Wo seid ihr alle? Wir brauchen mehr Engagement im digitalen Diskussionsraum.

Die Beschwerden über die z.T. unterirdische Qualität der Debatten in den Facebook-Kommentarspalten vieler Medien sind Legion. Häufig wird dabei natürlich übersehen, dass es für einige Plattformen zum Geschäftsmodel gehört möglichst polarisierend unterwegs zu sein: Der Traffic heiligt die Mittel. Je mehr gepöbelt wird, desto mehr Oberfläche für die Maschinerie des Online Marketing. Kurz gesagt: Der AdServer steht nicht unbedingt auf political correctness.

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Debatten müssen zunehmend auch im digitalen Raum geführt werden.

Gleichzeitig realisieren viele sog. Qualitätsmedien, dass es mit erheblichem Aufwand verbunden ist die Bereiche des user-generated content zu moderieren. Zuverlässige technische Lösungen sind hier nicht in Sicht, auch wenn Bots bereits ein Fingerzeig dafür sein dürften, in welche Richtung sich das Social Media Management entwickeln könnte. Grundsätzlich ist nach wie vor eine Menge Manpower nötig um auch nur halbwegs eine Art Diskussionskultur zu etablieren.

Hinzu kommt, dass auch dem hehren Ziel wieder mehr Positives in die (News-)Welt zu schicken, wenig Erfolgsaussichten beschieden sein dürften. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund. Das menschliche Gehirn ist erheblich aufnahmefähiger für Negativschlagzeilen als für Flausch-Content. Man nennt das auch „negativity bias“.

Wie dem auch sei, ohne Menschen geht es in Sachen Diskussionsqualität wohl eher nicht voran. Und damit kommen wir zu einem Hauptproblem. Denn der digital-öffentliche Raum ist nichts, wohin es die intellektuelle Elite oder wenigstens deren Anhänger_innen mit Macht zieht. Die Berührungsängste gehen quer durch die Bevölkerung. Man scheint der Meinung, dass man dort, wo es recht häufig ordentlich zur Sache geht, nichts verloren habe.

Doch damit machen wir es uns zu leicht. Da ist einerseits das Argument der Filterblase. Wer nur im eigenen Argumentationsspektrum unterwegs ist, der wird nicht mitbekommen, was wirklich los ist. Hinzu kommt das Phänomen der Echokammer. Wo nur Zustimmung spürbar wird, dort verstreicht die Gelegenheit eigene Ansichten zu hinterfragen oder verteidigen zu müssen und v.a. zu können ungenutzt. Beides ist jedoch notwendig, wenn der Diskurs pluralistischer werden soll. Und das ist sicherlich keine allzu schlechte Idee.

Wenn ein Großteil derjenigen, die die Debattenkultur positiv bereichern könnten, schweigen, dann haben wir neben dem qualitativen Aspekt auch ein Problem der schieren Quantität. Die Wahrnehmung ist häufig so, dass extreme und extremistische Äußerungen und Positionen zunehmend unwidersprochen bleiben. Und diese Wahrnehmung ist gefährlich. Ich habe das kürzlich in einem Tweet versucht zu formulieren.

Inzwischen gibt es spannende Initiativen, die sich dieser Thematik annehmen und versuchen Diskussionsmacht dort zu bündeln, wo die Übermacht der Lauten, der Aggressiven unüberwindbar scheint. #ichbinhier ist so eine (tolle) Aktion, und sie zeigt bereits Wirkung.

Wenn wir dem gefühlten, aber ja auch durchaus realen Rechtsruck etwas entgegensetzen wollen, dann dürfen wir vor dem digitalen Raum nicht haltmachen. Demokratie wird auch und gerade dort zu verteidigen sein, wo keine bezahlten Moderator_innen eingreifen können. Da sind wir alle gefragt. Wer das als Hobby für Nerds oder als etwas Nicht-Zumutbares abtut, verkennt m.E. die Dimension des Problems – und die der eigenen Verantwortung.

Was ich auch nicht mehr hören kann ist der mehr oder weniger unterschwellige Vorwurf der Naivität. Klar sind solche Diskussionen mitunter schmerzhaft und nur in den eher selteneren Fällen erreicht man eine gemeinsame Ebene des Austauschs. Aber hier geht Präsenz vor Effizienz. Wir sind gefragt. Wir alle.

(Bildquelle: Kevin Curtis bei unsplash.com)

„Optimier’ dich, du Sau!“ Perfektionismus, Clickbait und digitale Nötigung

Die Headline schreit mich an, fast spring sie mir ins Gesicht: „Zehn Dinge, die gute Eltern für ihre Kinder tun“ tönt es aus meiner Facebook-Timeline. Filterblase at its worst. Selbst schuld, sage ich mir, schließlich habe ich den Absender besagter Selbstoptimierungs-Weisheiten überhaupt erst abonniert, auf dass er mein mehr oder weniger schlechtes Gewissen angesichts diverser Unzulänglichkeiten regelmäßig penetriere.

Wer genau dieser Absender ist, welche Marke sich dahinter verbirgt, all das ist noch nicht einmal zweitrangig. Es geht ausschließlich um den Kick im unmittelbaren Augenblick. Und der Kick ist mein Klick. Der Visit ist die Währung und die Botschaft immer Mittel zum Zweck. Und die Masche dahinter stets die gleiche: „Du bist defizitär!“ Zu dick, zu träge, zu unentschlossen. Zu schlecht organisiert, zu durchsetzungsschwach, zu introvertiert. Zu undiszipliniert, zu sanft, zu sensibel.

Der Ausweg aus der Defizit-Falle versteckt sich in Listen und auf Bannern voller Banalitäten. Clickbait heißt der Mechanismus hinter Sprüchen und Headlines. Minimal-invasiv im Vergleich zu heftig.co („Dieser Hund hält das Fahrrad seines Besitzers fest. Und als der wieder kommt, macht der Hund etwas Unglaubliches.“), aber immer gestrickt wie ein Verkehrsunfall: aufdringlich, aber Wegsehen geht nicht. Nach dem Klick: der Allgemeinplatz.

Meine Reaktion ist längst Trotz. Geradezu kindlicher Trotz. Geht es um „Sieben Wege zu perfekter Mitarbeiter-Führung“, möchte ich mich im Büro wie die Axt im Walde benehmen. Lautet die Schlagzeile „Wie erfolgreiche Menschen mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommen“, drehe ich mich auch nach 14 Stunden komatösem Schlummern noch einmal um. Und das Motto „Wie Sie Ihren inneren Schweinehund überwinden“ lässt mich nicht die Jogging-Schuhe schnüren, sondern umgehend Pizza ordern und das dritte Bier mit Korn kippen.

Natürlich ist Trotz keine Lösung. Aber diese Kaskaden aufdringlicher Selbstoptimierungs-Orgien sind das Gegenteil davon. Zumal sie in nahezu jeden Lebensbereich vordringen. Was für ein Menschenbild steckt eigentlich hinter all diesen Attacken auf unsere Unperfektheit, welcher Individualitäts-Begriff liegt diesem Kalkül zu Grunde?

„Früher war mehr unperfekt!“, möchte ich den Perfektions-Jüngern ins Gesicht schreien. Statt dessen betreibe ich dann eben Timeline-Hygiene oder poste den ein oder anderen trotzigen Spruch in die Kommentarspalten. Denn wer meint mir via Facebook und Co. Vorschriften bezüglich meiner Lebensführung unterjubeln zu müssen, der betreibt nur eines: digitale Nötigung.