Caring Masculinity – der Weg aus der Gender Care Gap?

Die Gender Care Gap liegt in Deutschland bei durchschnittlich 52,4 Prozent.

Unsere Gesellschaft ist und bleibt geprägt von zahlreichen Gender Gaps, die miteinander in Zusammenhang stehen. So ist die Gender Care Gap sicherlich eine der Hauptursachen für die Gender Pay Gap, also die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern. Am Ende eines (Arbeits-)Lebens droht dann die Gender Pension Gap, was auf Deutsch mit „Weibliche Altersarmut“ skandalös treffend übersetzt werden kann. So weit, so bekannt. Richtig viel Bewegung in Richtung einer signifikanten Verbesserung der Lage mag ich aktuell nicht erkennen.

Der Equal Care Day am 29.2.2020 findet ja nur deshalb statt, weil an den anderen Tagen flächendeckend so gut wie gar nichts voran geht mit der gerechten Verteilung der so genannten Sorgearbeit. Die Care Gap, also die Lücke zwischen den Geschlechtern in Sachen geleisteter Sorgearbeit, wurde zuletzt im zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung vermessen. Danach wenden Frauen im Schnitt 52 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer – jeden Tag. Sind Kinder im Haushalt, vergrößert sich die Lücke dramatisch. Am Thema Care-Arbeit wird derzeit intensiv geforscht.

Seit einiger Zeit konzentriert sich die Frage, wie dieser eklatanten Ungleichverteilung mit ihren gravierenden Auswirkungen (insbesondere, aber nicht nur, auf Karrieren und Altersversorgung von Frauen) beizukommen sei, auch auf die Diskussion um männliche Rollenbilder und deren Grundlagen und Manifestationen. Vor allem in der europäischen kritischen Männlichkeitsforschung hat sich in diesem Zusammenhang der Begriff der „Caring Masculinity“ herausgebildet. Gemeint sind damit männliche Identitäten, die sich von an Dominanz orientierten Eigenschaften und Verhaltensweisen lossagen und sich statt dessen Werten und Orientierungen zuwenden, die im Zusammenhang mit Kümmern, positiver Emotionalität und dem Eingebettetsein in Beziehungsnetzwerke stehen.

Doch wir springen deutlich zu kurz, wenn wir uns bei der Diskussion um Ursachen und Hebel nur den individuellen Sphären zuwenden. Denn auf der subjektiven Ebene zeigen sich lediglich die Symptome eines Systems, das in sich selbst ausbeuterisch ist. Die Rede ist vom kapitalistisch-neoliberalen Wirtschaftssystem. 

Im Vorwort des Herausgeberbands „Caring Masculinities. Männlichkeiten in der Transformation kapitalistischer Wachstumsgesellschaften“ öffnen Christine Schickert und Klaus Dörre das Thema männlicher Rollenzuschreibungen dankbarerweise für den Betrachtungswinkel einer feministischen Ökonomie. Ganz konkret wird danach gefragt, „ob und wie die kapitalistische Wachstumsdynamik mit hegemonialen Konzepten von Männlichkeit korrespondiert.“ (Caring Masculinities, Oekom 2019, S. 9). Wie entscheidend diese Perspektive für den Diskurs ist, wird einige Sätze später klar:

„Bestimmte Männlichkeitskonstruktionen, so scheint es jedenfalls, sind für die Legitimation von raschem, permanentem Wirtschaftswachstum unentbehrlich. Wachstumsimperative, so eine Hypothese der Kollegforscher*innengruppe, werden über Geschlechterdifferenzen konstruiert; wahrscheinlich sind sie aufgrund spezifischer Leitbilder männlich konnotiert. Konstruktionen hegemonialer Männlichkeit wären demnach für die Rechtfertigungsregimes des Wachstumskapitalismus essenziell.“

(Caring Masculinities, Oekom 2019, S. 9)

Und damit sind wir am eigentlichen Kern der Care-Debatte angelangt. Ein wachstumskapitalistisches Paradigma wird sich stets bestimmter Männlichkeits- (und Weiblichkeits-)Konstruktionen bedienen und diese apodiktisch zur Norm erklären. Weil es davon profitiert. Die Befreiung von einer so übergriffigen Geschlechterkonstruktion scheint zumindest als Forderung logisch und konsequent. Doch geht sie u. U. In eine falsche Richtung: und zwar dann, wenn sie Freiheit suggeriert, am Ende aber wieder nur eine ganz bestimmte Form normativer Männlichkeit propagiert, ohne sich an die Debatte über notwendige Rahmenbedingungen heranzuwagen.

Ebenfalls im bereits zitierten Herausgeberband „Caring Masculinities“ zeichnet Prof. Dr. Stephan Höyng, Professor für Jungen- und Männerarbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und Mitglied der Sachverständigenkommission für den dritten Gleichstellungsbericht, ein interessantes Bild der aktuellen Debatte. Er tut dies im Rahmen seines Beitrags „Neue Praxen von Männern und ihre Funktionalisierung in einer neoliberalen Gesellschaft“ (Caring Masculinities, Oekom 2019, S. 135 – 146). 

So warnt Höyng davor, die beiden Paradigmen „Hegemoniale Männlichkeit“ und „Caring Masculinity“ gegeneinander ins Feld zu führen. Doch genau das tut die Politik, indem sie im Diskurs einerseits den Mann in seiner Rolle als traditioneller Ernährer ablehne und Caring Masculinity fordere, andererseits jedoch das traditionelle Modell durch Rahmenbedingungen wie das Ehegattensplitting unterstütze.

„Dadurch werden Männer mit zwei polarisierten Männlichkeiten konfrontiert, obwohl doch der Alltag der allermeisten Männer fürsorgliche wie auch traditionelle Handlungen und Haltungen aufweist.“

(Caring Masculinities, Oekom 2019, S. 141)

Ein Wettbewerb der beiden Archetypen (Hegemonial vs. Caring), sei, so Höyng, also vor allem deshalb kontraproduktiv, weil im Zuge dessen die Strukturen von Erwerbsarbeit weitgehend unangetastet blieben. „Für das Adult-Worker-Modell als Ziel staatlicher Wirtschafts- und Familienpolitik reicht eine reduzierte und abgespaltene fürsorgliche Väterlichkeit.“ (Caring Masculinities, S. 141)

Vereinbarkeit wäre also auch weiterhin Privatsache, wenn Männer [so wie Frauen bislang ja auch, d. Verf.] zur Gestaltung  und Übernahme von Care-Arbeit ausschließlich auf ihr privates Zeitkontingent zurückgreifen müssten. Und damit bleibe das Modell des fürsorglichen Vaters normativ: „Mit der Bewerbung und Stärkung [von Caring Masculinity, d. Verf.] wird eine Männlichkeit zur Norm erhoben, die Vereinbarkeit vor allem privat löst (…). Damit wird Caring Masculinity im Sinne neoliberaler Politik funktionalisiert.“ (Caring Masculinities, S. 142)

Wir werden also nicht umhin kommen, die Grundlagen unseres Wirtschaftssystems zu hinterfragen – und mittelfristig zu verändern. In diesem Zuge müssen wir verhindern, dass Unvereinbarkeit ausschließlich im Privaten eskaliert. In diese Richtung argumentiert auch Höyng: „Väter und Mütter sollten (…) die Widersprüche zwischen neoliberaler Erwerbsarbeit und Care nicht individuell aushandeln müssen.“ (Caring Masculinities, S. 145)

Daumenschrauben statt „quantitative easing“ – Deutschland und die EU verlieren die Menschen aus dem Blick

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat in der vergangenen Woche angekündigt bis Ende 2016 über eine Billion Euro in den Kauf von Staatsanleihen der Euro-Mitgliedsländer zu investieren. Bundesbank-Chef Weidmann findet das scheiße nicht so gut und steht mit seiner Meinung nicht allein.

Ich bin kein Volkswirt und auch sonst habe ich eher ein gespaltenes Verhältnis zum Komplex des Finanzwesens. Aber ich habe den dringenden Verdacht, dass eine Maßnahme, die euphemistisch als „quantitative easing“ („Quantitative Lockerung“) bezeichnet wird, Auswirkungen hat, die der durchschnittliche Steuerzahler nicht gut finden kann. Beziehungsweise geht es in meinem Fall sogar um – Achtung, großes Wort! – eine Säule der Mittelschicht; steuerlich betrachtet. Ich bin jedenfalls ein Teil derjenigen zehn Prozent der deutschen Bevölkerung, die für über die Hälfte der Einkommensteuer verantwortlich zeichnen.

Der Staat macht sich dünne

Nun bin ich gerade Vater geworden und zusammen mit meiner Partnerin mache ich mir den ein oder anderen Gedanken zur Zukunft unseres Sohnes – und unserer eigenen. Man muss Piketty nicht gelesen haben um zu wissen, dass es mit Einkünften aus Erwerbsarbeit angesichts faktisch nicht existierender Zinsen unmöglich ist Vermögen (was für ein Wort!) aufzubauen. Und wenn neben fehlendem (Zins-)Glück auch noch Pech dazu kommt und etwa die eigenen Eltern Unterstützung brauchen (nicht in meinem Fall), dann stimmt die Gleichung überhaupt nicht mehr.

Und jetzt komme ich zur Rolle des Staates. Die Familie ist ja quasi die kleinstmögliche Versorgungseinheit und damit per se im ureigensten Interesse des Staates. Denn wo sich eine Gemeinschaft mit Kind(ern) bildet und zur gegenseitigen Risikoabsicherung und Versorgung antritt, da ist der Staat fein raus: und zwar aktuell leider auch im allzu wörtlichen Sinne.

Aller schlechten Dinge sind drei

Kindergeld, Elterngeld und Co. sind lahme Tropfen auf kochend heiße Steine. Kein Mensch bekommt Kinder aufgrund solcher finanzieller „Anreize“. Statt dessen minimiert der Staat sein Versorgungsrisiko und bürdet Selbiges den jungen Eltern auf. Und die sind womöglich gleich dreifach angeschmiert.

Wer in die Falle gerät zu einem Zeitpunkt gleich drei Generationen versorgen zu müssen, der hat wenig zu lachen. Wenn die eigenen Eltern zum Pflegefall werden und gleichzeitig eigener Nachwuchs ins Haus steht, dann gerät die dritte Priorität in Rekordgeschwindigkeit aus dem Fokus: die eigene Altersvorsorge. Wenn dann auch noch die Rahmenbedingungen (Niedrigzinsen) jegliche Vermögensbildung unmöglich machen, hat nur eines Konjunktur: das Prinzip „von der Hand in den Mund“.

Wer müssen soll, muss auch können dürfen

Nun mag man Jammern auf hohem Niveau gegen mich anführen, und im Vergleich, etwa zu allein erziehenden Elternteilen, stimmt diese Zuschreibung sogar, doch Zukunfts-Optimismus erzeugende Gegenwartspolitik sieht dennoch anders aus. Zumal Altersarmut sehenden Auges in Kauf genommen wird, vor allem im Falle von Frauen und Müttern ohne lückenlose Erwerbsbiografien.

Wenn der Staat erwartet, dass man die eigenen Eltern finanziell unterstützt und/oder pflegt, Kinder in die Welt setzt und auch noch an der eigenen Rentenlücke arbeitet, dann muss er die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen das auch möglich ist. Zu suggerieren, dass die gesetzliche Rentenversicherung mehr ist, als ein Lückenbüßer, ist jedoch Volksverdummung. Wenn gleichzeitig Billionen in Staatsanleihen gepumpt werden und das Ziel dabei einzig und allein die Reduzierung der Zinsbelastung überschuldeter Staaten ist, dann läuft hier etwas gewaltig schief.

Falsche Prioritäten

Nicht, dass man mich missversteht: Natürlich müssen Bundesregierung, EZB und EU zusehen, dass die Wirtschaft floriert und der Euro-Raum nicht noch weiter auseinander driftet. Doch was bei all den Maßnahmen und Debatten viel zu oft vergessen wird, ist der Blick auf die Menschen und deren Bedürfnisse. Das gilt im Falle der jungen Familien ebenso wie für die drei Millionen deutschen Arbeitnehmer_innen, deren Erwerbslohn nicht ausreicht den Lebensunterhalt zu bestreiten, ebenso wie für hunderttausende jugendliche Arbeitslose in Südeuropa, wo wir sehenden Auges eine „lost generation“ zulassen.

Es geht um Verhältnismäßigkeit und um zielgerichtete Politik für den Einzelnen. Wo genau diese Ziele im Zusammenhang mit Familien- und Steuerpolitik derzeit liegen, erschließt sich mir dann nicht mehr, wenn nur noch Makro-Ebenen und Finanzmärkte im Fokus sind. Und spätestens dann stelle ich (m)eine Solidarität in unserer vielbeschworenen Solidaritäts-Gemeinschaft in Frage, die bis jetzt unantastbar schien. Es wird höchste Zeit die „quantitative Lockerung“ endlich dort anzuwenden, wo Menschen, und nicht Märkte, diese Lockerung auch spüren.