Stop fixing the women! Für neue Normen und Werte im Job.

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Eine meiner dringlichsten Forderungen in der Debatte um Gender Diversity lautet „Stop fixing the women!“. Was plakativ klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn nach wie vor ist es üblich Frauen beibringen zu wollen, wie sie im (männlichen) System erfolgreich sein können. D.h. man trainiert Frauen Verhaltensweisen an, die sie dazu befähigen sollen sich gegen dominante Männer (und Frauen) durchzusetzen.

Das Problem dabei ist vielschichtig. Zum einen manifestieren wir auf diese Weise das System selbst, indem wir nicht seine Wirkungsweisen und Rahmenbedingungen in Frage stellen, sondern die Akteure im System als defizitär betrachten, wenn sie an Widerständen scheitern. Scheitern bedeutet in diesem Fall die vermeintliche Unfähigkeit in der Hierarchie nach oben zu kommen, sprich: Karriere zu machen.

Eingeschränktes Repertoire

Gleichzeitig fokussieren wir uns auf eine sehr begrenzte Anzahl an Eigenschaften und Fähigkeiten, die wir zu optimieren suchen. Wir schränken dadurch das Repertoire an menschlichen Verhaltensweisen im beruflichen Kontext extrem ein. Dadurch stufen wir bestimmtes Verhalten als negativ oder zumindest als nicht zuträglich für berufliches Fortkommen ein.

Das ist auf mehrfache Weise perfide. Es werden keine individuellen Stärken entwickelt, sondern Schwächen postuliert und ausgemerzt. Gleichzeitig wird das Set an vermeintlichen Stärken zur Erfolgsstrategie erklärt. Man schafft eine Norm für beruflichen Erfolg, an der sich alle zu orientieren haben. Angesichts zunehmender Komplexität und dem dringenden Bedarf an Vielfalt ist dies eine fatale Entwicklung.

Stets die gleiche Leier

Ich war in den letzten Monaten auf zahlreichen Veranstaltungen und habe an vielen Diskussionen über die neue Arbeitswelt teilgenommen. Sehr häufig lautete der Ratschlag gerade an junge Frauen: Bleib’ im System (auch und gerade bei der Familiengründung), mach’ dich nicht selbstständig, optimiere dich selbst und lerne dich gegen die Männer durchzusetzen.

Ich halte das aus den genannten Gründen für gefährlich und zudem für extrem anmaßend. Derartige Ratschläge ersticken jede Form von Diversity und Individualität im Keim und nehmen den Raum für Innovation und Authentizität.

Optimier‘ dich gefälligst!

Dabei nimmt das systemimmanente Optimierungsprogramm bisweilen geradezu groteske Züge an.

So hörte ich von einer Trainerin, die ihren Kundinnen rät bei einem besonders dominanten männlichen Handschlag ihrerseits den Daumennagel ins Fleisch des Gegenüber zu bohren: als Statement. Eine weitere Übung für nach Durchsetzungsfähigkeit lechzende Frauen lautete: Gehe über einen belebten Platz und weiche niemandem aus. Dabei dürfte nicht nur die Schulter schmerzen. Ein ganz besonderes interessanter Vorschlag lautete: Finde heraus, welches Parfum Dein Alphamännchen-Chef trägt und sprühe Dich damit ein. Geht’s noch!?

Abgesehen davon, dass ich einige der Maßnahmen für übergriffig, gewalttätig und – vorsichtig formuliert – nicht besonders sozial halte: Wohin soll das führen? Welche Normen setzen wir uns für unser zukünftiges Arbeiten? Und welche Palette an Verhaltensweisen wünschen wir uns für unser Miteinander?

Wollen wir Frauen wirklich raten auf ein Lächeln zu verzichten, wenn sie einen erfolgreichen Abschluss bei einem Kunden erzielen wollen? Ist Uniformität und Konformität der Schlüssel für erfolgreiche Karrieren? Geht es um Durchsetzung auf die althergebrachte, „männliche“ Art und Weise? Und ist Manipulation der Schlüssel zum beruflichen Glück?

Oder setzen wir uns ambitioniertere Ziele? Schaffen wir Umfelder für unterschiedliche Charaktere? Definieren wir Leadership neu und entkoppeln wir Führung von Druck und Aggression? Lernen wir Vielfalt wertzuschätzen und stellen wir Raum für Potenzialentfaltung zur Verfügung? Lösen wir uns von alten Statussymbolen und geben wir Macht eine neue Bedeutung?

Wir alle haben die Wahl. Jeden Tag, in jeder Situation. Ich habe mich bereits für eine Richtung. entschieden.

Wo seid ihr alle? Wir brauchen mehr Engagement im digitalen Diskussionsraum.

Die Beschwerden über die z.T. unterirdische Qualität der Debatten in den Facebook-Kommentarspalten vieler Medien sind Legion. Häufig wird dabei natürlich übersehen, dass es für einige Plattformen zum Geschäftsmodel gehört möglichst polarisierend unterwegs zu sein: Der Traffic heiligt die Mittel. Je mehr gepöbelt wird, desto mehr Oberfläche für die Maschinerie des Online Marketing. Kurz gesagt: Der AdServer steht nicht unbedingt auf political correctness.

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Debatten müssen zunehmend auch im digitalen Raum geführt werden.

Gleichzeitig realisieren viele sog. Qualitätsmedien, dass es mit erheblichem Aufwand verbunden ist die Bereiche des user-generated content zu moderieren. Zuverlässige technische Lösungen sind hier nicht in Sicht, auch wenn Bots bereits ein Fingerzeig dafür sein dürften, in welche Richtung sich das Social Media Management entwickeln könnte. Grundsätzlich ist nach wie vor eine Menge Manpower nötig um auch nur halbwegs eine Art Diskussionskultur zu etablieren.

Hinzu kommt, dass auch dem hehren Ziel wieder mehr Positives in die (News-)Welt zu schicken, wenig Erfolgsaussichten beschieden sein dürften. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund. Das menschliche Gehirn ist erheblich aufnahmefähiger für Negativschlagzeilen als für Flausch-Content. Man nennt das auch „negativity bias“.

Wie dem auch sei, ohne Menschen geht es in Sachen Diskussionsqualität wohl eher nicht voran. Und damit kommen wir zu einem Hauptproblem. Denn der digital-öffentliche Raum ist nichts, wohin es die intellektuelle Elite oder wenigstens deren Anhänger_innen mit Macht zieht. Die Berührungsängste gehen quer durch die Bevölkerung. Man scheint der Meinung, dass man dort, wo es recht häufig ordentlich zur Sache geht, nichts verloren habe.

Doch damit machen wir es uns zu leicht. Da ist einerseits das Argument der Filterblase. Wer nur im eigenen Argumentationsspektrum unterwegs ist, der wird nicht mitbekommen, was wirklich los ist. Hinzu kommt das Phänomen der Echokammer. Wo nur Zustimmung spürbar wird, dort verstreicht die Gelegenheit eigene Ansichten zu hinterfragen oder verteidigen zu müssen und v.a. zu können ungenutzt. Beides ist jedoch notwendig, wenn der Diskurs pluralistischer werden soll. Und das ist sicherlich keine allzu schlechte Idee.

Wenn ein Großteil derjenigen, die die Debattenkultur positiv bereichern könnten, schweigen, dann haben wir neben dem qualitativen Aspekt auch ein Problem der schieren Quantität. Die Wahrnehmung ist häufig so, dass extreme und extremistische Äußerungen und Positionen zunehmend unwidersprochen bleiben. Und diese Wahrnehmung ist gefährlich. Ich habe das kürzlich in einem Tweet versucht zu formulieren.

Inzwischen gibt es spannende Initiativen, die sich dieser Thematik annehmen und versuchen Diskussionsmacht dort zu bündeln, wo die Übermacht der Lauten, der Aggressiven unüberwindbar scheint. #ichbinhier ist so eine (tolle) Aktion, und sie zeigt bereits Wirkung.

Wenn wir dem gefühlten, aber ja auch durchaus realen Rechtsruck etwas entgegensetzen wollen, dann dürfen wir vor dem digitalen Raum nicht haltmachen. Demokratie wird auch und gerade dort zu verteidigen sein, wo keine bezahlten Moderator_innen eingreifen können. Da sind wir alle gefragt. Wer das als Hobby für Nerds oder als etwas Nicht-Zumutbares abtut, verkennt m.E. die Dimension des Problems – und die der eigenen Verantwortung.

Was ich auch nicht mehr hören kann ist der mehr oder weniger unterschwellige Vorwurf der Naivität. Klar sind solche Diskussionen mitunter schmerzhaft und nur in den eher selteneren Fällen erreicht man eine gemeinsame Ebene des Austauschs. Aber hier geht Präsenz vor Effizienz. Wir sind gefragt. Wir alle.

(Bildquelle: Kevin Curtis bei unsplash.com)

Emotionen statt Argumente – das Ende der Aufklärung?

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Unsere Emotionen haben uns in der Hand.

Der 8. November hat wahr werden lassen, was wohl nur die größten Pessimisten hierzulande (und eigentlich auch in den USA) prophezeit hatten. Mit Donald Trump wurde ein Mann zum kommenden US-Präsidenten gewählt, der sämtliche für unumstößlich gehaltenen Mindestanforderungen an einen Politiker unterschritten hat, und den kein noch so großer politischer Skandal aufzuhalten vermocht hat.

Ich kann mich nicht erinnern jemals frustrierter gewesen zu sein angesichts der Qualität der gesellschaftspolitischen Debatten – auch jenseits von Trump. Talkshows im Fernsehen ertrage ich gar nicht mehr, ebenso wenig die Kommentarspalten der meisten digitalen Publikationen. Und ich komme diesem, meinem Frust nur sehr langsam auf die Spur.

Ein erstes Indiz verbirgt sich hinter der Diskussion um das „Postfaktische“. Das Wort an sich ist ziemlicher Blödsinn, denn zu postulieren, es gebe etwas jenseits von Fakten, ist mindestens schwierig. Dennoch liegt ein Großteil der Wahrheit genau hier versteckt. Denn in der Regel ersetzen diejenigen, die Fakten lieber ignorieren würden, selbige durch Emotionen.

Gehirn vs. Aufklärung

Spätestens seit der Aufklärung gilt das rationale Denken als ultimative Richtschnur und Grundlage menschlichen Handelns. Die Universalinstanz der Vernunft hat all das, was mit Gefühlen und Emotionen assoziiert wird, seit etwa 300 Jahren marginalisiert. In vielen Kontexten ist es gar verpönt seine emotionale Seite zu offenbaren, denken wir nur einmal an all die Ratgeber zu so genanntem „professionellen“ Verhalten am Arbeitsplatz.

Erst in jüngster Zeit richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf die emotionalen Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Ein Treiber dieser Entwicklung sind nicht zuletzt die Neurowissenschaften. Immer deutlicher reift in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass die Vorstellung eines quasi emotionslosen Gehirns grundlegend falsch ist.

Die wissenschaftlichen Forschungen können vermehrte Aktivität in bestimmten Gehirnregionen belegen, wie etwa in der Amygdala oder dem präfrontalen Cortex, wenn Emotionen im Spiel sind. Die genannten Bereiche des Gehirns sind dabei für die entsprechenden emotionalen Prozesse zuständig. Im Falle des präfrontalen Cortex ist dieser zudem auch dann aktiv, wenn es um die Einschätzung anderer Menschen und um Empathie geht.

Hier liegen also die neurowissenschaftlichen Grundlagen für die bewussten oder unbewussten Stereotype, die das menschliche Miteinander (bzw. das Gegeneinander) entscheidend prägen. Ohne auf die Details der Hirnforschung eingehen zu wollen, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass sich die Menschheit längst von den Grundlagen der Aufklärung verabschiedet hat. Wir leben im Zeitalter der Emotionalität.

Das politische Gehirn

Drew Westen hat im Jahre 2007, also weit vor Trump, sein Buch „The Political Brain. The Role of Emotion in Deciding the Fate of the Nation“ vorgelegt. Und hätten wir alle es vor der zweiten Amtszeit von Barack Obama gelesen und zur Kenntnis genommen, so wären wir kaum mehr überrascht worden vom Ausgang der jüngsten US-Wahl. Und wer weiß: Vielleicht hätten wir Trump ja sogar abwenden können.

Westen ist Psychologe an der Emory University von Atlanta. Er fand heraus, wie es dem Gehirn gelingt eine einmal gewählte politische Haltung auch bei Schwierigkeiten beizubehalten.

„Er konfrontierte Probanden mit widersprüchlichen Aussagen ihres Lieblingskandidaten im US-Wahlkampf 2004 und bat sie, darüber nachzudenken. Dabei zeichnete er im Tomografen die Hirnaktivität auf. Das Ergebnis: Sobald das Gehirn den Konflikt bemerkt, versucht es, ihn wieder loszuwerden. Das geht so schnell, dass in der Regel die Probanden den Widerspruch entweder gleich ignoriert oder ihn schon längst rationalisiert hatten, als die Bitte um Reflexion kam. Besonders aktiv dabei war der orbitofrontale Cortex, der Emotionen verarbeitet. Außerdem aktiv war der vordere Teil des Gyrus cinguli, der für Problemlösungen zuständig ist. sowie der hintere Teil, der dabei hilft, moralische Urteile zu fällen. Nach erfolgreicher Beseitigung der Widersprüche sprang der Nucleus accumbens an, der für Glücksgefühle sorgt.“ (Quelle: Welt.)

Emotion statt Fakten

Ganz ähnlich sind für mich die fast unmöglich gewordenen sachlichen Diskussionen mit Anhängern der „AfD“ und/oder „Pegida“ einzuordnen. Hier regieren ausschließlich Emotionen. Fakten werden unmittelbar als Manipulation gewertet, Begriffe von „postfaktisch“ bis „Lügenpresse“ machen die Runde. Für jemanden, der sich ausschließlich an Fakten orientiert, dürfte das eine sehr unbefriedigende Ausgangssituation sein.

In dem Moment, wo man das Primat der Emotionalität anerkennt, findet jedoch ein entscheidender Perspektivenwechsel statt. Man erweitert das argumentative Repertoire um einen emotionalen Zugang zum Gegenüber. Und das klingt esoterischer, als es ist. Denn hier geht es um grundlegende menschliche Bedürfnisse, wie etwa wahrgenommen und respektiert zu werden. Emotionen bilden die Basis für einen solchen Dialog, Fakten und Argumente können darauf aufbauen – und nicht etwa umgekehrt.

Kann das funktionieren? Schaffen wir es dem z.T. lauten und nicht selten unflätigen Gepolter echte und ehrliche Emotionen gegenüberzustellen? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht wäre es den Versuch ja wert. Mir gehen jedenfalls langsam die Alternativen aus.

 

(Bildquelle: unsplash.com.)

Keine Opposition, nirgends – warum Arbeitgeber mit uns (fast) machen können, was sie wollen

Wir sollten mal eine Grundsatzdiskussion führen. Über Arbeit. Und über Nicht-Arbeit.

Letzteres heißt ja gerne mal „Life“ und wird häufig im Zusammenhang mit Balance diskutiert. Findige Geister sprechen inzwischen gar von der „Work-Life-Integration“. Doch egal, ob Balance oder Integration: Etwas läuft ziemlich schief.

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Wir alle haben Verantwortung. (Bild: unsplash.com)

Die ganze „New Work“-Debatte droht mittlerweile zur Lachnummer zu werden. Denn viel mehr als eine Worthülse ist bisher nicht daraus geworden. Auch Versionsnummern scheinen nicht weiterzuhelfen: „Arbeit 4.0“ ist jedenfalls noch nicht so recht angekommen in der so genannten Mitte unserer Gesellschaft.

Aber wer ist schuld daran? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass wir Arbeit noch immer anhand z.T. Jahrhunderte alter Kriterien beurteilen? Wieso ist noch nicht mehr passiert?

Sind es ausbeuterische Unternehmen, unwürdige Arbeitsbedingungen, Nichtvereinbarkeit oder ähnliche Missstände? Ja. Auch. Ganz bestimmt sogar. Aber wenn wir ganz ehrlich sind, dann müssen wir anfangen zuzugeben: Wir tragen selbst einen nicht unerheblichen Teil an Verantwortung. Denn wir sind träge, inkonsequent und ängstlich. Und das spiegelt sich in vielen Aspekten wider.

Wir beschweren uns seit Jahren über unsere Arbeitgeber, die keine Führungsqualität bieten, die uns das Berufsleben zur Hölle und unser Privatleben zum Eiertanz werden lassen.

Wir jammern tagein, tagaus über das Gehetze, das unseren Alltag erodiert, das uns von A nach B hasten und keine Zeit zum Innehalten lässt.

Wir meckern pausenlos über das liebe Geld, das uns nicht ruhen lässt, das Monat um Monat für Rastlosigkeit und Dauerstress sorgt.

Wir hadern stets mit der Vielzahl an Anforderungen, die uns bestimmt, die keine Entspannung möglich und uns Schritt für Schritt mürbe macht.

Wir huldigen dem Prinzip „Lean in“, wir kaufen Ratgeber für erfolgreiche Karrieren, wir lassen uns coachen und liften und optimieren, und landen am Ende doch im Hamsterrad fauler Kompromisse und energetischer Offenbarungseide.

Aber das Schlimmste ist: Wir lassen all das mit uns machen. Warum nur?

Weil wir träge sind. Wir wählen lieber den bekannten Schrecken als den Aufbruch zu Neuem. Das mag evolutionär erklärbar sein, besser oder richtiger wird es dadurch nicht.

Weil wir feige sind. Wir reißen die Klappe im Freundes- und Familienkreis auf, geben jedoch klein bei, sobald es darum geht vor Vorgesetzten vehement für unsere Belange einzustehen.

Weil wir unreflektiert sind. Wir leben die Leben unserer Eltern, weil es einfacher ist Bekanntes nachzuahmen statt neues Terrain zu erkunden.

Ich war sicherlich auch schon feige, träge oder unreflektiert. Aber ich gebe mich nicht damit zufrieden. Ich hadere regelmäßig mit mir und bestimmten Umständen. Aber ich internalisiere das nicht ausschließlich. Statt dessen hinterfrage ich meine Reaktion und mein Verhalten in bestimmten Situationen. Ich checke meine Haltung und überprüfe, ob und wie ich sie in Aktion umsetze. Manchmal laufe ich dabei gegen Wände. Doch grundsätzlich versuche ich stets in eine mehr oder weniger sachliche Opposition zu den Umständen zu gehen, die ich als nicht akzeptabel identifiziere – für mich und auch für andere.

Es ist daher an der Zeit eine klare Haltung zu entwickeln und sich in bestimmten Bereichen zu emanzipieren. Die Argumente sind dabei auf unserer Seite.

Wir sind keine Bittsteller, sondern wertvolle Arbeitskräfte, die sich für die Belange ihrer Unternehmen mit ganzer Energie einsetzen.

Wir widmen einen großen Teil unserer Lebenszeit dem Arbeiten und stellen unsere eigenen Ansprüche hinten an.

Wir sind kreativ, tragen mit Leidenschaft und Engagement Entscheidungen mit und setzen uns für das Vorankommen unserer Arbeitgeber ein.

Warum verhandeln wir dann nicht auf Augenhöhe?

In den vielen, vielen Debatten über Vereinbarkeit und Balance des beruflichen und privaten Lebens stelle ich immer wieder fest, dass viele, insbesondere Frauen, die Argumentation ihrer Arbeitgeber quasi in vorauseilendem Gehorsam übernehmen. Man müsse ja auch das Unternehmen verstehen, es sei schließlich nicht so leicht eine junge Mutter/einen jungen Vater zu ersetzen, die Kolleg_innen würden ja dadurch belastet, etc. etc.

Und dann frage ich mich, wie sich denn jemals etwas ändern soll, wenn selbst viele der Betroffenen nicht Willens sind für ihre Belange einzustehen. Als Gegenargument höre ich dann, dass das ja alles nicht so einfach sei, dass man schließlich Verpflichtungen (gerne Hypothek oder Kinder) habe, dass nicht jeder Mensch sich so leicht mit sowas tue, etc. etc.

Mich frustriert das: diese Trägheit, dieses nur bis zum eigenen Tellerrand blicken, diese vielen faulen Kompromisse, dieser Selbstbetrug. Veränderung funktioniert nicht ohne eigenes Zutun. Engagement für die Sache ist nicht immer nur mit Annehmlichkeiten verbunden. Doch an dieser Stelle müssen wir unsere Komfortzonen verlassen. Das sind wir uns selbst, unseren Familien und den nachfolgenden Generationen schuldig.

Fragen wir doch einmal umgekehrt: Was wäre dass Schlimmste, das passieren könnte, wenn wir uns in bestimmten Situationen nicht fügen, wenn wir nicht klein beigeben, wenn wir uns nicht verstecken? Diese theoretischen „worst case“ Szenarien machen in den allermeisten Fällen Mut, da die in der Regel gar nicht so schlimm sind wie wir ursprünglich dachten.

Es lohnt sich immer für die eigenen Belange und diejenigen anderer Benachteiligter einzutreten. Erst, wenn wir selbst bereit sind gegen Widerstände oder Übervorteilungen anzutreten, erst dann erwerben wir auch das Recht uns über Missstände zu beklagen. Schließlich müssen alle Beteiligten ihren Teil beisteuern um größere Veränderungen zu ermöglichen.

Ich wünsche mir daher mehr Streitbarkeit in der Sache, mehr Blick über den eigenen Horizont hinaus und mehr Reflexion über die eigene Rolle und Haltung. Und ich wünsche mir konstruktive Opposition, auch im Angesicht etwaiger persönlicher Nachteile. Es geht schließlich um unsere Zukunft und die unserer Kinder.

Komplexität und Meinungspluralismus sind Grundbedingungen unserer Zeit 

Es gibt Tage, an denen ich gar nichts mehr zu verstehen glaube. Angesichts beinahe (all)täglicher Schreckensmeldungen fehlt mir einerseits das emotionale Reservoir für eine angemessene Reaktion auf jede einzelne der vielen Katastrophen, andererseits mangelt es mir an intellektueller Kapazität sämtliche Zusammenhänge zu durchschauen. Und dann gibt es wiederum Tage, an denen sich wieder Klarheit einstellt. Zum Beispiel heute, als mir dämmerte, dass der eingangs beschriebene Zustand die neue Normalität sein könnte.

Geholfen haben mir bei dieser Erkenntnis zwei Interviews. Das erste war ein Deutschlandfunk-Gespräch zwischen dem Soziologie-Professor Armin Nassehi und Frank Kaspar. Nassehi spricht darin unter anderem von „Perspektivendifferenz“ als Zentrum seines soziologischen Denkens. Er meint damit eine „Gesellschaft, die man nicht mehr aus einer Zentralperspektive erfassen kann, die von Gleichzeitigkeiten, von parallelen Blicken, Perspektiven, Denklogiken geprägt ist.“ Weiter sagt Nassehi:

„Moderne Gesellschaften zeichnen sich wirklich dadurch aus, dass zum Beispiel jemand, der ökonomisch handelt, ein anderes Problem lösen muss als jemand, der politisch handelt. Jemand, der medial handelt, ein anderes Problem lösen muss als jemand, der wissenschaftlich handelt. Und so weiter, und so weiter. Und das kann man nicht einfach harmonisieren, indem man das moralisch oder im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel unter eine Knute bringt.“

Das zweite Interview war ein 3sat-Gespräch zwischen Peter Voß und dem Historiker Dan Diner. Darin wurde auch die Frage erörtert, ob die derzeitigen globalen Herausforderungen angesichts ihrer Komplexität überhaupt zu bewältigen seien. Diner sieht dies kritisch und verweis darauf, dass die so genannte Generation X in weitgehender Konfliktfreiheit aufgewachsen sei. Zwar hätte sie der Kalte Krieg geprägt, mit ihm sei jedoch auch eine binäre Sicht auf richtig und falsch, gut und böse eingekehrt. Diese gebe es nun nicht mehr, man müsse sich auf steigende Komplexität und größere Unsicherheit sowie auf zunehmende Konflikte einstellen. Dies falle der erwähnten Generation besonders schwer.

Mir haben beide Sichtweisen bei der Annäherung an die derzeitige Konfliktlage geholfen. Sie befreien mich einerseits von dem Drang Zusammenhänge vollumfassend begreifen und deuten zu müssen und dadurch zu einer einzigen und „wahren“ Perspektive zu gelangen. Ganz offensichtlich darf und muss man Komplexität zulassen und sich darauf einstellen, dass es mehrere legitime Annäherungen an die Lösung globaler und lokaler Herausforderungen gibt.

Für mich ergeben sich aus dieser Erkenntnis mindestens zwei Folgerungen: Erstens brauchen wir für einen breiten gesellschaftlichen Diskurs starke Debattenbeiträge aus unterschiedlichen Bereichen und von unterschiedlichen Experten. Das steigert zwar zunächst die Komplexität, schafft aber gleichzeitig eine Pluralität an Perspektiven. Beides ist notwendig um Wege auszuloten und Zukunft zu gestalten.

Zweitens ist das, was Armin Nassehi Perspektivendifferenz nennt, ein sehr demokratischer Vorgang. In einer Zeit, in der Politik im Verdacht steht lediglich Klienteninteressen zu bedienen, könnte daraus eine integrative Kraft entstehen. Wir sollten uns daher alle angewöhnen uns auf Basis unserer jeweiligen Prägung und unserer verschiedenen Expertisen an den Debatten zu beteiligen.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die alten Dualismen nicht mehr zur Einordnung globaler Fliehkräfte taugen. Die Parameter, die uns bislang zur Deutung weltpolitischer Ereignisse zur Verfügung standen, bedürfen einer sukzessiven Erweiterung. Gleichzeitig müssen wir lernen zuzulassen, dass es mehr als die eine Sicht auf die Dinge gibt. Zukünftig wird es mehr um das Austarieren komplexer Strukturen gehen als um die Durchsetzung einer einzigen Weltsicht. Und vielleicht gehört dazu auch mehr als nur die argumentative Ebene.

Rape Culture und männliche Verantwortung

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Der Fall Brock Turner dominiert derzeit viele US-Medien. Der Stanford-Student war Anfang des Jahres zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden, nachdem er im Januar 2015 auf einer Verbindungsparty an der Elite-Universität Stanford eine 22Jährige vergewaltigt hatte. Die Frau war während der Gewalttat bewusstlos.

Noch verstörender als die gering anmutende Strafe wirkt der Brief, den Turners Vater an den Richter geschrieben hatte. In diesem stuft der Vater die Haftstrafe für seinen Sohn als zu streng ein und spricht von lediglich „20 minutes of action“. Das machte nicht nur die Stanford-Professorin Michele Dauber fassungslos, die einen Teil des Briefes veröffentlichte.

Anne Theriault nennt in einem aktuellen Artikel mit dem Titel „Men See Themselves In Brock Turner—That’s Why They Don’t Condemn Him“ einige Aspekte des zugrunde liegenden Narrativs, wonach junge, weiße Vergewaltigungs-Täter häufig in einem Licht dargestellt würden, als verbaue ihnen eine allzu harte Strafe ihre Zukunft. Vom Opfer sei oft nur am Rande die Rede.

Ein Statement des Opfers wurde von BuzzFeed veröffentlicht. Anne Theriault schreibt in diesem Zusammenhang:

„I’m willing to bet that more than a few men read the victim’s letter and had a pang of recognition—not of her experiences, but his.“

Viele Männer, so Theriault, würden selbst auf Partys gehen „with the intention of hooking up with someone.“ Und ja, spätestens an dieser Stelle setzt meine eigene Reflexion ein. Denn diese Absicht ist mir in einer gewissen Weise vertraut, wenn auch anders, als es vielleicht zu erwarten wäre. Denn eines war und ist mir stets heilig: Nein heißt nein. Immer.

Doch erinnere ich mich auch an Gelegenheiten, bei denen mir meine eigene Akzeptanz eines „Nein“ zu schaffen machte. Die Tatsache, dass ich nach einer durchfeierten Nacht nicht bei einer Frau landete, ließ mich mitunter an mir zweifeln. Denn um mich herum sah ich nicht selten, dass diejenigen Männer „erfolgreich“ waren, die sich gelegentlich auch über ein Nein hinwegsetzten.

Insgeheim wusste ich, dass ich das Richtige tat. Dennoch waren die Spielregeln häufig andere als meine. Das steht nicht jeder Junge und nicht jeder Mann selbstbewusst durch. Daher ist es auch von so enormer Bedeutung, dass wir unserem männlichen Nachwuchs unmissverständlich und frühzeitig beibringen, was ein Nein bedeutet; nämlich ganz einfach: nein. Und dass es keinesfalls ein Defizit ist es dann dabei bewenden zu lassen, sondern Ausdruck von Respekt und, ja, Männlichkeit.

Und wir müssen noch viel weiter gehen. Denn ein Nein kann so viele Facetten haben. Anne Theriault schreibt dazu:

„Perhaps in their case the girl was drunk, yes, but not so very much more drunk than they were, and she seemed to like it and the next morning they went out for breakfast. Perhaps the girl said yes to kissing and touching and even though she froze up when he tried to penetrate her she never actually said no. Perhaps he thought that every yes starts out as a no because someone told him so, or because every movie or TV show he’d seen showed a women having to be cajoled and worn down befor[sic] she agreed to sex.“

Es geht bei der Sensibilisierung von jungen Männern um Verantwortung und um die Einschätzung der Folgen des eigenen Verhaltens. Teresa Bücker schreibt in ihrem Artikel zum Fall Gina-Lisa Lohfink: „[S]exualisierte Gewalt schweißt uns als Frauen unfreiwillig zusammen (…).“ Und das gilt auch für uns Männer: Sexualisierte Gewalt ist für uns alle ein Thema, nur ist unsere Perspektive eine andere. Wir sind in der Regel Täter, also haben wir auch ein anderes Maß an Verantwortung.

Unserer Verantwortung können wir auf unterschiedliche Arten gerecht werden, zum Beispiel, wie gesagt, in der Erziehung unserer Söhne. Aber wir können und müssen das auch und vor allem durch unser eigenes Verhalten tun. Und das schließt größtmögliche Sensibilität ein. Denn lieber bei fünf Gelegenheiten einen vorsichtigen Rückzieher gemacht, als auch nur einmal eine Grenze überschritten. Und ja: Das ist gar nicht so einfach, wenn Gefühle und Hormone im Spiel sind. Doch Affektkontrolle ist i.d.R. eine Fähigkeit, die uns vom (männlichen) Tier unterscheidet.

Es wird also Zeit die Spielregeln von Liebe und Sex neu zu interpretieren. Dazu gehört die Übernahme von Verantwortung, und zwar ohne jegliche Konsens-Fantasien. Und dazu gehört die Ablehnung jeglicher Interpretation eines verbal oder non-verbal geäußerten „Nein“.

Vielleicht hilft uns bei der Lösung auch die Frage nach einem neuen „Ja“ als Gegenentwurf zum allzu oft missbrauchten, vermeintlich uneindeutigen Nein. Denn wenn wir sicher sein können, dass ein Nein jederzeit und ohne Dehnbarkeit der Bedeutung akzeptiert und respektiert wird, dann können wir uns vielleicht wieder auf ein klares Ja einlassen. Und zwar auch dann, wenn später doch noch ein Nein folgt. Was akademisch klingt, ist letztendlich die Herstellung von Eindeutigkeit unter Aufrechterhaltung individueller Entscheidungssouveränität.

Jesper Juul und die Leitwölfe – Erziehungskonzepte als Grundlage für moderne Leadership

Jesper Juul ist der Guru unter den Erziehungs-Experten. Seine Empfehlungen helfen modernen Familien seit vielen Jahren bei der elterlichen Orientierung. Doch sind seine Ratschläge weit mehr als nur familientauglich. Übertragen auf die Arbeitswelt zeigt Juul, dass es vor allem um eines geht: um Beziehungen.

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Von elterlichen Führungsrollen kann man vieles lernen

In seinem neuesten Buch „Leitwölfe sein“ nimmt der dänische Familien-Experte Jesper Juul Eltern in die Pflicht und fordert sie auf Führung in der Familie zu übernehmen. Gleichzeitig führt er ein neues Paradigma ein: das der „Gleichwürdigkeit“. Grundsätzlich gehe es dabei, so Juul, „um die gleiche Würde, die jedem Menschen zugestanden wird; sie ist entscheidend für die Qualität einer Beziehung.“ Und weiter: „Die ideale durch Erwachsene ausgeübte Führung ließe sich folgendermaßen beschreiben: Sie ist proaktiv, empathisch, flexibel, dialogbasiert und fürsorglich.“ (Juul, Jesper. Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie. Weinheim: Beltz. 2016. S. 24)

Wie führt ein Leitwolf?

Juul erklärt diese Begriffe im weiteren Verlauf des Kapitels. Dabei ergibt sich ein hochinteressanter Perspektivenwechsel, wenn man dabei den Kontext Erziehung verlässt und die Prinzipien auf Führung im Sinne von Mitarbeiterführung und Leadership in Unternehmen anwendet (im folgenden Transfer genannt). Weiterlesen