Über #noah16 und #EscortGate – Zeit für neue Konferenzformate

In Deutschland wird gerne mal ein „-gate“ ans Ende eines Hashtags angefügt, wenn man die skandalöse Note betonen möchte. Auch im Falle #EscortGate ist das so. Was war passiert? Die renommierte NOAH Conference kam nach Berlin, veranstaltet von Axel Springer und unterstützt von namhaften Partnern, wie etwa der Credit Suisse, Hellman & Friedman sowie der Deutsche Börse Cash Market.

Im Vorfeld gab es z.T. heftige Kritik am eklatanten männlichen Speaker-Überschuss, am Ende waren es laut fortune.com 108 Sprecher_innen, davon lediglich elf Frauen. Das entspricht einem Anteil von knapp zehn Prozent. Zwischenzeitlich waren es sogar 97 Prozent ankündigte Männer auf der Bühne gewesen, nach der Kritik versuchte man offenbar noch nachzubessern.

Auf die Konferenz selbst kann und will ich nicht näher eingehen, ich war ja nicht dabei. Zwar hatten mir die Organisatoren einen zehnminütigen Slot angeboten um mit einer Unternehmerin das Thema Frauenmangel zu diskutieren – dies hatte ich jedoch nachdrücklich und aus Gründen abgelehnt.

Worüber aber in jedem Falle zu reden war und ist, ist das eingangs erwähnte #EscortGate. Offenbar hatte irgend jemand – dem Vernehmen nach die Unternehmerin Pia Poppenreiter – dafür gesorgt, dass wenigstens der Partyabend nicht unter dem Stigma des Männerüberschusses zu leiden hatte. Man schleuste kurzerhand eine beträchtliche Anzahl an Escort-Damen zur Männerbespaßung ein.

Dem Vernehmen nach hatte Axel Springer zuvor sogar versucht auch eigene Mitarbeiterinnen aus Polen als Partygäste zu rekrutieren. Das Frauenbild, das hinter derartigen Vorkommnissen steht, ist unterirdisch. Genau wie das Männerbild, übrigens. Einige (wenige) feiern das Geschehene als PR-Coup der Frau Poppenreiter. Wenn der Zweck alle Mittel heiligt, ist das sicherlich nicht von der Hand zu weisen.

Ebenso wenig kann man argumentieren, dass Frau Poppenreiter nicht genau gewusst hätte, was sie tut. Das macht die Sache aber nicht besser, im Gegenteil: Hier kulminieren Old Boys’ Clubs, die Attitüden eines Valley-Kapitalismus, tief sitzende Misogynie und vermutlich auch eine gewisse Unbedarftheit nach dem Motto „War doch ne geile Party!“.

Anders ist die Stellungnahme des NOAH-Gründers Marco Rodcynek jedenfalls kaum zu erklären. Er sieht die geringe Frauenquote lediglich als Symptom des Status Quo und sich und NOAH als Opfer einer missglückten PR-Aktion. Damit macht er es sich zu einfach.

Ich sehe Veranstaltungen wie NOAH (vor deren Umsetzung und Idee ich im Übrigen großen Respekt habe) in der Pflicht sich a) als Ursache des Problems zu begreifen und b) aktiv an der Veränderung des männlichen Paradigmas mitzugestalten. Wer hätte bessere Voraussetzungen Teil der Lösung zu werden als NOAH?!

Wenn es den Organisator_innen wirklich nicht nur darum geht maximale PR bei bestmöglicher Monetarisierung herzustellen, dann könnten sie es jetzt zeigen:

  • indem sie ihre Parameter verändern um auch Speakerinnen auf die Bühne zu bekommen.
  • indem sie dafür Sorge tragen, dass Frauen nicht nur als schmückendes Beiwerk zu den männlichen Protagonisten gesehen werden.
  • indem sie die Veranstaltung so organisieren, dass Inklusivität nicht nur ein Lippenbekenntnis ist.
  • indem sie mit Organisationen und Menschen zusammenarbeiten, die sich für eine vielfältige Wirtschaft und Gesellschaft einsetzen.
  • indem sie sich bei der Zusammenstellung und Besetzung von Panels vom Gedanken der Vielfalt leiten lassen und auch neuen Talenten jenseits der Startup-Pitches eine Chance geben.
  • indem sie ihre Werte und ihre Mission überprüfen und ihr Selbstverständnis wandeln hin zu einer inklusiven Gesellschaft.

Im November in London gibt es die erste Chance es besser zu machen. Spätestens dann aber zur #noah17 in Berlin? Ich würde mich sehr über eine neue NOAH freuen.

Alles beim Alten? Ein Blick auf die acatech-Initiative „HR-Kreis“

Durch einen Tweet von Thomas Sattelberger wurde ich auf eine mir bis dato noch unbekannte Initiative aufmerksam:

Ein paar Tage später legte Sattelberger nach und erklärte das o.g. Papier zum #mustread:

Zwar bin ich kein Personaler, habe mich aber dennoch dazu entschlossen das Papier zu lesen. Zunächst einmal wollte ich dabei verstehen, wer der Absender ist. Laut Pressemitteilung handelt es sich bei acatech um die „Deutsche Akademie für Technikwissenschaften“.

Bereits auf den ersten Blick ist das eine recht männlich dominierte Einrichtung unter Beimischung einiger (zu erwartender) Frauen, die auch auf der Homepage abgebildet sind. Darunter finden sich etwa BMW-Erbin Susanne Klatten oder Renate Köcher, die als Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach in Deutschland seit vielen Jahren qua Position eine gewisse Deutungshoheit über gesellschaftliche und wirtschaftliche Fakten besitzt.

Neue Gesichter sucht man leider vergeblich, was angesichts des akademischen Kontexts aber auch nicht sonderlich überrascht. Es ist schließlich schwer vorstellbar, dass etwa eine Mittzwanzigerin bereits Teil dieser Wissenschaftselite ist. Es bleibt also dabei: vorwiegend Männer im gesetzten Alter. Beide Präsidenten, der Generalsekretär, das geschäftsführende Präsidium – alles männlich, weiß und,mit Verlaub, „alt“. Weiterlesen

Quo vadis Newsroom? Die Macht der Timelines und das Dilemma der Publisher

Ausgerechnet BuzzFeed hatte vor ziemlich genau einem Jahr den Innovation Report der New York Times geleakt. Für mich persönlich war das der bis dahin spannendste direkte Einblick in die Bemühungen eines traditionellen Medienriesen – in diesem Fall aus dem Print-Bereich – sich neuen Rahmenbedingungen anzupassen. Diese Anpassung wird meist unter dem Begriff Digitale Transformation subsummiert (was ich nach wie vor für wenig zielführend halte).

Tradition beim Geschäftsmodell

Im Falle der NYTimes hat man sich quasi an die Spitze der Paywall-Bewegung gesetzt und somit einen veritablen Showcase für eine zutiefst verunsicherte Branche geliefert. Der Impuls dazu entsprang der schieren Erkenntnis, dass Anzeigenerlöse allein das Delta nicht würden ausgleichen können, das durch die schrumpfende Print-Leserschaft entstanden war – und weiterhin entstehen wird. Statt dessen setzt man, auch mangels Alternative, auf die traditionellste Art der Einnahme-Generierung: Der Leser soll zahlen.

Die ersten Ergebnisse, die im Innovation Report nachzulesen sind, stimmten dabei durchaus optimistisch. Doch sogar die Autoren des Reports selbst, also die Mitarbeiter der NYTimes, mussten einräumen, dass die Möglichkeiten einer Paywall begrenzt seien und selbst optimistische Prognosen die Erkenntnis beinhalten, dass der mächtige Newsroom des Unternehmens mittel- bis langfristig dadurch nicht zu finanzieren sein werde.

Nur: Wenn dies nicht einmal der NYTimes gelingt, wer bleibt dann noch übrig den Kampf gegen BuzzFeed, VICE und Co., vor allem aber gegen Facebook und Google aufzunehmen? Die Antwort lautet: vermutlich niemand. Zumindest nicht unter den bisherigen Gegebenheiten, wo Content-Produzenten und Publisher gegen Player antreten müssen, deren Finanzierung und Nutzung völlig anderen Parametern unterliegt, als dies bei den Medienunternehmen selbst der Fall ist.

Verschiebung der Machtverhältnisse

Was mir bei der Betrachtung publizistischer Geschäftsmodelle unter dem Aspekt Innovation, Zukunftsfähigkeit und Wertschöpfung die Augen geöffnet hat, ist die so genannte Smiling Curve), über die Ben Thompson im vergangenen Herbst bei stratechery geschrieben hatte. In dieser einfachen Darstellung offenbart sich das große Dilemma der Verlage und Medienunternehmen. Deutlicher konnte man selten sehen, wohin sich die Macht im Medienzirkus verschoben hat, und wohin sich die Wertschöpfung mehr und mehr verlagert.

The Smiling Curve for Publishing

(Fotonachweis: Quelle)

Kaum hatten die Publisher ihre Gatekeeper-Position eingebüßt, gerieten sie in schwere See; und zwar in die Abhängigkeit von Facebook und anderen Timeline-orientierten Entitäten, aus der sie schwerlich wieder herauskommen werden (an anderer Stelle ging ich auf diese Abhängigkeit bereits detailliert ein). Zumal sich diese Abhängigkeit aktuell zementiert. Neben BuzzFeed und der NYTimes arbeitet Facebook mit weiteren ausgewählten News-Organisationen zusammen, die ihre Inhalte z.T. komplett bei Facebook stattfinden lassen, anstatt, wie bisher, zu verlinken. Die Beurteilung, ob dies der finale Sündenfall der Content-Produzenten ist, überlasse ich gerne anderen.

Gretchenfrage des Journalismus

Fest steht jedoch, dass sich dadurch eine ganze Reihe weiterer Probleme ergeben. Trevor Timm erläutert dies in seinem Artikel: Nicht nur verkaufen die Publisher ihre (Content-)Seele und liefern sich den Unwägbarkeiten von z.T. willkürlichen Algorithmus-Änderungen seitens Facebook aus; viel schlimmer wiegt die neue Macht des Social Networks:

„the right to chose between the free expression of ideas or to instead impose censorship when it deems content unworthy. That should worry the public, because when given that power in the past, Facebook has ruled with an iron fist.“

Grund genug für einen neuen Branchen-Pessimismus? Der Journalist Richard Gutjahr äußert sich jedenfalls wenig optimistisch zur Zukunft des Journalismus. In einem Video-Interview mit Ingrid Brodnig macht er seiner Branche wenig Hoffnung gegen die aktuellen Entwicklungen bestehen zu können. Selbst die so oft herangezogene Argumentation, Journalisten könnten News einordnen, sei längst nicht mehr haltbar.

Was bedeutet das alles? Wird es zukünftig noch viele News-Websites geben? Oder ist der Content-Stream das (vorläufige) Ende der Entwicklung? Klar ist, dass der Ort, an dem Inhalte jeglicher Art zukünftig konsumiert werden, von entscheidender Bedeutung ist. Gleichzeitig wird das Device zur Nebensache. Letzteres erkennt auch Tom Standage, stellvertretender Chefredakteur des Economist, in einem sehr lesenswerten Interview mit Joseph Lichterman an, wenn er betont „print is just another device“.

„Bewältigbarkeit“ als Wettbewerbsvorteil

Standage geht auf ein Hauptziel des Economist ein, das „desert-island magazine“ sein möchte. Er meint damit, dass man stets zum Ziel habe eine Art endliches Informations-Quantum zur Verfügung zu stellen; also genau die Menge und Tiefe an Inhalt, die der Rezipient verarbeiten kann um sich maximal informiert zu fühlen. In diese Strategie passe The Economist Espresso, das tägliche, für Nicht-Abonnenten kostenpflichtige Briefing des Economist zu bestimmten Themen, in dem man aus Gründen der Fokussierung u.a. auf weiterführende Links verzichte. Der Dienst, der als App verfügbar ist, macht sich das Defizit der Informationsfülle zu Nutzen:

„The “you’ve got to the end and now you’ve got permission to go do something else” is something you never get. You can never finish the Internet, you can never finish Twitter, and you can never really finish The New York Times, to be honest.“

Mitten in der Abhängigkeitsfalle

Wenn Facebook zum Content Management System für Publisher wird, das deren Inhalte dank überlegener Technologie deutlich besser monetarisiert als die Publisher selbst, dann schlägt das Pendel publizistischer Geschäftsmodelle bereits in eine ganz bestimmte Richtung. Die Frage wird sein, was alte und von allem neue Marktteilnehmer dem entgegenzusetzen haben. Das Modell einer Stiftung zur Finanzierung von Journalismus, wie etwa beim Guardian, mag nahe liegen, ist jedoch kaum eine Lösung für mehr als eine Handvoll der Marktteilnehmer.

Wie man es dreht oder wendet, die Macht liegt heute bei denjenigen Playern im Markt, die für zwei essenzielle Voraussetzungen erfolgreicher Publikationen sorgen: Distribution und Discoverability. Der Content selbst, bzw. dessen Herkunft, wird dabei mehr und mehr zur Nebensache; es gibt schlicht zu viele ausreichend gute Produzenten von Inhalten. Und wenn man die Entwicklung des so genannten „Roboter-Journalismus“ zu Ende denkt, könnte einem tatsächlich Angst und Bange um einen ganzen Berufsstand werden.

Zukünftig wird es also entscheidend sein ein hohes Maß an Unabhängigkeit von den Content Distributoren zu besitzen, exzellente, bedarfsorientierte Inhalte liefern zu können und gleichzeitig mit einem Geschäftsmodell aufzuwarten, das in der Lage ist auch jenseits von Paywall und Advertising Werte zu schaffen und zu schöpfen. Man darf gespannt sein, welche neuen Geschäftsmodelle und Finanzierungs-Synergien vor diesem Hintergrund entstehen werden.

„Digital kills the analog star“? Warum das Prinzip einer Digitalen Transformation zu kurz greift

Viele Unternehmen sind auf der Suche nach der digitalen Erleuchtung. Fast keine Branche ist vom Veränderungsdruck ausgenommen, der durch die Digitalisierung ausgelöst wurde. Mit am stärksten betroffen sind Zeitungs-, Zeitschriften und Buch-Verlage, deren Auflagen angesichts eines sich radikal verändernden Medienverhaltens im Sinkflug sind, während ihr Digitalgeschäft die dadurch entstehenden Umsatzverluste nicht kompensieren kann. Die Lösung wird von Beratern und Medien seit Jahren propagiert, sie heißt: Digitale Transformation. Doch wer das glaubt, der irrt; und zwar gewaltig.

Der Wunsch behindert das Denken

Digitale Transformation ist ein Wunschdenken. In diesem Denken kommt nämlich der Wunsch zum Ausdruck, dass Geschäftsmodelle aus dem analogen Spektrum in etwas Digitales transformiert werden könnten. Sache erledigt, Aufgabe erfüllt. Eine solche Vorstellung ist ebenso falsch, wie gefährlich. Wer als Unternehmer oder Manager immer noch glaubt, es sei damit getan sein Produkt- oder Dienstleistungs-Portfolio um ein digitales Pendant zu erweitern, der hat zwei Dinge gründlich missverstanden.

Da ist auf der einen Seite das Missverständnis, dass eine Website, eine App oder ein E-Mag die digitale Krönung eines (z.B. verlegerischen) Geschäftsmodells darstellen. Die Trennung der Inhalte von ihrer Darstellungsform mag wie eine vielversprechende Strategie klingen, den Kern des Problems löst ein solches Vorgehen nicht einmal im Ansatz. Denn die Herausforderung ist nicht die fehlende Verfügbarkeit von Content in bestimmten Kanälen oder auf unterschiedlichen Devices, sondern ein Defizit in der Herangehens- und Denkweise von Unternehmen.

Die Krux ist, dass die Verfügbarmachung bereits vorhandener Inhalte unter dem Stichwort der „Discoverability“ nichts anderes ist, als eine commodity. Kein Unternehmen kann in diesem Umfeld noch viel gewinnen; hier gibt es nur Verlierer. Und die Verlierer sind diejenigen, die es noch nicht einmal geschafft haben ihre Pflicht bei der Distribution ihres Contents zu erfüllen. An die Kür, nämlich die Entwicklung völlig neuer Produkte und Ökosysteme, ist an dieser Stelle noch nicht einmal zu denken.

Ein Produkt ist ein Produkt ist ein Produkt

Das zweite große Missverständnis entsteht durch die fast ausschließliche Beschäftigung von Unternehmen mit dem ersten Trugschluss. Dadurch, dass alle Kraft für eine (nicht wirklich mögliche) Transformation ins Digitale aufgewendet wird, gerät ein Themenkomplex nahezu völlig in der Hintergrund: das Produkt selbst.

Ob es Ablenkung, Unfähigkeit oder Fahrlässigkeit auf Unternehmensseite ist, kann nicht abschließend beurteilt werden. Fakt ist: Es geht nicht darum Inhalte digital verfügbar zu machen, sondern darum das eigene Produkt oder die eigene Dienstleistung vor dem Hintergrund völlig neuer Rahmenbedingungen noch einmal von Anfang an und komplett neu zu durchdenken.

Worauf kommt es beim Erfolg eines Produkts oder einer Dienstleistung denn an? Auf die Fähigkeit der Hersteller und Anbieter eines oder mehrere Kundenbedürfnisse auf besondere Art und Weise zu befriedigen, so dass das Produkt bzw. die Dienstleistung ein gewisses Alleinstellungsmerkmal erhält und verteidigen kann. So oder so ähnlich sind die meisten erfolgreichen Produkte entstanden. Sie wurden im Laufe der Zeit angepasst und verbessert und haben sich erfolgreich am Markt etabliert.

Form follows function

Was nun vor dem Hintergrund der sog. Digitalen Transformation passiert, ist eine Dissoziation der Produktentwicklungs- und Herstellungs-Prozesse von der zuvor beschriebenen Vorgehensweise. Auf einmal ist der Blick auf Zielgruppenbedürfnisse und Produkteigenschaften getrübt von einem Denken, das Kanäle und Technologien in den Vordergrund stellt, statt sich der einzig wichtigen Frage zu widmen, welche Probleme das Produkt bzw. das Unternehmen eigentlich zu lösen angetreten ist.

Form follows function, das bedeutet in diesem Zusammenhang: Digital ist der Weg, nicht das Ziel. Die digitalen Darstellungs- und Umsetzungsmöglichkeiten verstellen viel zu oft den Blick aufs Wesentliche: nämlich auf das Produkt selbst; und auf die notwendigen Veränderungen von Unternehmenskulturen und Produktentwicklung. Unternehmer und Führungskräfte werden das Thema der Veränderungen durch alles Digitale erst dann in den Griff bekommen können, wenn sie ihr Denken auf ein paar der Wesentlichkeiten des Digitalen abstimmen.

Sieben Wesensmerkmale von Digital

  1. Digital ist kein Kanal, sondern Konvergenz: Es verbindet alle kommunikativen Kanäle und integrativen Plattformen mit interaktiven Zugangswegen zu neuen Ökosystemen.
  2. Digital ist keine Abteilung, sondern Chefsache: Jeder Unternehmenslenker und jede Führungskraft benötigt ein tiefes Verständnis der digitalen Möglichkeiten und muss diese glaubwürdig, authentisch und mit Begeisterung vertreten können.
  3. Digital ist kein Synonym von Technik, sondern eine andere Denkweise: Angesichts der Vielzahl und der Komplexität digitaler Technologien nimmt der Grad an Spezialisierung zwar weiter zu, während die Anwendung der Technologien immer intuitiver wird; gleichzeitig bedarf es aber der Fähigkeit als Generalist die Summe der Teile zu antizipieren.
  4. Digital ist kein Prozess, sondern Gegenwart und Zukunft: Alle Mitarbeiter eines Unternehmens müssen in die Lage versetzt werden die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen zu können und ihr Wissen unter dem Aspekt des life-long learning permanent organisch zu erweitern.
  5. Digital ist nicht planbar, sondern volatil: Auch wenn die Messbarkeit digitaler Anwendungen ein großer Vorteil ist, so muss angesichts ständiger Veränderung das Prinzip von trial & error elementarer Bestandteil unternehmerischen Handelns sein (dürfen).
  6. Digital ist nicht das Ziel, sondern der Weg: Zuerst benötigt es ein tiefes Verständnis von Märkten, Bedürfnissen und Kanälen, erst danach kann die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen auch im digitalen Kontext erfolgen.
  7. Digital ist keine Bedrohung, sondern eine Chance: Die Chancen digitaler Technologien überwiegen die Risiken bei weitem, dennoch müssen die Herausforderungen z.B. in den Bereichen Datensicherheit und Überforderung konsequent angegangen werden.

Um ein Unternehmen für das digitale Zeitalter gut aufzustellen, reicht es nicht aus am Ende der Wertschöpfungskette anzusetzen und lediglich digitale Varianten von Produkten oder Dienstleistungen bereitzustellen. Viel wichtiger als das Produkt selbst ist die Art und Weise, wie ein Unternehmen denkt und handelt und wie es sich im digitalen Kontext strategisch und organisational aufstellt.

Digital ist dabei keine Disziplin der Produktentwicklung oder eine Fertigkeit einzelner Mitarbeiter, sondern ein elementarer Bestandteil der Strategie, des Denkens und des Agierens des gesamten Unternehmens und seiner Stakeholder. Somit ist Digital auch kein Unternehmensbereich, den man outsourcen oder zentralisieren kann. Letzteres funktioniert langfristig schon alleine deshalb nicht, weil Digital kein Synonym von IT ist und weil es sich nicht als Produktionsmittel isolieren und institutionalisieren lässt.

Digital ist mehr als Technologie. Es ist mehr Wie als Was. Es geht um den Weg zum Ziel und um das Denken und Handeln auf Basis der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Vernetzung, zur Verknüpfung und zur Interaktion von Märkten, Themen, Kunden und Medien. Die Chancen sind riesig.

Food ist das neue Fashion – was Ernährungs-Trends mit unserer Zukunft zu tun haben

Essen ist Trend. Wobei diese Zuschreibung das Ausmaß dieses Trends nicht einmal annähernd zu beschreiben in der Lage ist. In der Maslowschen Bedürfnispyramide arbeitet sich das Thema Essen und Trinken langsam aber sicher nach oben. Von jeher ein Grundbedürfnis des Menschen, ohne das ein Überleben unmöglich wäre, erklimmt das Thema Food inzwischen Stufe um Stufe.

Den Bereich der sog. Restitutions-Bedürfnisse hat Food bereits verlassen und deckt heute sämtliche Bedürfnis-Aspekte des modernen Menschen ab: Gruppenzugehörigkeit, Anerkennung und Selbstverwirklichung sind längst auch für Ernährungs-Themen ausdifferenziert: Veganer tun sich gerne mit Gleichgesinnten zusammen, Kochwettbewerbe dominieren den medialen und nicht-medialen Raum und ernährungsbasierte Lebenskonzepte haben Hochkonjunktur.

Wo es Bedürfnisse gibt, da lauert Geschäft

Wo Bedürfnisse ihrer Befriedigung harren, da ergibt sich vor allem Raum für zwei Dinge: für den Kampf um Deutungshoheit einerseits und, unmittelbar darauf aufbauend, für Umsatz und Geschäft. Lebensmittelhersteller und der Lebensmittel-Einzelhandel haben dies vor vielen Jahrzehnten erkannt und ihr Business seither ständig ausgeweitet und mehr oder weniger optimiert. Die große Masse zu bedienen ist jedoch nur ein Aspekt eines immer größer werdenden Food-Markts.

Food & Tech Industry 2014

Denn seit einigen Jahren, und bedingt durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, drängen immer mehr und immer unterschiedlichere Player in viele Nischen dieses Markts – und aktuell auch wieder aus diesen Nischen heraus in Richtung Massenmarkt. Ein Blick auf die „Food & Tech Media Industry 2014“ lässt einen erahnen, wie stark dieses Marktsegment tatsächlich wächst und wie diversifiziert die Business Modelle dort bereits sind.

Angebot galore

Auch im Medien-Bereich ist Food längst das neue Fashion. Unzählige Zeitschriften-Neugründungen, Rezepte-Websites, Koch-Apps, TV-Kochshows, Gourmet-Podcasts und Genuss-Blogs wurden und werden ins Leben gerufen. Eine neue Ebene der Spezialisierung ist dabei getrieben von Ernährungs-Trends einerseits und Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten andererseits. Vegan, Glutenfrei oder Paleo haben ihre Verbraucher-Nischen längst verlassen und ihr z.T. etwas altbackenes Image abgelegt: freie Bahn für das Lifestyle-Attribut. Und schon wird wieder ein Geschäft daraus.

Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen, dass der Speiseplan um neue Produkte jenseits des industriellen Mainstreams erweitert wird. Und vermutlich ist es lediglich ein Zeichen unserer Zeit, dass das Marketing-Pendel dabei häufig ins Extreme ausschlägt: Die Fabrik wurde zur Manufaktur, Bio zur Commodity, Rauke zu Rucola und Slow Food zur Ersatzreligion.

Zeit zu Handeln

Dabei wäre es dringender angeraten denn je, dass wir den Menschen wieder ein einigermaßen natürliches Verhältnis zu Kochen und Nahrungsmitteln vermitteln. Die modernen Zivilisationskrankheiten, allen voran Diabetes, sind zum großen Teil möglicherweise auch auf Mangelernährung zurückzuführen. Und diese hat manchmal finanzielle Gründe, viel häufiger ist sie jedoch Resultat immenser Informations-Defizite. Und genau darin liegt die Herausforderung: Wir brauchen eine neue Didaktik und einen Schulterschluss der Know-how-Träger im Bereich der Ernährung.

Die Herausforderung ist global

Die Bevölkerungsexplosion mit der Perspektive, dass irgendwann bis zu zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben könnten, zwingt uns dazu die Frage zu beantworten, ob und wie wir die produzierbaren Nahrungsmittel-Ressourcen auf diese riesige Zahl abstimmen können. Aus der Wissenschaft stammen einige Ansätze, wie z.B. die Fleisch-Produktion der Zukunft aussehen könnte, Stichwort: „in-vitro/cultured meat“. Wie man Verbrauchern solches synthetisches „Fleisch“ schmackhaft machen kann, dürfte eine der spannenderen Education- und Marketing-Disziplinen werden.

Ballungszentren mit frischen Nahrungsmitteln zu versorgen ist eine ebenso große Herausforderung, da die konventionelle Landwirtschaft dies selbst bei genetischer Optimierung der Produkte nicht mehr in Gänze wird leisten können. Längst spricht man von vertikalen Farmen, die der Tatsache Rechnung tragen, dass für die Ernährung der zusätzlichen drei Milliarden Menschen bis zum Jahr 2100 viel mehr ackerbares Land nötig sein wird, als derzeit zur Verfügung steht. Eine riesige logistische Herausforderung.

Aufmerksamkeits-Ökonomie

Der bereits geforderte Schulterschluss derjenigen, die uns und den nachfolgenden Generationen das nötige Wissen zur Veränderung unserer Ernährungs- und Lebensgewohnheiten näher bringen sollen, ist angesichts des bereits erwähnten Geschäfts vermutlich nicht so einfach herzustellen. Zumal der Kampf um die Deutungshoheit vehement tobt.

Keine vormittägliche Fernsehsendung ohne eigenen Ernährungs-Experten, kein Access-Primetime-Format im TV ohne einen mehr oder weniger prominenten Koch. Um die Sache geht es nur vordergründig, statt dessen sorgen Heerscharen von Agenten, Managern und PR-Beratern dafür, dass das Konterfei des eigenen Mandanten möglichst viele möglichst aufmerksamkeitsstarke Medien-Formate ziert. Die Botschaft gerät dabei zur Nebensache.

Her mit der Instanz!

Noch liegt es also am Einzelnen sich die Kompetenz zuzulegen, die es braucht um die richtigen Ernährungs- und Konsumentscheidungen zu treffen. Die Vielzahl der Informations- und Einkaufsquellen macht das nicht unbedingt leichter. Eine wichtige Aufgabe von Medien und Multiplikatoren wird es daher sein die schiere Masse an Informationen und Ernährungs-Ratschlägen zu bündeln, zu kuratieren und mit der Empfehlung einer anerkannten Instanz als Orientierung zur Verfügung zu stellen.

Eine solche Aufgabe erfüllen manche Organisationen heute schon zum Teil, aber keine global und umfassend genug. Darin liegt eine riesige Chance: im Kampf um Glaubwürdigkeit ohne Interessenkonflikte und Kalkül Komplexitäts-Reduktion zu betreiben und dabei allgemein gültige, dem Menschen und der Gesundheit dienende Empfehlungen und Handlungsableitungen zur Verfügung zu stellen. Wer will, wer kann, wer macht es? Man darf gespannt sein.

Plankalkül 3.0 – warum unsere Überforderung kein Zufall ist

Zunächst war da nur eine vage Ahnung, ein unbestimmtes Gefühl. Dass etwas in der Luft liegt. Es ist noch nicht greifbar, irgendwie diffus. Vielleicht irre ich mich auch, aber das würde mich wundern. Der Wunsch nach Definition ist groß; und dass ich es nicht benennen kann, macht mich unruhig. Es geht um unsere Gegenwart.

Überforderung statt Deutungshoheit

Nie zuvor hatte ich so große Schwierigkeiten einer Zeit einen definitorischen Stempel aufzudrücken wie im Moment. Dass Epochen immer retrospektiv benamt werden, ist mir durchaus bewusst. Diesmal ist es jedoch anders. Denn bisher gab es stets ein gewisses Bewusstsein dafür, wohin ungefähr unser Hier und Jetzt steuert. Bis heute. Heute sind wir angesichts zahlloser kulminierender Strömungen und durch die Unmittelbarkeit des Jetzt in unserer Perspektive reduziert auf eine Spezies der Überforderten. Wir hecheln nurmehr hinterher.

Deutungsversuche gibt es zuhauf, aber allen ist eines gemein: Sie sind nach Wochen, Tagen, Stunden, Minuten oder gar nach Sekunden Makulatur. Das liegt einerseits an der rasenden Geschwindigkeit, mit der die Gegenwart zur Vergangenheit wird. Zum anderen macht das komplexe Heute eine nachhaltige Perspektive oder gar eine eigene Meinung nahezu unmöglich. Alles ist flüchtige Momentaufnahme. Alles hat zwei (und mehr) Seiten.

Der Code der Gegenwart

Die der massiven Beschleunigung unserer Gegenwart zugrunde liegende Technologie kennt für die Funktionalität und Steuerung ihrer Maschinen nur die Werte Null oder Eins. Gleichzeitig bewegt sich die Anzahl möglicher Deutungsvarianten ein und derselben Tatsache oder Situation in Richtung eines mathematischen „unendlich“. Dadurch wird die Verortung von Gegenwart maximal erschwert.

Konrad Zuse, der Erfinder des ersten funktionsfähigen Computers der Welt, entwickelte mit „Plankalkül“ auch die erste Programmiersprache. Und genau in dieser Wortkombination verbirgt sich die semantische Annäherung an die Deutung der Jetztzeit. Viele der Dinge, Umstände und Phänomene, die uns heutzutage so un(be)greifbar erscheinen, sind geplant. Und häufig sind sie Kalkül. Diese These lässt sich in ganz unterschiedlichen Bereichen beobachten.

Von der Nische zur Masse

Ein Phänomen unserer Zeit ist die unmittelbare Verwandlung von Nischen- und Subkulturen in Mainstream. Am Beispiel der „Hipster“ kann man gut nachvollziehen, dass die modischen wie inhaltlichen Anlehnungen dieser „Massensubkultur“ aus den unterschiedlichsten Zeiten und Nischen stammen. Die Andersartigkeit – viel mehr Ideologie steckt nicht dahinter –  ist minutiös geplant, ihre Zielrichtung Kalkül: Die Wünsche dieser Großgruppe liegen weit außerhalb der Bedürfnispyramide; das Ziel: Konsum. Und wenn es mal nicht schnell genug geht mit der Entstehung neuer Trends, dann rufen die Legionen an Trendscouts und Marketing Evangelists einfach eine weitere Retro-Bewegung aus.

Ein anderes Primat unserer Gegenwart ist zweifellos das der Effizienz. Wir huldigen ihr geradezu manisch – mit großen Auswirkungen auf den Menschen und seinen Aktionsradius. Ein Bereich, in dem dieses Prinzip besonders deutlich zu Tage tritt, ist Bildung. Ganze Generationen hetzen wir durch G8 und Bachelor, ohne jede Gelegenheit zum Blickheben; sehr wohl aber inklusive eines impliziten Vorwurfs, die Angehörigen der „Generation Y“ litten unter veritablen Persönlichkeits-Defiziten, die ihre Anpassung an moderne Arbeitswelten erschweren.

Optimierung und Euphemismen

Der Hang der Postmoderne zur Überoptimierung macht vor unseren Kindern nur dann kurz halt, wenn es gilt noch mehr Helikoptereltern-Ansprüche in die bereits übervollen Tagespläne und Köpfe zu pressen. Der Plan: immer schneller, immer gleicher, immer angepasster; das Kalkül: identische Arbeitskräfte für einen effizienten Markt. Die Rhetorik kommt dabei kaum hinterher. So ist es nur eine Randnotiz, wenn ausgerechnet SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles den Begriff der „Einphasung“ im Zusammenhang mit der Einführung eines mehr oder weniger flächendeckenden Mindestlohns prägte.

Die Timeline unserer Sozialen (auch in Großbuchstaben falsch) Netzwerke ist die bestimmende News-Quelle im Hier und Heute. Wobei „News“ nicht notwendigerweise etwas mit Nachrichten im herkömmlichen Sinne zu tun haben müssen. Es regieren Selbstinszenierung und Panoptismus. Authentizität wird in nur wenigen Jahren eine völlig neue Wortbedeutung haben: Eigen-PR wird von der Ausnahme zur Regel, Content Marketing zum Euphemismus für Schleichwerbung. Geplant ist Zugang zu unseren Hirnen, das Kalkül kann sich (noch) fast jeder selbst denken.

Die Liste der Bereiche, in denen das Prinzip von Plan und Kalkül ungehindert wirkt (und würgt), ist endlos. Ob in der Architektur (z.B. Berliner Stadtschloss statt Palast der Republik), der Kunst, den Medien, ob bei familiären Lebensmodellen, Inneneinrichtung oder bei Nahrungsmitteln (z.B. vegan vs. vegetarisch), ob bei der Stadtentwicklung, dem Automobilbau oder der Politik (z.B. Meinungsbildung bei Nahost-Konflikt) – überall folgt ein Plan einem Kalkül; und umgekehrt. Wir sind als Korrektiv längst heillos überfordert. Und genau das ist der Plan, genau das das Kalkül.

Und nun?

Was tun? Es gibt eine ganze Reihe möglicher Reaktionen auf die Komplexität unserer Zeit. Doch die wenigsten sind positiv und zukunftsbejahend. Im Gegenteil: Eskapismus im Allgemeinen und im Besonderen ist für viele Menschen ein Weg der Wahl. Dieser ist dann schädlich, wenn dadurch die Überzeugung abhanden kommt die Zukunft durch Technologie für den Menschen zu gestalten – und nicht trotz des Menschen oder gar gegen ihn.

In die Kategorie Flucht fällt auch das „Pippi Langstrumpf Prinzip“. Unbequeme Dinge oder solche, die das eigene Weltbild bedrohen, werden negiert. Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt, und zwar so lange, bis sie überhaupt niemandem mehr gefallen kann. Angst vor der Totalüberwachung brachte das bereits erwähnte Prinzip des Panoptismus hervor. Niemand, der zukünftig mit korrekten Datenbeständen arbeiten muss, kann wollen, dass dies zum Massenphänomen wird.

Tocotronic hatte schon 2007 nur eine Antwort auf die Herausforderung unserer Zeit: Kapitulation. Fatalismus ist natürlich keine ausgesprochen konstruktive Geisteshaltung, aber sie kann in ihren Ausprägungen bis zu einem gewissen Grad durchaus sympathisch sein. Die Hipster, wir sprachen darüber.

Die entscheidende Frage

Es gibt ein Prinzip, das angesichts der allgegenwärtigen Komplexität von Inhalten Themen und Zusammenhängen daher nicht mehr fehlen darf. Es lässt sich in einer Frage verdichten, die es fortan noch viel häufiger zu stellen gilt: „Cui bono?“. Wem nützt das?

Wenn wir diese Frage nicht als Ausdruck unseres Misstrauens einsetzen, sondern damit demonstrieren, dass uns unsere (Um)Welt etwas angeht, dann können wir damit einen Anfang machen unserer wahrlich komplizierten Gegenwart ein Ordnungsprinzip entgegensetzen, das nicht frei von Ethik, Moral und Verantwortungsgefühl ist. Cui bono?!

Jetzt zählt der Mensch. Warum wir unsere Zukunft mit Hilfe von Technologien gestalten müssen

In dem Artikel „Der menschliche Faktor“ (FAZ vom 17.07.14, S. 9) zitiert die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff den Wirtschaftshistoriker Alfred Chandler:

„Geschäftsmodelle, die auf Kostensenkung und kurzfristige Erfolge setzen, seien eine hohle Karikatur dessen, was Unternehmer früher erfolgreich gemacht habe.“

Zuboff fordert ein Ende der „Ökonomie der Verachtung“ und bezieht sich dabei auf die digitalen Technologien, die ihrer Meinung nach überwiegend für die falschen Zwecke eingesetzt werden. Denn „[s]tatt in der Apokalypse zu enden, könnten digitale Technologien eine neue, humanere Wendung in der Geschichte des Kapitalismus einläuten.

Die Wissenschaftlerin weist eindringlich darauf hin, dass es vor allem seine Anpassungsfähigkeit war, die den Kapitalismus der Vergangenheit so erfolgreich gemacht hat. Daraus folgert sie, dass die heutigen Gesetze von Marktwirtschaft und Politik keineswegs unabänderlich oder zwangsläufig seien, sondern von uns intelligenten Menschen gestaltet werden müssen.

Eine Frage, die es dabei stets zu stellen gilt, lautet „cui bono?“. Denn erst, wenn ich weiß, wer seinen Nutzen aus welcher Argumentation zieht, erhalte ich ein vollständiges Bild, auf dessen Basis ich mir eine Meinung bilden und Entscheidungen treffen kann; alles andere ist Manipulation.

Das Horrorszenario „Mensch vs. Maschine“ wird z.T. gezielt geschürt. So berichtet wiwo.de, über vom Aussterben bedrohte Berufe. Schuld hat (wie so häufig) die Technologie und der Fortschritt.

Derartige Szenarien sind insofern fatal, als sie Technologiefeindlichkeit und Zukunftsangst schüren. Wer heute gegen Google & Co. wettert, tut dies häufig aus eben jener technologieskeptischen Haltung heraus. Doch aus Angst und Unverständnis entstehen keine innovationsfreundlichen Umgebungen. Daher halte ich es für unbedingt notwendig, dass es genau hier zu einem Paradigmenwechsel kommt. Wir brauchen fortschrittsoptimistische und technologiebejahende Menschen und Strukturen. Dann können wir endlich die Richtung bestimmen, die wir mit Hilfe der (Informations)technologien einschlagen wollen.

Shoshana Zuboff deckt in ihrem FAZ-Beitrag auf, dass die derzeitige Richtung eben nicht den Menschen dient; bzw. dient sie durchaus Menschen, aber eben einer sehr kleinen Gruppe, nämlich derjenigen, deren Interesse es ist Gewinne auf Kosten der Menschen zu maximieren, statt Technologie zum Nutzen der Menschen einzusetzen.

„Technological unemployment“ heißt die Chimäre, die der Stoff so vieler moderner Alpträume ist. Günter Dück nennt die notwendige Reaktion auf die Angst vor dem Sieg der Maschinen „Professionelle Intelligenz“ und meint damit die Auseinandersetzung damit, „worauf es morgen ankommt.“ Morgen, das ist der Zeitpunkt, an dem Maschinen menschliche Arbeitskraft weitestgehend obsolet machen. Ich finde das eine reichlich pessimistische Zukunftsvision, wenngleich ich ihr eine gewisse Bedrohlichkeit nicht ganz absprechen kann.

Es ist an der Zeit, dass wir, die wir uns mit Zukunfts-Technologien beschäftigen, uns endlich fragen, wie wir uns deren Einsatz wünschen, anstatt uns mit dem Status Quo abzufinden und den vermeintlichen Fortschritt als Kapitalismus-immanent mehr oder weniger stoisch hinzunehmen. Wirtschaft und Gesellschaft sind keine Naturgesetze, sondern nach unseren Vorstellungen und Bedürfnissen gestaltbare Bereiche. Nur sollten wir langsam mit dem Gestalten anfangen.