Warum ich als Mann keine Bedrohung für Frauen sein will

Heute ist Weiberfastnacht. Ich bin zu Hause, weil mich diese Art des Straßen-Karnevals auch nach 16 Jahren in Köln nicht besonders interessiert. Ich mache mir also keine Kostümierung, sondern Gedanken. Und nach #koelnhbf steht diese Stadt ja gewissermaßen unter weltweiter Beobachtung.

Ich komme nicht über Frau Rekers #armlaenge hinweg. Die Diskussion beschäftigt mich und sie hat sich auch durch die Initiative #ausnahmslos nicht geklärt. Eher im Gegenteil. Meine Perspektive ist eine männliche und ich möchte mein Unbehagen beschreiben.

Selbiges äußert sich, wenn ich auf dem nächtlichen Heimweg aus der Kneipe oder von Freunden in einem einsamen Teil der Stadt unterwegs bin und hinter einer Frau herlaufe. Sie ist ein wenig langsamer als ich und daher hole ich auf. Und ich merke, wie unangenehm, ja bedrohlich das für sie sein muss. Also laufe ich langsamer. Doch da dies eine bewusste Entscheidung ist, habe ich auch dabei das Gefühl manipulativ zu sein. Es ist ein Dilemma.

Für mich sind zwischenmenschliche Grenzen schon immer heilig. Aus einem Flirt wurde nur dann mehr, wenn ich mir absolut sicher war, dass ich keine Zeichen missdeuten konnte. Anders ausgedrückt: Ich war auch häufiger mal etwas schwerer von Begriff. Daraus eine Regel ableiten zu wollen, ist jedoch Unsinn. Aber es muss etwas geben, an dem Männer sich orientieren können.

Ein Ansatz wie „Nein heißt Nein“ im Zusammenhang mit der Ahndung von Vergewaltigungen ist unbedingt unterstützenswert, für ein respektvolles Miteinander geht er mir aber fast nicht weit genug. Er ist für diesen Bereich einfach zu abstrakt.

Zunächst einmal gehe ich als heterosexueller Mann ganz einfach nicht davon aus, dass irgend eine Frau sich meine direkte Nähe wünscht. Sollte dies dennoch der Fall sein, brauche ich relativ eindeutige Signale. Und um Letztere deuten zu können, braucht es wiederum ein gehöriges Maß an Sensibilität; vor allem natürlich dann, wenn diese Signale non-verbaler Art sind.

Respekt an der Flirtfront setzt auch voraus, dass man(n)eben nicht jede Chance auf ein Abenteuer nutzen muss. Was ist schon dabei, wenn es bei einem Flirt bleibt? Wir leben nicht im Finisher-Modus.

Zurück zum nächtlichen Heimweg. Oft war ich versucht Frauen anzusprechen und Ihnen dadurch zu signalisieren, dass von mir keine Gefahr ausgeht. Aber das hätte man natürlich als blöde Anmache missverstehen können. Also schwieg ich.

Inzwischen achte ich in solchen Situationen darauf ausreichend Abstand zu halten und nicht den Eindruck zu erwecken, als verfolge ich jemanden. Notfalls gehe ich langsamer oder wechsle die Straßenseite. Ich habe auch schon mal gesungen um eine Situation zu entschärfen – und ich singe nicht besonders gut. Eigentlich ist mir jedes Mittel recht um nur niemandem Angst zu machen.

Die Tatsache, dass es Angebote wie das Heimwegtelefon gibt, macht deutlich, dass ich mit meinem Unbehagen als potenzieller Auslöser für Angst das erheblich geringere Problem habe. Die Leidtragenden sind die Frauen, die sich ganz offensichtlich permanent Gedanken um die eigene Sicherheit und Unversehrtheit machen müssen. Und das macht mir zu schaffen.

Ich spreche noch nicht einmal davon, Teil der Lösung sein zu wollen. Ich möchte ganz einfach nicht als Teil des Problems wirken. Das ist vielleicht übersensibel, aber in Zeiten unglaublicher Ausfälle und Gewaltandrohungen gegen Frauen finde ich es schlicht angebracht die Situation auf jede erdenkliche Weise verbessern zu helfen.

Ich bin ein großer Befürworter von #HeForShe und davon, dass Männer den Feminismus für sich entdecken sollten. Es geht mir dabei um die größtmögliche Unterstützung gegen Diskriminierung von Frauen. Und daher ist es wichtig, dass jeder Mann diese Art der Sensibilität in seinen Alltag integriert und in seinem direkten Umfeld zum Wirken bringt. Ganz einfach, weil es im Moment notwendiger denn je ist.

Feigheit der Wissenschaft: Bologna und die Folgen

Eine sonntägliche Matinee mit Prof. Dr. Hans Ulrich Reck (KHM)

Im Rahmen ihrer Matinee-Reihe „be//sprechen“ luden die beiden Professoren der Koeln International School of Design (KISD), Uta Brandes und Michael Erlhoff, am 2. November ins Kölner riphahn. Zu Gast war diesmal der Rektor der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM), Prof. Dr. Hans Ulrich Reck.

Thema war u.a. die „Feigheit der Wissenschaft“ vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ökonomisierung der Hochschulpolitik. Laut Prof. Dr. Reck sei im Rahmen des Bologna-Prozesses ein gewisser „vorauseilender Gehorsam“ auf Seiten der Hochschullehrer festzustellen.

Zwar gebe es gar keine rechtlich bindende Verordnung zur Umsetzung der EU-Vorgaben, dennoch beobachte er in diesem Zusammenhang einen „irrationalen Konsens“, der darauf abziele „allen Studenten in Europa die gleiche Apfelsorte zu verkaufen“.

Hans Ulrich Reck erwähnte Max Weber, der seine Kollegen stets darum bat zu polemisieren, will heißen: seinen Ansichten vehement zu widersprechen: „Bitte polemisieren Sie so scharf wie möglich gegen meine Ansichten in den Punkten, wo wir differieren“ schrieb Max Weber in einem Brief aus dem Jahre 1906. Eine solche Haltung gebe es heutzutage kaum mehr, so Hans Ulrich Reck, weder auf Seiten der Befürworter, noch auf der der Gegner bestimmter hochschulpolitischer Prozesse.

Der Kardinalfehler sei dabei: Man verwechsle im Diskurs argumentative Kraft mit (hier: mangelnder) emotionaler Wertschätzung; ein Zustand, der Widerstand von vornherein ausschließe, so Reck.

Im Laufe der Diskussion ging Hans Ulrich Reck auch auf die Hochkonjunktur neurologischer Erklärungsmodelle ein und nannte dies die „Emphase der Neurologen“, die nun angetreten seien ein – in den Augen Recks gänzlich unzulängliches – Erklärungsmodell für philosophische Prozesse aufzustellen.

Überhaupt, so Hans Ulrich Reck, sei die starke Neigung zu quantitativ-ablativen Prozessen auch ein großes Problem für die Freiheit von Lehre und Forschung. Ein Phänomen unserer Zeit sei auch das  sog. Expertenproblem: Ein Problem werde durch die Hinzuziehung vermeintlicher Experten, von denen es Befürworter sämtlicher Sichtweisen gebe, nur auf die nächsthöhere Ebene verlagert. Keine Lösung, nirgends.

Seinen KollegInnen in Lehre und Forschung schrieb Prof. Dr. Reck ins Stammbuch sich wieder des Prinzips des „Sapere Aude“ zu bedienen. Es brauche Mut sich seines Verstandes zu bedienen, auch und gerade, wenn es um die Zukunft von Bildung und Ausbildung gehe.

Letztere sei ohnehin eine dreiste gesellschaftspolitische Lüge. Ein Hochschulstudium sei eben keine Ausbildung für eine bestimmte Fach-Tätigkeit, sondern im Geiste eines „studium generale“ eine Chance Fähigkeiten weit jenseits des reinen Fachwissens zu entwickeln. Für Reck sind zwei der wesentlichen Fähigkeiten die der Organisation(sfähigkeit) und Subsistenz – im Gegensatz zur Fokussierung auf Ausbildung und Karriere.

Kunsthochschulen seien besonders fragil angesichts einer Bildungs-Vereinnahmung durch Zeitgeist-Figuren. Ein Phänomen sei der Konformismus von Doktorvätern und die Tatsache, dass Bachelor-Studenten durch das System funktionalisiert würden, während ihnen gleichzeitig suggeriert würde, ihr Studium käme einer Berufsausbildung gleich. Für Reck ist das sich im Bologna-Prozess manifestierende Effizienz-Diktat zudem der Todfeind guter Ideen.

Kein gutes Haar ließ Reck auch an der Exzellenz-Initiative in Richtung der Hochschulen. Hier sei ein Grad an Wettbewerb eingezogen (worden), der vor allem auch die Kommunikationspolitik der Hochschulen verändert habe. Reck prangert eine „Banalität der Selbstanpreisung von Exzellenz“ an, der er selbst u.a. dadurch begegne, dass er bei der Beurteilung entsprechender Marketing-Unterlagen hyperbolische Adjektive und Floskeln konsequent eliminiere.

Im Rahmen der sich anschließenden Diskussion zeigte sich, dass es in nahezu allen Lebensbereichen eine Tendenz zur Akademisierung gebe. Jedes noch so spezielle Wissens- oder Themengebiet biete inzwischen eigene Studiengänge mit dem Resultat eines Pseudo-Exzellenz-Versprechens. In Bezug auf eine damit schwerlich einhergehende Erleuchtung fragt Hans Ulrich Reck süffisant: „Woher kommt das Licht?“

Der Untergang des Bildungssystems sei dessen Demokratisierung. Freiheit sei nie dort gelebt worden, wo sie behauptet wurde. Der Staat habe im Bereich der Hochschulen eine gewisse Schutzfunktion, die bei aller Notwendigkeit zu politischen Kompromissen Bestand haben müsse.

Von den Studierenden forderte Prof. Dr. Reck neben der Entwicklung von Subsistenz die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Sicherheit sei in diesem Zusammenhang zweitrangig, werde jedoch von den allermeisten Absolventen auch im Berufsleben vorrangig eingefordert.

Diesem Phänomen begegnet Reck mit der Aussage, vermeintlich fürsorgliche Begleitung während des Studiums sei repressive Unterdrückung und verhindere die Ausprägung der genannten Fähigkeiten. An der Eltern-Generation ließ er ebenfalls kein gutes Haar, ihr wirft er die „Wunschfabrikation von Trophäenkindern“ vor.