Stop fixing women! Für neue Normen und Werte im Job.

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Eine meiner dringlichsten Forderungen in der Debatte um Gender Diversity lautet „Stop fixing women!“. Was plakativ klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn nach wie vor ist es üblich Frauen beibringen zu wollen, wie sie im (männlichen) System erfolgreich sein können. D.h. man trainiert Frauen Verhaltensweisen an, die sie dazu befähigen sollen sich gegen dominante Männer (und Frauen) durchzusetzen.

Das Problem dabei ist vielschichtig. Zum einen manifestieren wir auf diese Weise das System selbst, indem wir nicht seine Wirkungsweisen und Rahmenbedingungen in Frage stellen, sondern die Akteure im System als defizitär betrachten, wenn sie an Widerständen scheitern. Scheitern bedeutet in diesem Fall die vermeintliche Unfähigkeit in der Hierarchie nach oben zu kommen, sprich: Karriere zu machen.

Eingeschränktes Repertoire

Gleichzeitig fokussieren wir uns auf eine sehr begrenzte Anzahl an Eigenschaften und Fähigkeiten, die wir zu optimieren suchen. Wir schränken dadurch das Repertoire an menschlichen Verhaltensweisen im beruflichen Kontext extrem ein. Dadurch stufen wir bestimmtes Verhalten als negativ oder zumindest als nicht zuträglich für berufliches Fortkommen ein.

Das ist auf mehrfache Weise perfide. Es werden keine individuellen Stärken entwickelt, sondern Schwächen postuliert und ausgemerzt. Gleichzeitig wird das Set an vermeintlichen Stärken zur Erfolgsstrategie erklärt. Man schafft eine Norm für beruflichen Erfolg, an der sich alle zu orientieren haben. Angesichts zunehmender Komplexität und dem dringenden Bedarf an Vielfalt ist dies eine fatale Entwicklung.

Stets die gleiche Leier

Ich war in den letzten Monaten auf zahlreichen Veranstaltungen und habe an vielen Diskussionen über die neue Arbeitswelt teilgenommen. Sehr häufig lautete der Ratschlag gerade an junge Frauen: Bleib’ im System (auch und gerade bei der Familiengründung), mach’ dich nicht selbstständig, optimiere dich selbst und lerne dich gegen die Männer durchzusetzen.

Ich halte das aus den genannten Gründen für gefährlich und zudem für extrem anmaßend. Derartige Ratschläge ersticken jede Form von Diversity und Individualität im Keim und nehmen den Raum für Innovation und Authentizität.

Optimier‘ dich gefälligst!

Dabei nimmt das systemimmanente Optimierungsprogramm bisweilen geradezu groteske Züge an.

So hörte ich von einer Trainerin, die ihren Kundinnen rät bei einem besonders dominanten männlichen Handschlag ihrerseits den Daumennagel ins Fleisch des Gegenüber zu bohren: als Statement. Eine weitere Übung für nach Durchsetzungsfähigkeit lechzende Frauen lautete: Gehe über einen belebten Platz und weiche niemandem aus. Dabei dürfte nicht nur die Schulter schmerzen. Ein ganz besonderes interessanter Vorschlag lautete: Finde heraus, welches Parfum Dein Alphamännchen-Chef trägt und sprühe Dich damit ein. Geht’s noch!?

Abgesehen davon, dass ich einige der Maßnahmen für übergriffig, gewalttätig und – vorsichtig formuliert – nicht besonders sozial halte: Wohin soll das führen? Welche Normen setzen wir uns für unser zukünftiges Arbeiten? Und welche Palette an Verhaltensweisen wünschen wir uns für unser Miteinander?

Wollen wir Frauen wirklich raten auf ein Lächeln zu verzichten, wenn sie einen erfolgreichen Abschluss bei einem Kunden erzielen wollen? Ist Uniformität und Konformität der Schlüssel für erfolgreiche Karrieren? Geht es um Durchsetzung auf die althergebrachte, „männliche“ Art und Weise? Und ist Manipulation der Schlüssel zum beruflichen Glück?

Oder setzen wir uns ambitioniertere Ziele? Schaffen wir Umfelder für unterschiedliche Charaktere? Definieren wir Leadership neu und entkoppeln wir Führung von Druck und Aggression? Lernen wir Vielfalt wertzuschätzen und stellen wir Raum für Potenzialentfaltung zur Verfügung? Lösen wir uns von alten Statussymbolen und geben wir Macht eine neue Bedeutung?

Wir alle haben die Wahl. Jeden Tag, in jeder Situation. Ich habe mich bereits für eine Richtung. entschieden.

„Optimier’ dich, du Sau!“ Perfektionismus, Clickbait und digitale Nötigung

Die Headline schreit mich an, fast spring sie mir ins Gesicht: „Zehn Dinge, die gute Eltern für ihre Kinder tun“ tönt es aus meiner Facebook-Timeline. Filterblase at its worst. Selbst schuld, sage ich mir, schließlich habe ich den Absender besagter Selbstoptimierungs-Weisheiten überhaupt erst abonniert, auf dass er mein mehr oder weniger schlechtes Gewissen angesichts diverser Unzulänglichkeiten regelmäßig penetriere.

Wer genau dieser Absender ist, welche Marke sich dahinter verbirgt, all das ist noch nicht einmal zweitrangig. Es geht ausschließlich um den Kick im unmittelbaren Augenblick. Und der Kick ist mein Klick. Der Visit ist die Währung und die Botschaft immer Mittel zum Zweck. Und die Masche dahinter stets die gleiche: „Du bist defizitär!“ Zu dick, zu träge, zu unentschlossen. Zu schlecht organisiert, zu durchsetzungsschwach, zu introvertiert. Zu undiszipliniert, zu sanft, zu sensibel.

Der Ausweg aus der Defizit-Falle versteckt sich in Listen und auf Bannern voller Banalitäten. Clickbait heißt der Mechanismus hinter Sprüchen und Headlines. Minimal-invasiv im Vergleich zu heftig.co („Dieser Hund hält das Fahrrad seines Besitzers fest. Und als der wieder kommt, macht der Hund etwas Unglaubliches.“), aber immer gestrickt wie ein Verkehrsunfall: aufdringlich, aber Wegsehen geht nicht. Nach dem Klick: der Allgemeinplatz.

Meine Reaktion ist längst Trotz. Geradezu kindlicher Trotz. Geht es um „Sieben Wege zu perfekter Mitarbeiter-Führung“, möchte ich mich im Büro wie die Axt im Walde benehmen. Lautet die Schlagzeile „Wie erfolgreiche Menschen mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommen“, drehe ich mich auch nach 14 Stunden komatösem Schlummern noch einmal um. Und das Motto „Wie Sie Ihren inneren Schweinehund überwinden“ lässt mich nicht die Jogging-Schuhe schnüren, sondern umgehend Pizza ordern und das dritte Bier mit Korn kippen.

Natürlich ist Trotz keine Lösung. Aber diese Kaskaden aufdringlicher Selbstoptimierungs-Orgien sind das Gegenteil davon. Zumal sie in nahezu jeden Lebensbereich vordringen. Was für ein Menschenbild steckt eigentlich hinter all diesen Attacken auf unsere Unperfektheit, welcher Individualitäts-Begriff liegt diesem Kalkül zu Grunde?

„Früher war mehr unperfekt!“, möchte ich den Perfektions-Jüngern ins Gesicht schreien. Statt dessen betreibe ich dann eben Timeline-Hygiene oder poste den ein oder anderen trotzigen Spruch in die Kommentarspalten. Denn wer meint mir via Facebook und Co. Vorschriften bezüglich meiner Lebensführung unterjubeln zu müssen, der betreibt nur eines: digitale Nötigung.

Plankalkül 3.0 – warum unsere Überforderung kein Zufall ist

Zunächst war da nur eine vage Ahnung, ein unbestimmtes Gefühl. Dass etwas in der Luft liegt. Es ist noch nicht greifbar, irgendwie diffus. Vielleicht irre ich mich auch, aber das würde mich wundern. Der Wunsch nach Definition ist groß; und dass ich es nicht benennen kann, macht mich unruhig. Es geht um unsere Gegenwart.

Überforderung statt Deutungshoheit

Nie zuvor hatte ich so große Schwierigkeiten einer Zeit einen definitorischen Stempel aufzudrücken wie im Moment. Dass Epochen immer retrospektiv benamt werden, ist mir durchaus bewusst. Diesmal ist es jedoch anders. Denn bisher gab es stets ein gewisses Bewusstsein dafür, wohin ungefähr unser Hier und Jetzt steuert. Bis heute. Heute sind wir angesichts zahlloser kulminierender Strömungen und durch die Unmittelbarkeit des Jetzt in unserer Perspektive reduziert auf eine Spezies der Überforderten. Wir hecheln nurmehr hinterher.

Deutungsversuche gibt es zuhauf, aber allen ist eines gemein: Sie sind nach Wochen, Tagen, Stunden, Minuten oder gar nach Sekunden Makulatur. Das liegt einerseits an der rasenden Geschwindigkeit, mit der die Gegenwart zur Vergangenheit wird. Zum anderen macht das komplexe Heute eine nachhaltige Perspektive oder gar eine eigene Meinung nahezu unmöglich. Alles ist flüchtige Momentaufnahme. Alles hat zwei (und mehr) Seiten.

Der Code der Gegenwart

Die der massiven Beschleunigung unserer Gegenwart zugrunde liegende Technologie kennt für die Funktionalität und Steuerung ihrer Maschinen nur die Werte Null oder Eins. Gleichzeitig bewegt sich die Anzahl möglicher Deutungsvarianten ein und derselben Tatsache oder Situation in Richtung eines mathematischen „unendlich“. Dadurch wird die Verortung von Gegenwart maximal erschwert.

Konrad Zuse, der Erfinder des ersten funktionsfähigen Computers der Welt, entwickelte mit „Plankalkül“ auch die erste Programmiersprache. Und genau in dieser Wortkombination verbirgt sich die semantische Annäherung an die Deutung der Jetztzeit. Viele der Dinge, Umstände und Phänomene, die uns heutzutage so un(be)greifbar erscheinen, sind geplant. Und häufig sind sie Kalkül. Diese These lässt sich in ganz unterschiedlichen Bereichen beobachten.

Von der Nische zur Masse

Ein Phänomen unserer Zeit ist die unmittelbare Verwandlung von Nischen- und Subkulturen in Mainstream. Am Beispiel der „Hipster“ kann man gut nachvollziehen, dass die modischen wie inhaltlichen Anlehnungen dieser „Massensubkultur“ aus den unterschiedlichsten Zeiten und Nischen stammen. Die Andersartigkeit – viel mehr Ideologie steckt nicht dahinter –  ist minutiös geplant, ihre Zielrichtung Kalkül: Die Wünsche dieser Großgruppe liegen weit außerhalb der Bedürfnispyramide; das Ziel: Konsum. Und wenn es mal nicht schnell genug geht mit der Entstehung neuer Trends, dann rufen die Legionen an Trendscouts und Marketing Evangelists einfach eine weitere Retro-Bewegung aus.

Ein anderes Primat unserer Gegenwart ist zweifellos das der Effizienz. Wir huldigen ihr geradezu manisch – mit großen Auswirkungen auf den Menschen und seinen Aktionsradius. Ein Bereich, in dem dieses Prinzip besonders deutlich zu Tage tritt, ist Bildung. Ganze Generationen hetzen wir durch G8 und Bachelor, ohne jede Gelegenheit zum Blickheben; sehr wohl aber inklusive eines impliziten Vorwurfs, die Angehörigen der „Generation Y“ litten unter veritablen Persönlichkeits-Defiziten, die ihre Anpassung an moderne Arbeitswelten erschweren.

Optimierung und Euphemismen

Der Hang der Postmoderne zur Überoptimierung macht vor unseren Kindern nur dann kurz halt, wenn es gilt noch mehr Helikoptereltern-Ansprüche in die bereits übervollen Tagespläne und Köpfe zu pressen. Der Plan: immer schneller, immer gleicher, immer angepasster; das Kalkül: identische Arbeitskräfte für einen effizienten Markt. Die Rhetorik kommt dabei kaum hinterher. So ist es nur eine Randnotiz, wenn ausgerechnet SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles den Begriff der „Einphasung“ im Zusammenhang mit der Einführung eines mehr oder weniger flächendeckenden Mindestlohns prägte.

Die Timeline unserer Sozialen (auch in Großbuchstaben falsch) Netzwerke ist die bestimmende News-Quelle im Hier und Heute. Wobei „News“ nicht notwendigerweise etwas mit Nachrichten im herkömmlichen Sinne zu tun haben müssen. Es regieren Selbstinszenierung und Panoptismus. Authentizität wird in nur wenigen Jahren eine völlig neue Wortbedeutung haben: Eigen-PR wird von der Ausnahme zur Regel, Content Marketing zum Euphemismus für Schleichwerbung. Geplant ist Zugang zu unseren Hirnen, das Kalkül kann sich (noch) fast jeder selbst denken.

Die Liste der Bereiche, in denen das Prinzip von Plan und Kalkül ungehindert wirkt (und würgt), ist endlos. Ob in der Architektur (z.B. Berliner Stadtschloss statt Palast der Republik), der Kunst, den Medien, ob bei familiären Lebensmodellen, Inneneinrichtung oder bei Nahrungsmitteln (z.B. vegan vs. vegetarisch), ob bei der Stadtentwicklung, dem Automobilbau oder der Politik (z.B. Meinungsbildung bei Nahost-Konflikt) – überall folgt ein Plan einem Kalkül; und umgekehrt. Wir sind als Korrektiv längst heillos überfordert. Und genau das ist der Plan, genau das das Kalkül.

Und nun?

Was tun? Es gibt eine ganze Reihe möglicher Reaktionen auf die Komplexität unserer Zeit. Doch die wenigsten sind positiv und zukunftsbejahend. Im Gegenteil: Eskapismus im Allgemeinen und im Besonderen ist für viele Menschen ein Weg der Wahl. Dieser ist dann schädlich, wenn dadurch die Überzeugung abhanden kommt die Zukunft durch Technologie für den Menschen zu gestalten – und nicht trotz des Menschen oder gar gegen ihn.

In die Kategorie Flucht fällt auch das „Pippi Langstrumpf Prinzip“. Unbequeme Dinge oder solche, die das eigene Weltbild bedrohen, werden negiert. Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt, und zwar so lange, bis sie überhaupt niemandem mehr gefallen kann. Angst vor der Totalüberwachung brachte das bereits erwähnte Prinzip des Panoptismus hervor. Niemand, der zukünftig mit korrekten Datenbeständen arbeiten muss, kann wollen, dass dies zum Massenphänomen wird.

Tocotronic hatte schon 2007 nur eine Antwort auf die Herausforderung unserer Zeit: Kapitulation. Fatalismus ist natürlich keine ausgesprochen konstruktive Geisteshaltung, aber sie kann in ihren Ausprägungen bis zu einem gewissen Grad durchaus sympathisch sein. Die Hipster, wir sprachen darüber.

Die entscheidende Frage

Es gibt ein Prinzip, das angesichts der allgegenwärtigen Komplexität von Inhalten Themen und Zusammenhängen daher nicht mehr fehlen darf. Es lässt sich in einer Frage verdichten, die es fortan noch viel häufiger zu stellen gilt: „Cui bono?“. Wem nützt das?

Wenn wir diese Frage nicht als Ausdruck unseres Misstrauens einsetzen, sondern damit demonstrieren, dass uns unsere (Um)Welt etwas angeht, dann können wir damit einen Anfang machen unserer wahrlich komplizierten Gegenwart ein Ordnungsprinzip entgegensetzen, das nicht frei von Ethik, Moral und Verantwortungsgefühl ist. Cui bono?!