Warum ist das alles so normal geworden? Deutschland und Europa rücken nach rechts.

Vor kurzem sah ich im Fernsehen eine Ausgabe der Talk-Sendung „3 nach 9“ aus dem Jahr 1990, in der u.a. Giovanni di Lorenzo und der damalige Republikaner-Chef Franz Schönhuber zu Gast waren. Die Art der damaligen Diskussionskultur auf Basis einer wehrhaften Demokratie und sehr engagierter Moderator_innen lässt einen angesichts der Omnipräsenz der Rechten und ihrer Parolen auf der einen sowie die der hilflosen Deutungsversuche der alten Linken sowie der Reflexe der Medien auf der anderen Seite beinahe wehmütig werden. Der Mob war seinerzeit sicherlich auch schon da, nur darf er heute auch ohne vorgehaltene Hand jegliche Form blanken Rassismus’ frei herauspöbeln: zur Hauptsendezeit.

Die Protagonist_innen der Protestpartei Rechtspopulisten von der „AfD“ dürfen ungehindert ihren dumpfen Hass gegen alles Fremde unters Volk bringen. Demokratie-Imitationen namens Parteitag und Wahlprogramm schaffen es in die ersten Meldungen der hiesigen Hauptnachrichtensendungen. Schon gibt es die ersten Kommentare in den „Qualitätsmedien,“ wonach die Parteienpolitik gescheitert und der Rücktritt der Kanzlerin die einzig logische Konsequenz sei. Die Hemmungen sind weg, und sie erodieren immer weiter.

Warum lassen wir uns das gefallen: Dass einfachste Wahrheiten mehrheitsfähig werden.?Dass Dumpfheit über Reflexion steht? Dass die Hassparolen der besorgten Bürger intellektuell Abgehängten immer weiterverbreitet werden. Ich halte das nur schwerlich aus.

Spätestens an dieser Stelle dürfte von manchen der Einwand kommen, ich müsse Contenance wahren und mich auf rein argumentativem Wege mit den Sympathisant_innen und Wähler_innen des sog. „Anti-Establishments“ (O-Ton AfD) auseinandersetzen. Mitnichten! Ich bevorzuge an dieser Stelle Nulltoleranz. Zumindest, was die intellektuelle Auseinandersetzung mit „Wahlprogrammen“ oder „Argumenten“ angeht.

Ich mache nur eine Ausnahme: Wenn jemand im Zwiegespräch mit mir diskutieren möchte, dann bekommt sie/er weitestgehende Zurückhaltung meinerseits und den unbedingten Versuch im empathischen Dialog meinerseits mit Argumenten zu überzeugen. Aber nur dann. Hier, im digital-öffentlichen Raum, habe ich dazu weder die angeblich nötige Zurückhaltung, noch das erforderliche Repertoire: Haters gonna hate.

Und wir dürfen eines nicht vergessen. Wir, die wir i.d.R. zu den Privilegierten gehören, haben die Wahl, ob wir das, was sich da so zusammenbraut und zusammenrottet, ignorieren oder nicht. Diese Wahl haben die meisten direkt Betroffenen nicht. Kübra Gümüşay hat das in ihrem Talk auf der re:publica in Berlin mehr als eindrucksvoll dargelegt.

Was ist eigentlich mit uns los? Glauben wir wirklich, wir kämen mit Abschottung und Ignoranz weiter? In Zeiten globaler Migration, größtenteils ausgelöst durch Macht- und Konsuminteressen des sog. Westens? In einem Land, das nachweislich auf Einwanderung angewiesen ist, falls wir nicht riskieren wollen, dass uns die sozialen Transfersysteme in absehbarer Zeit um die Ohren fliegen? Das zu glauben ist nicht naiv, das ist dumm. Zumal es, wie fast immer, die moralische Komponente ausblendet oder gar negiert: Weltoffenheit, Empathie und Hilfsbereitschaft sind ethische und moralische Pflichten in einem Land, das vor gerade einmal knapp 80 Jahren die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen hat.

Hoyerswerda 1991, Mölln 1992, Rostock-Lichterhagen 1992, Solingen 1993. Ich bin Jahrgang 1973 und mir sagen alle vier Orte unmittelbar etwas. Sie sind für mich die fremdenfeindliche deutsche Reizwortkette von vor über zwanzig Jahren. Die Morde und Verbrechen mit nationalistischem Hintergrund gegen Flüchtlinge und Migranten haben die Republik (und mich) seinerzeit bis ins Mark erschüttert. Und heute?

Allein im Jahr 2015 hat es laut gemeinsamer Chronik der Amadeu Antonio Stiftung und PRO ASYL 1.072 Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben, davon 136 Brandanschläge. Insgesamt seien 267 Körperverletzte zu beklagen gewesen. Doch an Einzelheiten oder wenigstens Ortsnamen erinnert sich niemand. Ahaus, Sellin, Pirna, Geislingen – für uns sind das in der Regel nichtssagende Städte und Gemeinden.

Es scheint inzwischen zur beinahe täglichen Normalität zu gehören, dass irgend welche besorgten Bürger fremdenfeindliche Arschlöcher Gewalt gegen Schutzbedürftige ausüben. Auch, wenn wir nicht daneben stehen und es gutheißen: Richtig bzw. vor allem nachhaltig erschüttert sind wir längst nicht mehr. Ein bisschen Facebook-Anteilnahme hier, ein solidarischer Tweet da, schon gehen wir, die wir das können, wieder zur Tagesordnung über. Und die heißt: Gewalt gegen Flüchtlinge, Ausländer und Minderheiten.

Ich sehe meine Generation vor allem in ihrer Elternrolle in der Pflicht. Zu lange sind wir davon ausgegangen, dass die Beschäftigung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus in der Schule ausreichen würde, dass wir uns nie wieder gegen Minderheiten und vermeintlich Fremdes wenden oder rechtem Gedankengut auf den Leim gehen würden. Doch dies hat sich als ein Trugschluss erwiesen. Es ist wichtiger denn je aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen und nachfolgende Generationen für ein offenes Weltbild zu sensibilisieren.

Parallel dazu brauchen wir eine erheblich bessere Kommunikation hinsichtlich einer europäischen Integration. In den vergangenen Jahren war die Rede viel zu häufig vom Finanzstandort und Wirtschaftsraum Europa, die Aspekte der Völkerverständigung oder Solidargemeinschaft innerhalb einer Friedensunion sind in Vergessenheit geraten. InVerbindung mit Migrationsbewegungen, Massenarbeitslosigkeit in Süd- und Osteuropa und den Unsicherheiten in einer globalisierten Welt brauchen wir derlei Identifikationsraum dringender denn je.

Blogger für Flüchtlinge

Häufig werden Online-Aktivisten, Blogger und Co. des „Slacktivism“ beschuldigt. Man impliziert damit, dass echte Veränderung nicht vom heimischen Sofa aus angestoßen werden könne. Das mag zum Teil stimmen, aber es gibt eine konzertierte Aktion von Bloggern, die gerade das Gegenteil beweist – auch weil sie sich nicht auf den digitalen Raum beschränkt.

Karla Paul, Paul Huizing, Nico Lumma und Stevan Paul haben die Initiative #BloggerFuerFluechtlinge ins Leben gerufen. Und die Welle an Hilfsbereitschaft, die auch dadurch ausgelöst wurde, ist bereits massiv. Dank Béa Beste gibt es nun auch tolle Visuals für die Aktion.

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Ihr könnt hier spenden. Und bitte verbreitet die Aktion über Eure Kanäle: Blogs, Facebook, Twitter & Co. Natürlich könnt Ihr Euch auch anderweitig engagieren, Hauptsache es tut sich etwas Entscheidendes in unserem Land, in dem Flüchtlingsheime brennen und die Ärmsten der Armen angefeindet werden. #refugeeswelcome und #Haltungzeigen sind nur zwei Hashtags, die die richtige Richtung zeigen. Wir warten nicht auf die Politik, wir tun etwas!

Update: Inzwischen ist die Website von #BloggerFuerFluechtlinge online gegangen. Nun ist es noch einfacher für alle Blogger_innen, Podcaster_innen und Vlogger_innen die Aktion zu unterstützen. Aber auch alle anderen können aktiv werden: Nutzt Eure Netzwerke und verbreitet diesen Link um auf die Spendenaktion hinzuweisen. Nutzt den Hashtag #BloggerFuerFluechtlinge.

Wundert es uns?

Flüchtlingsheime brennen, Asylsuchende werden beschimpft und angegriffen, Stammtischparolen sind salonfähig geworden. Deutschland 2015 ist ein prekäres Land, in dem Menschlichkeit, Reflexion und Offenheit offensichtlich zur Mangelware geworden sind. Man selbst schwankt zwischen Fassungslosigkeit, Wut und dem Impuls unbedingt etwas tun zu wollen, ja zu müssen.

Doch zu allererst muss eine Frage erlaubt sein: Wundert uns das?

Wundert es uns, dass Menschen, denen wir „Bildungsgutscheine“ als Bedingung für eine Unterstützung durch die Sozialkassen unter die Nase halten, eben diese Bildung eher als Diktat empfinden, und nicht als Notwendigkeit oder gar als Chance?

Wundert es uns, dass bestimmte Medien ganz offen und unverhohlen Stellung gegen die Ärmsten der Armen beziehen, wenn Auflage und Reichweite (also Werbeeinnahmen) das oft einzige erklärte Geschäftsziel der sog. Vierten Macht darstellen?

Wundert es uns, dass die „Bologna“ genannte Ökonomisierung von Bildung auch dazu geführt hat, dass sich jeder nurmehr selbst der Nächste ist und der Ellbogen geheiligtes Mittel zum Zweck?

Wundert es uns, dass die Entsolidarisierung innerhalb des Wirtschaftsraums Europa dazu geführt hat, dass ganze Völker und Volksgruppen diffamiert werden und die ursprüngliche Friedensgemeinschaft Europa kaum eine Rolle mehr spielt?

Wundert es uns, dass angesichts von z.T. 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa eine ganze „lost generation“ droht (mit völlig unabsehbaren Folgen) und dass die Abgehängten irgendwann nicht mehr nach Lebensentwürfen, sondern nach vermeintlich Schuldigen suchen?

Wundert es uns, dass uns Passivität und Stillstand befällt, obwohl wird doch eigentlich auf die Barrikaden gehen müssten, weil wir noch nicht einmal wissen, ob es für uns und unsere Kinder noch eine Versorgung im Alter geben wird?

Wundert es uns, dass Ausgrenzung und Hetze sich ungeahndet in einem Sozialen(?) Netzwerk zeigen, das eigentlich angetreten war die Kommunikation unter Weltbürgern zu fördern?

Wundert es uns, dass Individualismus unser höchstes Gut ist, während wir noch nicht einmal die Namen unserer unmittelbaren Nachbarn kennen?

Wundert es uns, dass sich politische Hinterbänkler und Wichtigtuer auf dem Rücken der Schwächsten profilieren dürfen, indem sie gezielt Halbwahrheiten verbreiten und Ängste schüren, stillschweigend geduldet von ihren Parteibossen?

Wundert es uns, dass eine ganze Generation, die die Stigmatisierung durch Hartz IV bzw. ALG 2 als Normalität vor Augen geführt bekommen hat, irgendwann neue alte Feindbilder erwählt, um nicht immer nur mit dem selbst(?) zu verantwortenden Scheitern konfrontiert zu sein?

Wundert es uns, dass im ehemaligen „Wirtschaftswunderland“ Deutschland längst der Konsum an die Stelle von Werten, Verantwortung und Miteinander getreten ist?

Wundert es uns, dass in einem Land, in dem Sozialdemokratie und Gewerkschaften die Mitte zu Gunsten des Neoliberalismus geräumt haben, politische Extreme Konjunktur haben?

Mich wundert das nicht. Nicht mehr.

Nur ist das eben nicht das Ende der Geschichte. Es darf nicht das Ende sein. Und schon gar nicht der Anfang einer neuen, schrecklichen Geschichte.

Es wird ein Kraftakt sein, dieses Land und diesen Kontinent wieder in eine Richtung zu bringen, die Zukunft nicht als Bedrohung erscheinen lässt; die Potenzial im Austausch zwischen Unterschieden neu entdeckt; und die die Menschen in den Fokus rückt, die in ihren Bedürfnissen viel mehr gemeinsam haben, als Unterschiede in Herkunft, Sozialisierung, Sprache, Geschlecht, Aussehen etc. es vortäuschen mögen.

Wir haben mehr zu verteidigen als unsere eigenen Interessen. Dazu müssen wir sichtbar werden. Nicht nur im Netz.