Employer Branding statt Unternehmenskultur? Wenn Frauen- und Familienförderung zum „Purplewashing“ verkommt.

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Die Welle hat schon eine ganze Reihe von Unternehmen erfasst. McDonald’s verkauft seine pappigen Burger mittlerweile unter grünem Logo, Coca-Cola ist mit der „Coke life“ auf den nachhaltigen Bandwagon aufgesprungen, die Damen und Herren von der Wurstmühle aus Rügenwald machen jetzt in veganem Brotbelag und sogar die Billigheimer aus dem Hause Lidl schwadronieren neuerdings von Lebensmittelqualität.

Vom Greenwashing zum Purplewashing

All dies sind mehr oder weniger gelungene Beispiele für den Trend des „Greenwashing“. Seit Unternehmen Nachhaltigkeit als Marketinginstrument für sich entdeckt haben, kennen Agenturen kein Halten mehr. Keine Umpositionierung erscheint ihnen zu absurd, als dass sie auf die Idee kämen mal den ein oder anderen Etat etwa aufgrund ethischer Bedenken abzulehnen. Statt dessen wird alles grüngewaschen, was bei drei nicht auf der nächsten Plastikpalme ist.

Aber irgendwann sind alle Sünder grün, alle Bad Banks weiß und alle Umweltverschmutzer halbwegs sauber – jedenfalls in der Außendarstellung. Doch was dann? Welche Aufgabe könnten Unternehmen mit ähnlicher Vehemenz angehen? Ich hätte da eine Idee, oder nennen wir es eher: eine Befürchtung. Ich nenne sie Purplewashing.

[Disclaimer: Purplewashing nenne ich das übrigens deshalb, weil lila auch die Farbe der Frauenbewegung ist und ich die Analogie zum Greenwashing so treffend finde. Ich bin mir dessen bewusst, dass der Begriff bereits in anderen Zusammenhängen Verwendung fand, die hier jedoch keine Rolle spielen sollen.]

Frauen und Mütter als Erfolgsfaktor?

Sinn und Zweck des Versuchs sich als Unternehmen mittels Kampagne ein neues Positivimage zu erkaufen ist die ständige Suche nach einem Differenzierungsmerkmal gegenüber dem Wettbewerb. Preis und Qualität sind dabei längst nicht mehr potenzialträchtig, sondern Standard. Nachhaltigkeit hingegen war sehr lange ein guter Hebel im Kampf um Marktanteile. Doch irgendwann droht sich auch der beste Hebel abzunutzen, Nachhaltigkeit ist bereits auf dem Wege zum bloßen Hygienefaktor: Man muss das Thema bedienen, aber wirklich entscheidend ist dieser Faktor irgendwann nicht mehr.

Höchste Zeit also für etwas Neues. Dabei lohnt wie stets der Blick in die Medien. Welche Themen sind derzeit en vogue, wofür werden Unternehmen und Unternehmer kritisiert? Wo könnte man das eigene Unternehmen als Vorreiter positionieren?

Zweifellos hat das Thema Frauen derzeit mediale Konjunktur; wahlweise auch das Thema Mütter. Die Kontexte sind mannigfaltig und reichen von gläsernen Decken und eingefrorenen Eizellen über Gender Pay Gap und mangelnde Vereinbarkeit bis zu Debatten-gewordenen Hashtags wie #regrettingmotherhood oder #aufschrei.

Feigenblatt für die Corporate Social Responsibility

Aus Sicht des Employer Branding ist das ein gefundenes Fressen. Was läge also näher als sich die Antizipation der Problematik und deren Teillösungsansätze auf die Unternehmens-Fahnen zu schreiben? Schon ist die Kampagne geboren. Schnell noch die CSR-Abteilung und den Vorstand ins Boot geholt nach dem Motto „Hey, da müssen wir dabei sein!“ – fertig ist das neue Image. Der feuchte Traum der HR-Strategen ist dabei vermutlich ein Top-Ranking für das eigene Unternehmen in den Google SERPs bei Keywords wie „Frauenförderung“, „Vereinbarkeit“ oder „Work-Life-Balance“.

Das ist zu zynisch? Das Thema Frauenförderung etc. braucht Unterstützung von allen Seiten und jeder Zweck heiligt die Mittel? Mitnichten. Denn was wirklich zählt in Unternehmen, die sich dem Thema Frauen- und Familienförderung widmen, ist – Achtung – Nachhaltigkeit; und Belastbarkeit. Was ich damit meine, offenbart sich beim Blick unter die Haube.

Außen hui, Innen pfui!

Sehr viele Firmenchefs haben inzwischen erkannt (oder wurden von ihrer Unternehmenskommunikation entsprechend gebrieft), dass die Förderung von Mitarbeiterinnen hervorragend auf das Konto des Employer Branding einzahlt. Sie werden nicht müde zu betonen, dass es für sie eine Herzensangelegenheit sei und sie sich mit all ihrer Kraft für eine entsprechende Unternehmenskultur einsetzen würden. Doch die Geschichten, die aus eben jenen Unternehmen nach außen dringen, zeichnen ein ganz anderes Bild.

  • Da ist die junge Mitarbeiterin, die nach ihrer Hochzeit, zu der ihr vom Vorgesetzten herzlich gratuliert wurde, plötzlich unberücksichtigt bleibt bei spannenden Projekten oder gar Beförderungen.
  • Da ist die Schwangere, der bei der Verkündung der frohen Botschaft nur ein extrem genervter Blick ihrer Chefin entgegenschlägt: wie sie sich das gedacht hätte, wer die ganze Arbeit übernehmen solle.
  • Da ist die junge Mutter, die bei der Rückkehr an ihren Arbeitsplatz feststellen muss, dass sie in diesem Unternehmen keine Karriere mehr machen wird.
  • Da ist die Abteilungsleiterin, die wörtlich und mehrfach verkündet, dass Teilzeitlösungen in ihrem Team nicht in Frage kämen.
  • Da ist der Chef von fast 100 Mitarbeitern, der sich hämisch über den jungen Kollegen äußert, der in Elternzeit geht. Der müsse wohl, sonst stiege ihm die Frau aufs Dach.

Harte Arbeit statt Parolen

Es gibt leider noch viel mehr unerfreuliche Beispiele dieser Art. Sie passieren täglich und bleiben in der Regel ohne Konsequenzen. Und das ist das eigentliche Dilemma. Denn so lange Frauenförderung nur Unternehmens-PR ist, so lange Vorgesetzte sich wie die Axt im Walde benehmen dürfen, so lange Vereinbarkeit ein Lippenbekenntnis bleibt – so lange ändert sich überhaupt nichts an den Rahmenbedingungen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Und es ist eigentlich wie stets: Ja mehr über etwas geredet wird – in diesem Falle über Frauenförderung -, desto weniger ernst scheint es dem Unternehmen wirklich zu sein. Aber es helfen nun einmal keine Programme, kein plakatives Mentoring, kein Employer Branding.

Was hilft, ist ausschließlich harte und nachhaltige Arbeit an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Unternehmenskultur.

Was hilft, ist die ehrliche und nachhaltig gelebte Überzeugung der Unternehmensführung, dass nur eine Unternehmenskultur, die die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernst nimmt, fördert und organisieren hilft, zukunftsfähig ist.

Was hilft ist die sofortige und schonungslose Aufdeckung, Benennung und Beseitigung von Missständen der Art, wie sie oben beschrieben wurden.

Das alles ist anstrengend und nicht immer einfach um- und durchzusetzen.

Das alles hat nichts mit den Anforderungen durch die Shareholder zu tun.

Und das alles ist vermutlich zunächst einmal nicht in KPI zu kleiden.

Aber es geht nur so. Alles andere ist Show.

Feminismus für Männer – Versuch einer Anleitung

Seit geraumer Zeit verfolge ich den Diskurs um Gleichberechtigung und Feminismus und stelle zunehmend fest, wie schwer sich vor allem Männer mit Haltungen und Begrifflichkeiten tun. Das führt häufig dazu, dass sich die Beteiligung von Männern an diesbezüglichen Debatten und Prozessen sehr in Grenzen hält. Und das ist wiederum ein Grund dafür, dass wir bei diesem wichtigen Thema nicht weiterkommen: 50 Prozent Aufmerksamkeit sind einfach nicht genug.

Men of Quality are not afraid of Equality

Andererseits ist dem Themenkomplex leider auch ein signifikanter Grad an negativer Agitation bis hin zu aggressiver Anfeindung immanent. Hier bekleckern sich meine Geschlechtsgenossen nicht nur nicht mit Ruhm, sie sabotieren mit ihren z.T. unerträglichen Parolen ein Fortkommen bei einer der wichtigsten Fragen unserer Gegenwart: Wie wollen wir in Zukunft gemeinsam leben und arbeiten?

Nun kann man seine Energie für die Suche nach den Ursachen für mangelnde männliche Beteiligung und mehr oder weniger latente Aggression einsetzen. Und man muss das vielleicht sogar tun, denn ohne zu wissen, woher das maskuline Fremdeln mit dem Feminismus kommt, liegt Fortschritt in weiter Ferne.

Aus meiner Sicht gibt es vor allem drei Gruppen von Männern:

  1. Die Fremdler. Sie fühlen sich mit diesem Feminismus-Thema größtenteils unbehaglich, es ist nicht „ihr Bier“. Das Unbehagen bleibt dabei diffus, hat aber einen Hang zum Bedrohlichen. Und da Angriff bekanntlich die beste Verteidigung ist, sind sie ganz vorne dabei wenn es darum geht Feminist_innen zu verunglimpfen. Dabei ist ihnen keine Stammtisch-Parole zu abgedroschen. Ihr größter Feind ist die Reflexion, ihr Defizit: das eigene Selbstbild und das daraus erwachsende mangelnde Selbstbewusstsein.
  2. Die Selbstverständlichen. Für sie gibt es keinen Grund sich Gehör zu verschaffen oder sich gar engagiert in die Debatte einzubringen. Bei ihnen zu Hause läuft schließlich bereits alles bombig. Frau arbeitet, Mann auch, Kinder sind versorgt. Weshalb also diskutieren, das Thema langweilt doch?!
  3. Die Stillen. Sie finden viele der Forderungen nach Gleichberechtigung, Vereinbarkeit und Co. eigentlich ganz prima, aber irgendwie haben sie keinen Zugang zum Diskurs. Außerdem verbrennt man sich bei den ja Themen gerne mal die Finger. Also lieber mal „Pssst.“

Machen wir es kurz. Die erste Gruppe zu bekehren ist mühsam, doch einen Versuch ist es wert. Die zweite Gruppe zu aktivieren birgt eine große Chance spannende Fürsprecher zu finden. Und die dritte Gruppe zu bestärken ist eine Aufgabe, der man sich nicht verschießen sollte.

Jetzt kommt ein tiefer Griff in die Klischee-Mottenkiste. Demnach haben die meisten Männer Spaß an klaren Definitionen im Stile von Gebrauchsanleitungen. Und vielleicht braucht es eine solche auch für den Feminismus bzw. die Teilnahme von Männern am feministischen Diskurs sowie an Debatten rund um Gleichberechtigung. Und zwar weil es sie zu 50 Prozent betrifft!

Versuchen wir es.

Sensibilität

Seht Euch um in Euren unmittelbaren Umfeldern, im Unternehmen, mit Freunden und im Privaten. Hinterfragt vermeintlich normale Umgangsweisen und Konstrukte. Deckt Business Chauvinismus und Frauenfeindlichkeit ebenso auf wie Hindernisse für Gleichberechtigung. Werdet zu Seismographen im Umgang mit dem Thema.

Beispiel: Werdet überempfindlich gegen Chauvinismus und macht unmittelbar auf solche Fehlleistungen aufmerksam. Seid sensibel und werbt selbst für Sensibilität.

Reflexion

Die Forderungen des Feminismus gehen Euch ganz persönlich etwas an, Euch und Eure Kinder. Setzt Euch mit den Themen auseinander, versteht ihren Bezug zu Eurem Leben und reflektiert über Eure Ansprüche, Erwartungshaltungen und Rollen. Werdet dadurch zu einem Anwalt der Sache und Eurer selbst.

Beispiel: Sprecht mit Eurer Partnerin/Eurem Partner über Eure Erwartungshaltungen und Ängste. Bezieht gesellschaftliche Debatten ein und reflektiert darüber, welche Rolle sie in Eurer ganz persönlichen Partnerschaft spielen.

Engagement

Es geht um Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung von Frauen und um das Ende aller Formen von Sexismus. Macht diese Punkte zu Eurem ganz persönlichen Anliegen und sorgt in Eurem Einflussbereich für deren Einhaltung. Ihr unterstützt damit auch das große Ganze.

Beispiel: Achtet in Eurem Arbeitsumfeld darauf, wie Frauen gefördert werden und wie der Umgang mit ihnen ist. Helft mit Eure Vorgesetzten und Kollegen auf Missstände hinzuweisen und habt dabei keine Angst vor dem Attribut „Frauenversteher“.

Kommunikation

Die Debatte wird teilweise hart geführt, in manchen Ländern gibt es Tote. Hierzulande geht es glücklicherweise in der Regel nur um verbale Schlachten. Macht Euren Einfluss geltend und eignet Euch ein konstruktives Vokabular an. Entwickelt Euch in Eurer Kommunikation weiter und werdet zum Fürsprecher einer Bewegung hin zu mehr Gleichberechtigung.

Beispiel: Lest Euch in einige der Diskussionen zum Feminismus ein und lernt die verschiedenen Akteure und Standpunkte kennen. Nutzt Euren neuen Sachverstand und helft allzu heftige Auseinandersetzungen auf Basis Eures Wissens zu deeskalieren.

Angstfreiheit

Die wichtigste Voraussetzung für Männer im Zusammenhang mit dem Feminismus ist: Angstfreiheit. Was soll Euch schon passieren? Setzt Euch mit dem Thema auseinander, bildet Euch eine fundierte Meinung und unterstützt die Sache mit Eurem Engagement. Wirklich mutig müsst Ihr dabei gar nicht sein, also gibt es auch keinen Anlass für Angst – nicht einmal für Berührungsängste.

Beispiel: Geht zu einer Veranstaltung, bei der Partnerschaften, Arbeitswelten oder gesellschaftliche Aspekte im Zusammenhang mit dem Feminismus diskutiert werden. Beteiligt Euch an der Diskussion.

Alles ist möglich? Vereinbarkeitslüge, Feminismus und Fortschritt

Oft dauert es eine Weile, bis fundamentale Erkenntnisse und Entwicklungen in das Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit rücken. Und auch in Zeiten von tagesaktuellen, digitalen Publikationen sind es häufig noch Bücher, die für eine kollektive Bewusstwerdung jenseits einschlägiger Blogs und Diskussionsgruppen sorgen.

In meinem Bücherregal stand seit vielen Monaten ungelesen: „Die Alles ist möglich-Lüge – wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind.“ Und obwohl bereits der Titel einiges an Zustimmung in mir auslöste, habe ich mich doch nicht dazu durchgerungen das Buch zu lesen. Erst als die beiden Autorinnen, Susanne Garsoffky und Britta Sembach, in einem weiteren Werk zitiert wurden, habe ich den Zugang zur Lektüre gefunden.

Das andere Buch, von dem ich spreche, ist ganz neu und heißt „Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können.“ Es stammt von zwei Vätern: den ZEIT-Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing. Warum ich deren Buch verschlungen habe, während ein zweites, vom Thema nahezu identisches sich bereits in meinem Besitz befand, hat einen einfachen Grund: Die beiden Autoren waren zu Gast bei Deutschlandradio Kultur und ich war von ihren Aussagen so fasziniert, dass ich mir umgehend das Buch kaufte und an einem Wochenende durchlas.

Und plötzlich geht es Schlag auf Schlag, meine Timelines bei Facebook und Twitter fördern immer neue lesenswerte Blogposts und Artikel zum Thema zu Tage. Nächstes Buch auf meiner Leseliste: „Unsagbare Dinge“ von Laurie Penny. Die Autorin, Bloggerin und Feministin verwendet einen etwas subtileren Titel als die eingangs erwähnten Autor_innen-Duos – und liefert so ein wichtiges Indiz dafür, weshalb es so lange gedauert hat, bis das Thema der genannten Bücher Eingang ins kollektive Bewusstsein finden konnte.

Spätestens seit Sheryl Sandbergs Buch „Lean in. Frauen und der Wille zum Erfolg“ galt es nämlich nahezu als Frevel, wenn sich unter all diejenigen, die Sandbergs Credo zum Schlachtruf eines modernen Feminismus erkoren hatten, vereinzelte Stimmen mischten, die ganz vorsichtig hinterfragten, ob dieses „Reinhängen“ denn tatsächlich berücksichtigt, ob sich alle Teilnehmer am modernen Frauen- und Familienleben halbwegs wohlfühlen können.

Schnell stand man in der Ecke der Reaktionären, der Konservativen und ewig Gestrigen. Man wolle die Frauen zurück in die 1950er Jahre zwingen, habe zu viel „Mad Men“ im TV gesehen oder sei im Grunde von anti-feministischer Prägung. Dabei ging es doch einfach nur darum, dass man die Perspektive auf ein Dilemma der Gegenwart wieder für alle Beteiligten zurechtrückt: Frauen, Männer und Kinder.

Dies gelingt sowohl Garsoffky und Sembach, als auch Brost und Wefing. Sie zeigen auf, unter welch immensem Druck Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Familien und allein Erziehende, Kindergarten- und Schulkinder in einer Gesellschaft stehen, die das neoliberale Leistungsprinzip zum alleinigen Betriebssystem erkoren hat.

Dies schlägt sich auch in den Timelines der Social Media nieder. Selbst-Optimierung scheint das Prinzip der Stunde. Statt Entschleunigung in Lebens- und Arbeitswelten, die den Bedürfnissen von Frauen, Männern, Kindern und Familien entsprechen, wird das Letzte aus dem Individuum herausgeholt: weniger Schlaf, schnelleres Lesen, optimaleres Planen. All das muss letztendlich zum Kollaps einer Leistungs(!)gesellschaft führen, die sich selbst überfordert und überfordern lässt.

Es wird also Zeit für neue, andere Bücher. Ein paar Titelwünsche hätte ich schon. Wie wäre es z.B. mit „Lean back. Frauen und die Entspannung im Erfolg“ oder „Mit Entschleunigung und Maß: zwölf Strategien glücklicher Familien.“?

Brost und Wefing schreiben in „Geht alles gar nicht“ von „gehetzten Menschen in der Lebensmitte.“ Sie benennen viele Gründe für die Unvereinbarkeit von Kindern, Beruf und Liebe. Sie zitieren den Berliner Familienforscher Hans Bertram, der von der „überforderten Generation“ spricht: Globalisierung, Digitalisierung vor dem Hintergrund der Gleichberechtigung – all dies vereinbaren zu wollen sei zum Scheitern verurteilt. Wir seien eine „Gesellschaft auf Speed“, allen Gegentendenzen zum Trotz.

Und etwas weiter im (wirklich empfehlenswerten) Buch kommt es dann zur Kernforderung: „Wir denken, dass es an der Zeit wäre, dass Frauen und Männer, Mütter und Väter, Feministinnen und Traditionalisten, Familienforscher und Politiker einander einmal in die Augen sehen und bekennen: Im Moment wissen wir alle nicht, wie es gehen soll.“

Und genau das denke ich auch.

#HeForShe ist nur etwas für echte Männer

Den folgenden Text habe ich für „bizzmiss“ geschrieben, hier geht es zum Original.

Emma Watsons feministische Rede vor den UN hat mächtig Staub aufgewirbelt. Richtig so, meint Robert Franken: Für die Emanzipation der Frau brauchen wir starke und reflektierte Männer. Und das ist erst der Anfang.

Es bedurfte einer Rede von Schauspielerin Emma Watson vor den Vereinten Nationen, um das Thema Feminismus endlich auf die globale Tagesordnung zurückzuholen. Eigentlich ist das ein Schlag ins Gesicht aller, Frauen wie Männer, die genau das bislang versäumt hatten: Gender Equality als Thema zu erkennen, zum eigenen Thema zu machen und darauf acht zu geben, dass es nicht wieder von der Agenda verschwinden kann.

Emma Watsons eindringlicher Appell zur Unterstützung der Kampagne #HeForShe schafft dies jedenfalls sehr eindrücklich und sympathisch. Und darüber hinaus holt Watson endlich denjenigen Teil der Bevölkerung in die Debatte zurück, der sich dieser bisher größtenteils verweigert hat: die Männer.

Vermutlich ist der Grund für die Zurückhaltung der Männer im Gender-Diskurs nicht eine bewusst antifeministische Geisteshaltung – vielleicht mit Ausnahme einiger vermeintlich religiös legitimierter Unterdrückungsregimes. Stattdessen hat die Unbehaglichkeit, die manch männlicher Zeitgenosse angesichts der Gender-Debatte an den Tag legt, reichlich diffuse Ursachen.

Die Situation der Männer war außerordentlich bequem

Es mischen sich Unsicherheiten mit der Angst vor Machtverlust. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich und der eigenen Geschlechter-Identität scheint darüber hinaus für einige Männer nach wie vor bedrohlich. Die Abgrenzung erfolgt häufig auf Stammtisch-Niveau. Und dabei ist ein Konstrukt, das man zum Feinbild erklären kann, durchaus von Vorteil: Dieses Konstrukt heißt Feminismus.

Woher kommt dieses männliche Fremdeln bei den Gender-, Feminismus- und Gleichberechtigungs-Fragen? Das Problem ist, dass Männer sich in der Regel nicht ausreichend mit der Frage auseinandersetzen, was Gleichberechtigung für sie ganz persönlich bedeutet. Ein weiterer Grund: Wir, die Generation X, hatten nur unsere eigenen Eltern als Vorbilder für partnerschaftliches Zusammenleben.

In der Generation der Baby Boomer gab es meistens jedoch entweder noch die Zementierung der Geschlechterrollen aus den 1950er Jahren, mit den entsprechend faulen Kompromissen, von denen uns heute nicht wenige wieder als vermeintlich ideale Modelle untergejubelt werden. Oder es kam beim Durchbrechen des klassischen Familien-Ideals zu häufig prekären (finanziellen) Situationen, unter denen fast ausschließlich die Frauen zu leiden hatten.

Die Männer mussten sich in diesen Jahrzehnten weder besonders engagieren, noch mit ihrem eigenen Standpunkt in Sachen Gender-Diskurs auseinandersetzen. Ihre Situation war schließlich ausgesprochen bequem. Warum also etwas ändern? Aus der Politik waren ebenfalls eine aufklärerischen oder modernen Impulse und Positionen zu erwarten, liegt es doch im ureigenen Interesse des Staates klassische familiäre Strukturen als kleinsten gemeinsamen Versorgungs-Nenner gutzuheißen.

Macho-Sprüche sind kein Kavaliersdelikt

Leider ist es gleichzeitig wenig hilfreich, wenn sich auch und gerade jüngere Frauen explizit vom Thema des Feminismus distanzieren. Sie tun dies, indem sie zum Beispiel das Wirken von Alice Schwarzer kritisieren und deren Kampf um Gleichberechtigung quasi verunglimpfen. Dabei vergessen sie häufig völlig, dass sich Frau Schwarzer ohne extreme Positionen und „aggressives“ Gebaren niemals hätte das nötige Gehör verschaffen können; und dass ohne sie und ihre Mitstreiterinnen erst gar keine Basis für die Möglichkeit zur Debatte geschaffen worden wäre.

Ich bin Emma Watson und ihren Unterstützern von He For She sehr dankbar, dass sie die Männer aufrufen, sich endlich am Kampf für Gleichberechtigung zu beteiligen. Männer sollten das auch nicht in dem Geiste tun, etwas abgeben zu müssen oder gar etwas zu verlieren, sondern stattdessen in der vollsten Überzeugung, dass die Welt danach eine bessere sein wird.

Was ich heute allerdings noch beobachten muss, macht mich manchmal fassungslos, aber immer wütend:

  • Männer, die offensichtlich noch nie davon gehört haben, dass “männlich” und dennoch empfindsam zu sein kein Widerspruch ist, und dass dies dem eigenen Nachwuchs dringend vermittelt werden muss.
  • Männer, die Macho-Sprüche und übergriffige Handlungen als Kavaliersdelikt betrachten und gleichzeitig von ihrer Umwelt nicht unmittelbar in die Schranken gewissen werden.
  • Männer (und Frauen), die die Unterstützung von Frauen bei deren Potenzial-Entfaltung im Berufsleben nicht als Herzensangelegenheit leben, sondern als abstrakten Soft Skill und somit als lästige Pflicht mit der Wirkungsbeschränkung einer PR-Aktion verstehen.
  • Unternehmen, die potenzielle Schwangerschaften und bestehende Elternzeit-Pläne von MitarbeiterInnen immer noch als Normabweichung ansehen, statt ihren Beitrag zu leisten, Eltern endlich Selbstverständlichkeit zuzugestehen.

Ich könnte diese Liste ewig weiterführen. Aber das wäre nicht zielführend.

Macht den Mund auf, Männer!

Was wir statt solcher Kritik brauchen, sind starke, selbstbewusste und reflektierte Männer, die sich nicht beim ersten Gegenwind auf vermeintlich sicheres Terrain der Geschlechter-Klischees zurückziehen, sondern ihre Köpfe auch in einen heftigen Sturm halten. Weil sie der vollsten Überzeugung sind, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter ein Ziel ist, für das es sich mit aller Macht und vollstem Einsatz und ohne Rücksicht auf vermeintliche Nachteile zu kämpfen lohnt.

Macht den Mund auf, Männer. Zeigt euch. Ein Hashtag reicht nicht aus! Wann und wo immer ihr Zeuge von Ungerechtigkeiten werdet, die durch die Vertreter Eures Geschlechts verursacht oder toleriert werden, verschafft Euch und Eurer Überzeugung Gehör.

Dies gilt in gleichem Maße auch für alle Frauen. Lasst es nicht zu, dass durch Euch Ungerechtigkeiten unbekämpft und bestehen bleiben, sondern wehrt Euch. Und zeigt gleichzeitig euren Freunden, Partnern und Kindern, dass Empfindsamkeit, Schwäche und Reflexion nicht nur menschlich, sondern durchaus sehr männlich sind.

Politik und Gesellschaft sind keine abstrakten Entitäten: Wir sind es, in deren Macht und in deren Verantwortung es liegt zukünftigen Generationen die Sensibilität zu vermitteln sich mit ihren geschlechtsspezifischen Rollen und Ansichten zu beschäftigen. Bei Gleichberechtigung geht es nicht darum, alles gleich zu machen – Gleichberechtigung ist ein Recht.

Männer, äußert euch!

Männer, äußert euch!

Sie sind nicht mehr aufzuhalten: Frauen emanzipieren sich und preschen vorwärts. Und die Männer? Halten sich vornehm aus der Debatte raus, meint unser Gastautor Robert Franken. Und er fordert sie auf: Nehmt endlich daran teil! Aber er richtet auch einen Appell an die Frauen.

Zu hören sind im Moment nur zwei Gruppen von Männern: Die einen bestätigen jedes Klischee vom emanzipationsresistenten Parade-Macho, indem sie die Quoten-Diskussion zum Anlass nehmen, um ihre stets gleichen Stammtisch-Sprüche in die Welt zu posaunen. Die anderen stehen bereits heute über der Debatte und praktizieren ihrerseits ganz selbstverständlich einen aufgeklärten und gleichberechtigten Lebensstil.

(…)

(Weiterlesen bei bizzmiss.de)