Blogger für Flüchtlinge

Häufig werden Online-Aktivisten, Blogger und Co. des „Slacktivism“ beschuldigt. Man impliziert damit, dass echte Veränderung nicht vom heimischen Sofa aus angestoßen werden könne. Das mag zum Teil stimmen, aber es gibt eine konzertierte Aktion von Bloggern, die gerade das Gegenteil beweist – auch weil sie sich nicht auf den digitalen Raum beschränkt.

Karla Paul, Paul Huizing, Nico Lumma und Stevan Paul haben die Initiative #BloggerFuerFluechtlinge ins Leben gerufen. Und die Welle an Hilfsbereitschaft, die auch dadurch ausgelöst wurde, ist bereits massiv. Dank Béa Beste gibt es nun auch tolle Visuals für die Aktion.

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Ihr könnt hier spenden. Und bitte verbreitet die Aktion über Eure Kanäle: Blogs, Facebook, Twitter & Co. Natürlich könnt Ihr Euch auch anderweitig engagieren, Hauptsache es tut sich etwas Entscheidendes in unserem Land, in dem Flüchtlingsheime brennen und die Ärmsten der Armen angefeindet werden. #refugeeswelcome und #Haltungzeigen sind nur zwei Hashtags, die die richtige Richtung zeigen. Wir warten nicht auf die Politik, wir tun etwas!

Update: Inzwischen ist die Website von #BloggerFuerFluechtlinge online gegangen. Nun ist es noch einfacher für alle Blogger_innen, Podcaster_innen und Vlogger_innen die Aktion zu unterstützen. Aber auch alle anderen können aktiv werden: Nutzt Eure Netzwerke und verbreitet diesen Link um auf die Spendenaktion hinzuweisen. Nutzt den Hashtag #BloggerFuerFluechtlinge.

Wundert es uns?

Flüchtlingsheime brennen, Asylsuchende werden beschimpft und angegriffen, Stammtischparolen sind salonfähig geworden. Deutschland 2015 ist ein prekäres Land, in dem Menschlichkeit, Reflexion und Offenheit offensichtlich zur Mangelware geworden sind. Man selbst schwankt zwischen Fassungslosigkeit, Wut und dem Impuls unbedingt etwas tun zu wollen, ja zu müssen.

Doch zu allererst muss eine Frage erlaubt sein: Wundert uns das?

Wundert es uns, dass Menschen, denen wir „Bildungsgutscheine“ als Bedingung für eine Unterstützung durch die Sozialkassen unter die Nase halten, eben diese Bildung eher als Diktat empfinden, und nicht als Notwendigkeit oder gar als Chance?

Wundert es uns, dass bestimmte Medien ganz offen und unverhohlen Stellung gegen die Ärmsten der Armen beziehen, wenn Auflage und Reichweite (also Werbeeinnahmen) das oft einzige erklärte Geschäftsziel der sog. Vierten Macht darstellen?

Wundert es uns, dass die „Bologna“ genannte Ökonomisierung von Bildung auch dazu geführt hat, dass sich jeder nurmehr selbst der Nächste ist und der Ellbogen geheiligtes Mittel zum Zweck?

Wundert es uns, dass die Entsolidarisierung innerhalb des Wirtschaftsraums Europa dazu geführt hat, dass ganze Völker und Volksgruppen diffamiert werden und die ursprüngliche Friedensgemeinschaft Europa kaum eine Rolle mehr spielt?

Wundert es uns, dass angesichts von z.T. 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa eine ganze „lost generation“ droht (mit völlig unabsehbaren Folgen) und dass die Abgehängten irgendwann nicht mehr nach Lebensentwürfen, sondern nach vermeintlich Schuldigen suchen?

Wundert es uns, dass uns Passivität und Stillstand befällt, obwohl wird doch eigentlich auf die Barrikaden gehen müssten, weil wir noch nicht einmal wissen, ob es für uns und unsere Kinder noch eine Versorgung im Alter geben wird?

Wundert es uns, dass Ausgrenzung und Hetze sich ungeahndet in einem Sozialen(?) Netzwerk zeigen, das eigentlich angetreten war die Kommunikation unter Weltbürgern zu fördern?

Wundert es uns, dass Individualismus unser höchstes Gut ist, während wir noch nicht einmal die Namen unserer unmittelbaren Nachbarn kennen?

Wundert es uns, dass sich politische Hinterbänkler und Wichtigtuer auf dem Rücken der Schwächsten profilieren dürfen, indem sie gezielt Halbwahrheiten verbreiten und Ängste schüren, stillschweigend geduldet von ihren Parteibossen?

Wundert es uns, dass eine ganze Generation, die die Stigmatisierung durch Hartz IV bzw. ALG 2 als Normalität vor Augen geführt bekommen hat, irgendwann neue alte Feindbilder erwählt, um nicht immer nur mit dem selbst(?) zu verantwortenden Scheitern konfrontiert zu sein?

Wundert es uns, dass im ehemaligen „Wirtschaftswunderland“ Deutschland längst der Konsum an die Stelle von Werten, Verantwortung und Miteinander getreten ist?

Wundert es uns, dass in einem Land, in dem Sozialdemokratie und Gewerkschaften die Mitte zu Gunsten des Neoliberalismus geräumt haben, politische Extreme Konjunktur haben?

Mich wundert das nicht. Nicht mehr.

Nur ist das eben nicht das Ende der Geschichte. Es darf nicht das Ende sein. Und schon gar nicht der Anfang einer neuen, schrecklichen Geschichte.

Es wird ein Kraftakt sein, dieses Land und diesen Kontinent wieder in eine Richtung zu bringen, die Zukunft nicht als Bedrohung erscheinen lässt; die Potenzial im Austausch zwischen Unterschieden neu entdeckt; und die die Menschen in den Fokus rückt, die in ihren Bedürfnissen viel mehr gemeinsam haben, als Unterschiede in Herkunft, Sozialisierung, Sprache, Geschlecht, Aussehen etc. es vortäuschen mögen.

Wir haben mehr zu verteidigen als unsere eigenen Interessen. Dazu müssen wir sichtbar werden. Nicht nur im Netz.