich auf einen meiner letzten Artikel hin bei mir meldete. Er erzählte mir, dass er aus einer Führungskarriere wieder zurück in seine alte Fachposition gegangen ist. Als er mir bei einem Kaffee von seinen Erfahrungen berichtete, bat ich ihn ein Interview mit mir zu führen. Ich veröffentliche es in den nächsten Tagen und Wochen in insgesamt drei Teilen: weil ich der Meinung bin, das Florian Czepl Inspiration für Männer* sein kann, die andere Schwerpunkte setzen, als etwa eine Führungskarriere. Ob das allerdings schon ein feministischer Akt ist, muss ggf. an anderer Stelle erörtert werden. (UPDATE: Inzwischen ist Teil zwei des Interviews online.)

Herr Czepl, Sie sind vor nicht allzu langer Zeit freiwillig aus einer Führungsposition wieder in Ihre frühere Fachtätigkeit im Unternehmen zurückgegangen. Wie kam es zu Ihrer Entscheidung?

Die Entscheidung hatte im Wesentlichen zwei Hintergründe: Zum einen hat im Verlauf meiner Karriere als Führungskraft der Anteil an Tätigkeiten, die mir keinen Spaß machen, kontinuierlich zugenommen. Nun muss im Beruf auch nicht zwingend alles Spaß machen, daher war das zu Beginn kein Grund für mich, meinen Weg in Frage zu stellen. Doch je öfter ich in Meetings saß, bei denen ich mich fehl am Platze fühlte, desto mehr wuchs der Wunsch nach Veränderung. Und als ich mich irgendwann dabei ertappt habe, dass ich bei dem morgendlichen Blick auf meinen Kalender den Abend schon herbeisehnte, da war ich mir sicher, dass es Zeit wird, etwas zu ändern.

Zum anderen wollte ich meine Work-Life-Balance verbessern, um mehr Zeit mit unserem achtjährigen Sohn verbringen zu können. Ich mache mir nichts vor: Die Zeit, in der er meine Frau und mich braucht und auch noch viel mit uns machen möchte, die ist endlich. Das hieß für mich als Konsequenz, dass ich mehr Flexibilität brauche und weniger Arbeit mit nach Hause nehmen möchte. Sich um sein Kind kümmern lässt sich schwer in einen vollen Terminkalender einbauen, und gerade Kinder merken sehr genau, ob man mit Gedanken noch beim Mitarbeitergespräch ist oder tatsächlich beim gemeinsamen Lego bauen.

Mein Ziel war es, eine anspruchsvolle Tätigkeit zu haben, die sich flexibel bewältigen lässt und mich emotional nicht so stark einbindet. Und so kam ich dann zurück auf meine ursprüngliche Tätigkeit als Controller, die ich vor über zehn Jahren ausgeübt habe.

Typischerweise verlaufen Karrieren ja anders: eher von der Fach- zur Führungskraft. Das war also ein durchaus ungewöhnlicher Schritt, den Sie gegangen sind. Wie waren die ersten Reaktionen auf Ihre Entscheidung?

Die Veränderung dahin war dann nicht ganz einfach und da bin ich meinem Unternehmen, aber auch meinen neuen Führungskräften, sehr dankbar, dass mir dieser Schritt ermöglicht wurde. Dazu gehört auch eine Menge Vertrauen, denn so ein Schritt birgt natürlich auch einige Risiken.

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich, da war von „Ist das Dein Ernst?“ über „Wow, was für eine mutige Entscheidung!“ bis „Glückwunsch, find ich cool, dass Du das machst!“ alles dabei.

Insgesamt fand ich das erste Feedback, dass meine Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzten mir gegenüber geäußert haben, sehr wertschätzend und respektvoll. Gerade meine Vorgesetzten, unsere Geschäftsführer, haben von Anfang an sehr viel Verständnis für meine Entscheidung gezeigt, obwohl sie sehr gerne mit mir zusammen gearbeitet haben.

Wirklich interessant fand ich, dass viele Kollegen diesen Schritt gut nachvollziehen konnten und von ähnlichen Überlegungen erzählt haben. Das hat mich überrascht, bei einigen hätte ich das nie erwartet, da sie ansonsten im beruflichen Alltag eher „straight“ rüberkamen und von ihrem Auftreten her nie einen Zweifel zugelassen hätten, dass sie diese Rolle als Führungskraft für sich als das richtige ansehen. Aber durch meinen Schritt wurde mir da wohl viel Offenheit entgegengebracht, die ansonsten im beruflichen Alltag unter Führungskräften aus meiner Erfahrung eher ungewöhnlich ist.

Wie hat Ihr privates Umfeld auf Ihren neuen Weg reagiert? Und wie Ihr berufliches?

Mein privates Umfeld hat durchweg positiv auf meinen neuen Weg reagiert, was aber auch nicht verwunderlich ist, das Ganze war ja ein längerer Prozess und da hatte ich natürlich auch einige in meine Überlegungen einbezogen. Aber auch meine Freunde und Bekannten, die nichts von diesem Schritt wussten, fanden das gut. Ich meine, die Leute kennen mich natürlich auch aus meinem privaten Umfeld, und da komme ich nicht gerade sehr karriereorientiert rüber. Insofern hatte der Schritt da aus meinem Empfinden auch nichts so Spektakuläres.

Im beruflichen Umfeld war die Reaktion eher überrascht, da wirkte das wohl auf einige erstmal sehr sinnlos, ja geradezu grotesk. Mein direkter Vorgesetzter hat auch nicht schlecht geschaut, als ich ihm meine Entscheidung ausgerechnet im Weiterentwicklungsgespräch, also unserem jährlichen Feedback, offenbart habe. Aber bei ihm und auch bei vielen anderen, die im ersten Moment völlig perplex waren, haben meine Begründungen dann dafür gesorgt, dass sie den Schritt verstehen und im besten Fall, wie bei meinem Chef, auch nachvollziehen konnten. Ich denke, zwei Sachverhalte haben das ganze hier etwas spektakulärer gemacht, zum einen die Tatsache, dass der Schritt in unserer Arbeitswelt extrem ungewöhnlich ist, zum anderen habe ich aber auch in meiner Rolle im Unternehmen ein anderes Bild vermittelt als im privaten Umfeld.

Wie fühlt sich die „neue alte“ Arbeit an? Was ist der Unterschied zur Zeit vor der Führungsposition?

Insgesamt fühlt es sich super an. Ich habe meine Aufgaben, die spannend sind, und um die kümmere ich mich engagiert. Im Vergleich zu früher bringe ich dabei eine gewisse Gelassenheit mit. Ich habe gelernt, dass sich die Dinge nicht von heute auf morgen verändern lassen und das akzeptiere ich inzwischen auch, ohne meinen Fokus zu verlieren. Ich bin froh über meine neuen Aufgaben und über einige Dinge, die ich nicht mehr machen muss.

Wie sich das zu meiner früheren Zeit im Controlling unterscheidet, das ist schwer zu sagen. Es war ja nicht eine Position, sondern es waren seit meiner ersten Zeit im Unternehmenscontrolling, wo ich auch jetzt wieder tätig bin, vier verschiedene Positionen, drei davon als Führungskraft, die ich wahrgenommen habe. Und es sind jetzt ungefähr elf Jahre vergangen, in denen sich im Umfeld, aber auch in der Controllingabteilung selbst, viel bewegt hat. Das einzige, was geblieben ist, sind ein paar wenige Kollegen aus der alten Zeit und lustigerweise einige Systeme.

Ist der Druck nun also weg?

Ich fühle mich wesentlich wohler mit der Arbeit und habe auch wieder Freude, mich mit Themen zu beschäftigen. Es ist da schon so ein permanenter Druck weg, den ich als Abteilungsleiter verspürt habe. Ich habe die Verantwortung als Führungskraft sehr ernst genommen, und dann ist das ganz logisch, dass ich mich um viele Dinge kümmern muss und stetig dem Risiko ausgesetzt bin, dass irgendetwas schief geht. Mit steigender Verantwortung sind solche Fehler oder Probleme dann natürlich auch einer größeren Öffentlichkeit ausgesetzt.

War der Ausflug in die Führungskarriere verlorene Zeit?

Eher im Gegenteil. Ich glaube, dass ich von der Zeit sehr profitieren kann. Ich habe mir da einiges an sozialen und organisatorischen Skills angeeignet, die mir auch im normalen Leben und damit natürlich auch als Mitarbeiter im Unternehmen sehr helfen. Was ich wieder lernen muss, ist die Fachlichkeit, denn die ist mir im Laufe der Jahre weitestgehend abhanden gekommen. Ich bin gut darin, Sachverhalte auf einer abstrakten Ebene zu verstehen und darzustellen, aber das reicht nicht, wenn ich als Mitarbeiter wirklich inhaltlich arbeiten muss. Das merke ich jetzt und da bin ich gefordert.

————– Ende des ersten Teils ————–

Gehen Frauen und Männer anders mit dem Thema Führung um?

Hm, schwierige Frage, das wird jetzt ein bisschen spekulativ… Aber ja, aus meiner Sicht gehen Frauen und Männer im Durchschnitt unterschiedlich mit Führung um. Sie brauchen sich ja nur Frau Merkel und Herrn Seehofer anzusehen, klassische Führungskräfte, die aus meiner Sicht einige typische Merkmale weiblicher und männlicher Führung repräsentieren. Und das meine ich ernst, ich will mal zwei Beispiele herausgreifen.

Nehmen wir zum Beispiel die Entscheidungsfindung, eine sehr wichtige Sache für Führungskräfte. Da sind Frauen aus meiner Sicht viel besser in der Lage, sich die unterschiedlichen Positionen anzuhören, gut abzuwägen und am Ende eine sinnvolle Entscheidung zu treffen, die möglichst viele Interessengruppen zumindest teilweise zufrieden stellt. Das habe ich in meiner Tätigkeit erlebt, sehe ich aber auch bei Frau Merkel. Gerade bei Themen, für die ein gesellschaftlicher oder unternehmensinterner Konsens wichtig ist, ist das eine ganz fantastische Fähigkeit.

Männer neigen aus meiner Erfahrung im Durchschnitt eher dazu, sich relativ früh auf eine Position festzulegen und diese dann bis zur Selbstaufgabe zu verteidigen. Das trifft auf meine Erlebnisse im Unternehmen zu und auf Hern Seehofer wohl auch, da brauchen wir ja nur an seine Positionen in der Flüchtlingsfrage zu denken. Natürlich mag es auch Themen geben, bei denen diese Beharrlichkeit absolut vonnöten ist, da das angestrebte Ziel keinen kurzfristigen gesellschaftlichen Konsens findet, aus einer übergeordneten Perspektive aber absolut sinnvoll ist. Gerade im Bereich des Umweltschutzes ist das aus meiner Sicht gegeben, wo kurzfristige und persönliche Interessen keinen Einfluss auf eine schnell notwendige Verhaltensänderung zur Rettung des Planeten haben dürfen. Ich würde mir sehr wünschen, dass Herr Seehofer so ein Thema in seiner ihm eigenen beharrlichen Art voranbringen würde.

Eine andere Facette der Führung ist die Fähigkeit, Menschen für ein Thema oder auch eine Position zu begeistern und sie „mitzureißen“. Da sind es aus meiner Erfahrung eher die männlichen Führungskräfte, die mit dieser Fähigkeit ausgestattet sind und sie auch entsprechend nutzen können. Im positiven Sinne können damit Aufgaben schneller und besser bewältigt werden und die Motivation der Mitarbeiter bleibt trotz hohen Einsatzes auf einem guten Niveau. Das kann aber natürlich auch bei negativen Zielen zum Einsatz kommen. Grundsätzlich ist die Fähigkeit zu begeistern aber ein wirksames Instrument der Führung, da darf man sich nichts vormachen. Viele Anstrengungen von Mitarbeitern sind nicht aus inhaltlicher Überzeugung oder der hohen Bindung an das Unternehmen motiviert, sondern aus der persönlichen Bindung an die Führungskraft. Auch hier greift aus meiner Sicht das Beispiel mit Seehofer und Merkel: Ohne auf Inhalte einzugehen halte ich Seehofer für den besseren „Begeisterer“.

Würden sich Frauen und Männer in einem Fall wie dem Ihren unterschiedlich verhalten?

Ich glaube schon, aber auch hier kann ich natürlich nur meine persönliche, subjektive Einschätzung abgeben. Ich bin überzeugt davon, dass es für Frauen viel schwerer ist, in eine Führungsposition zu kommen. Das hat zum einen damit zu tun, dass der überwiegende Teil der Führungskräfte Männer sind, die im Zweifel auch eher wieder Männer  befördern. Und zum anderen damit, dass es bis heute kaum echte Gleichberechtigung in  der Erziehung gibt. Daher schreibt die Gesellschaft, aber auch viele Frauen sich selbst, die Verantwortung für die Erziehung der Kinder den Frauen zu und stellt damit automatisch in Frage, ob sich das mit einer Führungsposition vereinbaren lässt.

Wer als Frau also eine Führungsposition erreicht hat, musste im Zweifel härter dafür kämpfen, als es bei mir persönlich und bei Männern im Durchschnitt der Fall ist. Ich habe mich z. B. auf keine meiner Positionen, die ich innehatte, aktiv beworben. Ich wurde immer gefragt, ob ich nicht Lust auf diesen Job hätte. Ich kenne keine Frau, der es vergleichbar ergangen wäre. Also hat man als Frau mehr investiert und sich auch bewusster für diesen Weg entschieden. Daher kommen Frauen nicht in meine Situation, sondern haben sich schon vorher (zugunsten der Familie) gegen eine Karriere entschieden oder haben sich die Führungsposition hart erarbeitet und ihr Umfeld so organisiert, dass das alles gut funktioniert. Nach meiner Einschätzung würden sich Frauen in der Führung dann eher entscheiden, alles Mögliche in ihrem Umfeld zu versuchen, um die Führungsposition zu behalten.

Ganz platt gesagt: Wenn ich für etwas sehr hart kämpfen musste, dann fällt es mir deutlich schwerer, das wieder herzugeben. Das ist schade, dass wir hier so unterschiedliche Hintergründe haben. Und es ist aus meiner Sicht extrem wichtig, dass sich das möglichst schnell ändert.  

Wie gehen Sie mit dem finanziellen Rückschritt um, den Ihre Entscheidung ja auch nach sich zieht? 

Das ist ganz einfach: Ich akzeptiere ihn. Auch das war natürlich ein Aspekt, den ich in meine Abwägungen einbezogen habe, ob ich diesen Schritt mache. Er hatte aber nicht so großen Einfluss, dass er mich ernstlich ins Grübeln gebracht hätte. Der Gewinn an Lebensqualität wiegt die finanziellen Nachteile für mich schon deutlich auf. Da spielt halt auch der Aspekt, mehr Zeit für meinen Sohn zu haben, eine wichtige Rolle. Auf die Frage, was er jetzt von mir mehr braucht, habe ich eine klare Antwort: Zeit, nicht Geld.

Allerdings verdiene ich als Controller auch nicht schlecht. Hätte ich noch deutlichere Gehaltseinbußen hinnehmen müssen, dann wäre mir die Entscheidung wahrscheinlich schwerer gefallen.

————– Ende des zweiten Teils, Fortsetzung folgt ————–

Florian Czepl, Bild: privat

Geboren 1976 in Wiesbaden studierte Florian Czepl nach Abitur und Zivildienst von 1997 bis 2003 an der Universität Ilmenau Medienwirtschaft. Seine berufliche Karriere begann er 2003 in einer kleinen Unternehmensberatung, bevor er 2005 in das Controlling eines Versicherungskonzerns wechselte. Nach verschiedenen Stationen (u. a. Vorstandsassistent und Abteilungsleiter Kundenservice) und dem Aufstieg zum Bereichsleiter entschied sich Florian Czepl 2018 in seine ursprüngliche Tätigkeit als Controller zurückzukehren.

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