Stellen wir endlich die richtigen Fragen! Warum die Wirtschaftswissenschaften (allein) uns nicht weiterbringen

„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

Dieses Zitat von Paul Watzlawick ist vermutlich bekannt, zuletzt las ich es in einem Artikel der New York Times mit dem Titel „What if Sociologists Had as Much Influence as Economists?“. Der Autor Neil Irwin hinterfragt darin die Rolle von Ökonom_innen in ihrer Funktion als Berater_innen der Politik. Im Kontext des Watzlawick-Zitats formuliert Irwin wie folgt:

„[T]he risk is that when every policy adviser is an economist, every problem looks like inadequate per-capita gross domestic product.“

Irwin kritisiert die Einseitigkeit in der Beurteilung sozialer Missstände, wenn diese ausschließlich auf Basis ökonomischer Parameter erfolgt. Gleichzeitig rückt er eine wissenschaftliche Disziplin in den Vordergrund, die er für wesentlich geeigneter hält unsere Gesellschaften zu analysieren als die Volks- oder Betriebswirtschaft. Es geht um die Soziologie.

Die Bewertungs-Parameter für menschliches Verhalten haben sich in vielen Bereichen weit von dem entfernt, was uns und unseren Gesellschaften lieb und teuer sein sollte. Deshalb wäre es sehr zu begrüßen, wenn wir uns auch wieder den Humanwissenschaften zuwenden würden um Hebel für die Bewältigung gesellschaftlicher (und ökonomischer) Herausforderungen zu identifizieren. Denn der reine Blick durch die Wirtschaftsbrille birgt erhebliche Risiken.

Das Problem sei – und hier zitiert der Autor des NYT-Artikels die Harvard-Soziologin Michèle Lamont, Präsidentin der American Sociological Association -, dass Wirtschaftswissenschaftler_innen die Politik sukzessive davon überzeugt hätten, dass die einzigen Fragen, die wir uns stellen sollten, diejenigen seien, auf die ausschließlich die BWL und VWL eine Antwort habe. Und hier sind wir beim Kern des Problems angelangt: Wir stellen uns die falschen Fragen. Mit dem Ergebnis, dass wir nahezu jeden Politik- und Lebensbereich ökonomisiert haben.

goashape-61244

Die Problematik wurde bereits in der Diskussion um Angela Merkels „marktkonforme Demokratien“ aufgegriffen – eine Formulierung, die sie angeblich nie so verwendet hat. Dennoch stand sehr schnell die Frage im Raum, ob wir nicht besser demokratiekonforme Märkte benötigten. Oder nehmen das Beispiel der Arbeit 4.0 oder New Work. Irwin schreibt:

„[W]hile economists tend to view a job as a straightforward exchange of labor for money, a wide body of sociological research shows how tied up work is with a sense of purpose and identity.“

Kommt uns das bekannt vor? Sinnstiftung ausschließlich auf wirtschaftliche Kriterien zu beziehen, fällt bereits heute jeder durchschnittlich begabten Führungskraft unendlich schwer. Dennoch halten wir an viel zu vielen Phrasen fest, mit denen wir Menschen vorgaukeln, sie seien Teil eines sinnvollen Ganzen.

In nahezu jeder öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Arbeit oder über Vereinbarkeit wird man mit den gleichen Buzzwords konfrontiert. Da ist die Rede von „vollzeitnaher Teilzeit“, von „Wiedereinstieg“ oder „Flexibilisierung“. Wir sprechen von „Minderleister_innen“, „Leistungsreduzierten“ und „Human Resources“. Was dabei völlig aus dem Blick gerät, ist das, was  diese „ökonomisierte Distanz“ in der Sprache mit den Menschen macht, geschweige denn: was diese Menschen denn überhaupt wollen und brauchen.

Wir haben in den letzten Jahrzehnten vor allem eines erreicht: Wir haben das Individuum ökonomisiert. Das führte u.a. dazu, dass die Verantwortung für die eigene „Employability“ ausschließlich zu jeder und jedem Einzelnen gewandert ist. Mit dem erwartbaren Resultat: Wer keinen Job hat, ist selbst Schuld, Altersarmut ist persönliches Versagen, gescheiterte Selbstverwirklichung liegt an den eigenen Defiziten.

Wenn wir ernsthaft die Zukunft der Arbeit gestalten wollen, dann müssen wir endlich anfangen die richtigen Fragen zu stellen. Und dafür brauchen wir Perspektiven, die das Ergebnis dieser Diskussion nicht ausschließlich an klassischen Kennzahlen der BWL festmachen. Eine dieser Fragen muss lauten „Wie wollen wir in Zukunft leben – und welche Rolle spielt Arbeit?“.

Dabei helfen können uns wissenschaftliche Disziplinen, die menschliche Bedürfnisse und menschliches Verhalten im historischen und inhaltlichen Kontext untersuchen und verstehen: Soziologie, Ethnologie, Anthropologie, Verhaltensökonomie, Neurowissenschaften etc.

Wenn wir diese Disziplinen und deren Vertreter_innen endlich gleichberechtigt neben den ökonomischen Parametern einbeziehen, dann können wir auch die Lücke zwischen unserer abstrakten Betrachtung des Menschen im Kontext von Arbeit 4.0 und den wirklichen Bedürfnissen des Individuums und der Gesellschaft schließen. Denn dann haben wir ein ganz neues Handwerkszeug zur Verfügung – basierend auf dem tiefen Verständnis menschlicher Motivation und der empathischen Betrachtung unserer Bedürfnisse.

Emotionen statt Argumente – das Ende der Aufklärung?

ykfyp_zat6k-isai-ramos

Unsere Emotionen haben uns in der Hand.

Der 8. November hat wahr werden lassen, was wohl nur die größten Pessimisten hierzulande (und eigentlich auch in den USA) prophezeit hatten. Mit Donald Trump wurde ein Mann zum kommenden US-Präsidenten gewählt, der sämtliche für unumstößlich gehaltenen Mindestanforderungen an einen Politiker unterschritten hat, und den kein noch so großer politischer Skandal aufzuhalten vermocht hat.

Ich kann mich nicht erinnern jemals frustrierter gewesen zu sein angesichts der Qualität der gesellschaftspolitischen Debatten – auch jenseits von Trump. Talkshows im Fernsehen ertrage ich gar nicht mehr, ebenso wenig die Kommentarspalten der meisten digitalen Publikationen. Und ich komme diesem, meinem Frust nur sehr langsam auf die Spur.

Ein erstes Indiz verbirgt sich hinter der Diskussion um das „Postfaktische“. Das Wort an sich ist ziemlicher Blödsinn, denn zu postulieren, es gebe etwas jenseits von Fakten, ist mindestens schwierig. Dennoch liegt ein Großteil der Wahrheit genau hier versteckt. Denn in der Regel ersetzen diejenigen, die Fakten lieber ignorieren würden, selbige durch Emotionen.

Gehirn vs. Aufklärung

Spätestens seit der Aufklärung gilt das rationale Denken als ultimative Richtschnur und Grundlage menschlichen Handelns. Die Universalinstanz der Vernunft hat all das, was mit Gefühlen und Emotionen assoziiert wird, seit etwa 300 Jahren marginalisiert. In vielen Kontexten ist es gar verpönt seine emotionale Seite zu offenbaren, denken wir nur einmal an all die Ratgeber zu so genanntem „professionellen“ Verhalten am Arbeitsplatz.

Erst in jüngster Zeit richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf die emotionalen Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Ein Treiber dieser Entwicklung sind nicht zuletzt die Neurowissenschaften. Immer deutlicher reift in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass die Vorstellung eines quasi emotionslosen Gehirns grundlegend falsch ist.

Die wissenschaftlichen Forschungen können vermehrte Aktivität in bestimmten Gehirnregionen belegen, wie etwa in der Amygdala oder dem präfrontalen Cortex, wenn Emotionen im Spiel sind. Die genannten Bereiche des Gehirns sind dabei für die entsprechenden emotionalen Prozesse zuständig. Im Falle des präfrontalen Cortex ist dieser zudem auch dann aktiv, wenn es um die Einschätzung anderer Menschen und um Empathie geht.

Hier liegen also die neurowissenschaftlichen Grundlagen für die bewussten oder unbewussten Stereotype, die das menschliche Miteinander (bzw. das Gegeneinander) entscheidend prägen. Ohne auf die Details der Hirnforschung eingehen zu wollen, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass sich die Menschheit längst von den Grundlagen der Aufklärung verabschiedet hat. Wir leben im Zeitalter der Emotionalität.

Das politische Gehirn

Drew Westen hat im Jahre 2007, also weit vor Trump, sein Buch „The Political Brain. The Role of Emotion in Deciding the Fate of the Nation“ vorgelegt. Und hätten wir alle es vor der zweiten Amtszeit von Barack Obama gelesen und zur Kenntnis genommen, so wären wir kaum mehr überrascht worden vom Ausgang der jüngsten US-Wahl. Und wer weiß: Vielleicht hätten wir Trump ja sogar abwenden können.

Westen ist Psychologe an der Emory University von Atlanta. Er fand heraus, wie es dem Gehirn gelingt eine einmal gewählte politische Haltung auch bei Schwierigkeiten beizubehalten.

„Er konfrontierte Probanden mit widersprüchlichen Aussagen ihres Lieblingskandidaten im US-Wahlkampf 2004 und bat sie, darüber nachzudenken. Dabei zeichnete er im Tomografen die Hirnaktivität auf. Das Ergebnis: Sobald das Gehirn den Konflikt bemerkt, versucht es, ihn wieder loszuwerden. Das geht so schnell, dass in der Regel die Probanden den Widerspruch entweder gleich ignoriert oder ihn schon längst rationalisiert hatten, als die Bitte um Reflexion kam. Besonders aktiv dabei war der orbitofrontale Cortex, der Emotionen verarbeitet. Außerdem aktiv war der vordere Teil des Gyrus cinguli, der für Problemlösungen zuständig ist. sowie der hintere Teil, der dabei hilft, moralische Urteile zu fällen. Nach erfolgreicher Beseitigung der Widersprüche sprang der Nucleus accumbens an, der für Glücksgefühle sorgt.“ (Quelle: Welt.)

Emotion statt Fakten

Ganz ähnlich sind für mich die fast unmöglich gewordenen sachlichen Diskussionen mit Anhängern der „AfD“ und/oder „Pegida“ einzuordnen. Hier regieren ausschließlich Emotionen. Fakten werden unmittelbar als Manipulation gewertet, Begriffe von „postfaktisch“ bis „Lügenpresse“ machen die Runde. Für jemanden, der sich ausschließlich an Fakten orientiert, dürfte das eine sehr unbefriedigende Ausgangssituation sein.

In dem Moment, wo man das Primat der Emotionalität anerkennt, findet jedoch ein entscheidender Perspektivenwechsel statt. Man erweitert das argumentative Repertoire um einen emotionalen Zugang zum Gegenüber. Und das klingt esoterischer, als es ist. Denn hier geht es um grundlegende menschliche Bedürfnisse, wie etwa wahrgenommen und respektiert zu werden. Emotionen bilden die Basis für einen solchen Dialog, Fakten und Argumente können darauf aufbauen – und nicht etwa umgekehrt.

Kann das funktionieren? Schaffen wir es dem z.T. lauten und nicht selten unflätigen Gepolter echte und ehrliche Emotionen gegenüberzustellen? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht wäre es den Versuch ja wert. Mir gehen jedenfalls langsam die Alternativen aus.

 

(Bildquelle: unsplash.com.)

Neue Männer braucht das Land

Die Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten am 22. Mai 2016 hielt neben einer Pattsituation am Wahlabend auch und vor allem die Erkenntnis bereit, dass die Gender Gap inzwischen auch in der Politik angekommen ist. So offenbarten die Wähler-Analysen überwältigende weibliche Zustimmung zum unabhängigen Kandidaten Alexander van der Bellen, während der rechtspopulistische, von der FPÖ unterstützte Aspirant Norbert Hofer von etwa 60 Prozent der Männer gewählt wurde. Ähnlich deutliche Unterschiede ergaben die Analysen der Bildungshintergründe und der Arbeitnehmer-Kohorten. So hat Hofer seine Unterstützer überwiegend im Arbeiter-Lager, während Akademiker_innen mehrheitlich für van der Bellen votierten.

13232971_10154115191511963_4586917677861500986_n

Überall abgehängt

Was sagt uns das? Zunächst einmal liegt die Deutung nahe, dass wir eine zunehmend gespaltene Gesellschaft sind. Und die Spaltung verläuft besonders deutlich entlang der Geschlechter-Grenze. Das wirft eine Menge Fragen auf, provokant formuliert könnte man z.B. folgende stellen: Sind Männer das prekäre Geschlecht?  Weiterlesen

Warum ist das alles so normal geworden? Deutschland und Europa rücken nach rechts.

Vor kurzem sah ich im Fernsehen eine Ausgabe der Talk-Sendung „3 nach 9“ aus dem Jahr 1990, in der u.a. Giovanni di Lorenzo und der damalige Republikaner-Chef Franz Schönhuber zu Gast waren. Die Art der damaligen Diskussionskultur auf Basis einer wehrhaften Demokratie und sehr engagierter Moderator_innen lässt einen angesichts der Omnipräsenz der Rechten und ihrer Parolen auf der einen sowie die der hilflosen Deutungsversuche der alten Linken sowie der Reflexe der Medien auf der anderen Seite beinahe wehmütig werden. Der Mob war seinerzeit sicherlich auch schon da, nur darf er heute auch ohne vorgehaltene Hand jegliche Form blanken Rassismus’ frei herauspöbeln: zur Hauptsendezeit.

Die Protagonist_innen der Protestpartei Rechtspopulisten von der „AfD“ dürfen ungehindert ihren dumpfen Hass gegen alles Fremde unters Volk bringen. Demokratie-Imitationen namens Parteitag und Wahlprogramm schaffen es in die ersten Meldungen der hiesigen Hauptnachrichtensendungen. Schon gibt es die ersten Kommentare in den „Qualitätsmedien,“ wonach die Parteienpolitik gescheitert und der Rücktritt der Kanzlerin die einzig logische Konsequenz sei. Die Hemmungen sind weg, und sie erodieren immer weiter.

Warum lassen wir uns das gefallen: Dass einfachste Wahrheiten mehrheitsfähig werden.?Dass Dumpfheit über Reflexion steht? Dass die Hassparolen der besorgten Bürger intellektuell Abgehängten immer weiterverbreitet werden. Ich halte das nur schwerlich aus.

Spätestens an dieser Stelle dürfte von manchen der Einwand kommen, ich müsse Contenance wahren und mich auf rein argumentativem Wege mit den Sympathisant_innen und Wähler_innen des sog. „Anti-Establishments“ (O-Ton AfD) auseinandersetzen. Mitnichten! Ich bevorzuge an dieser Stelle Nulltoleranz. Zumindest, was die intellektuelle Auseinandersetzung mit „Wahlprogrammen“ oder „Argumenten“ angeht.

Ich mache nur eine Ausnahme: Wenn jemand im Zwiegespräch mit mir diskutieren möchte, dann bekommt sie/er weitestgehende Zurückhaltung meinerseits und den unbedingten Versuch im empathischen Dialog meinerseits mit Argumenten zu überzeugen. Aber nur dann. Hier, im digital-öffentlichen Raum, habe ich dazu weder die angeblich nötige Zurückhaltung, noch das erforderliche Repertoire: Haters gonna hate.

Und wir dürfen eines nicht vergessen. Wir, die wir i.d.R. zu den Privilegierten gehören, haben die Wahl, ob wir das, was sich da so zusammenbraut und zusammenrottet, ignorieren oder nicht. Diese Wahl haben die meisten direkt Betroffenen nicht. Kübra Gümüşay hat das in ihrem Talk auf der re:publica in Berlin mehr als eindrucksvoll dargelegt.

Was ist eigentlich mit uns los? Glauben wir wirklich, wir kämen mit Abschottung und Ignoranz weiter? In Zeiten globaler Migration, größtenteils ausgelöst durch Macht- und Konsuminteressen des sog. Westens? In einem Land, das nachweislich auf Einwanderung angewiesen ist, falls wir nicht riskieren wollen, dass uns die sozialen Transfersysteme in absehbarer Zeit um die Ohren fliegen? Das zu glauben ist nicht naiv, das ist dumm. Zumal es, wie fast immer, die moralische Komponente ausblendet oder gar negiert: Weltoffenheit, Empathie und Hilfsbereitschaft sind ethische und moralische Pflichten in einem Land, das vor gerade einmal knapp 80 Jahren die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen hat.

Hoyerswerda 1991, Mölln 1992, Rostock-Lichterhagen 1992, Solingen 1993. Ich bin Jahrgang 1973 und mir sagen alle vier Orte unmittelbar etwas. Sie sind für mich die fremdenfeindliche deutsche Reizwortkette von vor über zwanzig Jahren. Die Morde und Verbrechen mit nationalistischem Hintergrund gegen Flüchtlinge und Migranten haben die Republik (und mich) seinerzeit bis ins Mark erschüttert. Und heute?

Allein im Jahr 2015 hat es laut gemeinsamer Chronik der Amadeu Antonio Stiftung und PRO ASYL 1.072 Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben, davon 136 Brandanschläge. Insgesamt seien 267 Körperverletzte zu beklagen gewesen. Doch an Einzelheiten oder wenigstens Ortsnamen erinnert sich niemand. Ahaus, Sellin, Pirna, Geislingen – für uns sind das in der Regel nichtssagende Städte und Gemeinden.

Es scheint inzwischen zur beinahe täglichen Normalität zu gehören, dass irgend welche besorgten Bürger fremdenfeindliche Arschlöcher Gewalt gegen Schutzbedürftige ausüben. Auch, wenn wir nicht daneben stehen und es gutheißen: Richtig bzw. vor allem nachhaltig erschüttert sind wir längst nicht mehr. Ein bisschen Facebook-Anteilnahme hier, ein solidarischer Tweet da, schon gehen wir, die wir das können, wieder zur Tagesordnung über. Und die heißt: Gewalt gegen Flüchtlinge, Ausländer und Minderheiten.

Ich sehe meine Generation vor allem in ihrer Elternrolle in der Pflicht. Zu lange sind wir davon ausgegangen, dass die Beschäftigung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus in der Schule ausreichen würde, dass wir uns nie wieder gegen Minderheiten und vermeintlich Fremdes wenden oder rechtem Gedankengut auf den Leim gehen würden. Doch dies hat sich als ein Trugschluss erwiesen. Es ist wichtiger denn je aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen und nachfolgende Generationen für ein offenes Weltbild zu sensibilisieren.

Parallel dazu brauchen wir eine erheblich bessere Kommunikation hinsichtlich einer europäischen Integration. In den vergangenen Jahren war die Rede viel zu häufig vom Finanzstandort und Wirtschaftsraum Europa, die Aspekte der Völkerverständigung oder Solidargemeinschaft innerhalb einer Friedensunion sind in Vergessenheit geraten. InVerbindung mit Migrationsbewegungen, Massenarbeitslosigkeit in Süd- und Osteuropa und den Unsicherheiten in einer globalisierten Welt brauchen wir derlei Identifikationsraum dringender denn je.

Stillstand und Frustration, statt Aufbruch und Mitgestaltung: Politik und digitale Gesellschaft haben ein Problem!

Deutschland im September 2014. Alexander Dobrindt (CSU) ist „Internet-Minister“, Günther Oettinger (CDU) designierter EU-Kommissar für die Digitale Wirtschaft, die AfD zieht in die Landtage von Sachsen, Thüringen und Brandenburg ein. Auf der wichtigsten Branchenveranstaltung der Digitalen Wirtschaft in Deutschland dominieren wie eh und je die Buzzwords – diesmal „Native Advertising“ und „Content Marketing“ -, während die „Nachwuchs-Digitalen“ sich in den Facebook-Timelines von Sponsoren zum Kommentar-Papagei-Affen machen lassen, nur um an Tickets für angesagte dmexco-Parties zu kommen. Inhalte, Werte? Fehlanzeige.

Das hat alles nichts miteinander zu tun? Das ist pure Polemik? Doch und nein. Mich quält der Antrieb, der hinter all diesen Phänomenen der Gegenwart steckt. Stagnation, Ignoranz, Oberflächlichkeit. Die sog. Digitale Gesellschaft genügt sich selbst im „Wir hier, ihr draußen“, während die überwiegende Mehrheit in unserem Lande angesichts von Zukunftstechnologien und Politik Skepsis bis hin zu aggressiver Ablehnung an den Tag legt.

Die digitalen Dampfplauderer nutzen die Trägheit des Jetzt zur Verordnung immer gleicher Rezepte (siehe dmexco-Buzzwords) und Beratungsprodukte (cui bono?). Die dmexco-Macher starten eine Digital-Messe mit einer Abfolge grauer Herren mit politisch-korrekten Statements im Konferenz-Programm. Die viel zitierten Millennials sind gefangen zwischen Anklage und Selbstverteidigung. Und die Trends von heute werfen erste Schatten auf ein Morgen, das wir uns weder vorstellen, noch ganz offensichtlich gestalten wollen.

Auf politischer Ebene versagen die etablierten Parteien und treiben die Frustrierten in die Arme von Bauernfängern. Ich selbst bin einigermaßen froh aktuell keine Wahl vor der Brust zu haben: Es gibt schlicht keine einzige Partei (mehr), die auch nur annähernd das Personal oder das Programm hat, das mir entspricht. Die Grünen waren es einst – sie sind bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Einzig eine geplante Ausgründung aus der (völlig indiskutablen) FDP mit Bezug auf die liberalen Werte der 70er Jahre macht mir Hoffnung; und gleichzeitig Angst, da es wieder nur ein zeitlicher und programmatischer Rückbezug zu sein scheint.

German Angst, Zukunftsangst, Panoptismus. Wie auch immer man es definiert, benennt oder einzugrenzen versucht: Aufbruch und Optimismus sind kaum zu erkennen. Die Piraten sind das parteigewordene pars pro toto eines Dilemmas, das seine Ursachen in einer riesigen Verunsicherung weiter Teile der Gesellschaft hat. Der Mehrheit der Menschen ist schlicht nicht mehr klar, welchen positiven Einfluss die Technologien der Gegenwart auf ihre ganz persönliche Zukunft haben können.

Wenn wir keine Antworten geben, die auf die unmittelbaren Bedürfnisse der Menschen eingehen, dann versagt ein System, das die Kluft zwischen Politik, (digitaler) Wirtschaft und Gesellschaft nicht überbrücken hilft. Das Resultat ist Rückzug und Ablehnung: von Technologien, Parteien, Instanzen und Akteuren.

Diese Kluft wäre eine riesige Chance für neue Bündnisse, auch auf politischer Ebene. Für Menschen, denen die Sache wichtiger ist als ihre Vita, ihr Business oder ihr Geldbeutel. Nicht nur Unternehmen brauchen Change-Agents, auch eine Gesellschaft braucht Identifikationsfiguren für einen digital dominierten Struktur-Wandel. Diese Figuren heißen nicht Dobrindt, Oettinger, Gabriel oder Lindner. Und die Mechanismen sind nicht die der Politik alten Zuschnitts.

Holt die jungen, frischen und motivierten Leute nach vorne. Zwingt sie nicht durch die Mühlen eines Politikbetriebs, sondern gebt Ihnen eine Bühne, auf der sie sich wohlfühlen, auf der sie Impulse geben können. Schafft Netzwerke jenseits von Ego und (männlich geprägtem) Dominanzverhalten. Wir brauchen dringend neue Ideen, neue Institutionen und Bühnen für den wirklichen Wandel.

Wider die Politikverdrossenheit – selbstbestimmte Steuermittel-Verwendung für mehr gesellschaftliche Mitbestimmung

Die Steuereinnahmen des Bundes und der Länder bewegen sich derzeit auf Rekordniveau. Gleichzeitig wächst die Entfremdung eines Großteils der Bevölkerung von politischen Prozessen. Es ist höchste Zeit dies zu ändern. Ein Weg könnte dabei über den Geldbeutel gehen. Ein Denkanstoß.

In schöner Regelmäßigkeit rufen alle nach mehr direkter Demokratie. Das wird wiederum von jenen, die genau dies aus den unterschiedlichsten Gründern auf keinen Fall wollen, mit dem Hinweis auf zu hohen Verwaltungsaufwand, und damit zu hohe Kosten, abgelehnt. Das Resultat? Wir Bürger entfernen uns noch weiter von politischer Beteiligung, Meinungsäußerungen finden, wenn überhaupt, nur noch in den ach so Sozialen Medien statt, und wenn dann mal wieder (Europa-)Wahlen sind, geht kein Mensch zur Urne. Überspitzt formuliert.

Woher kommt der ganze Frust? Politikverdrossenheit ist ein abgedroschener Begriff, dennoch haben seine Symptome Hochkonjunktur. Angesichts politisch verursachter Verschwendung von Steuergeldern, wie z.B. beim Berliner Großflughafen #BER, kann einen aber auch blanke Empörung packen. Und das ist ganz gut so, denn das bedeutet, dass wir doch noch nicht gänzlich abgestumpft sind und im gleichgültigen Abnick-Modus erstarren.

Elbphilharmonie, Stuttgart21 oder Nürburgring lautet die fortgeschriebene deutsche Reizwortkette politischen Großversagens, bei der es dem Bürger eigentlich permanent die Zornesröte ins Gesicht treiben müsste. Allein: Es fehlt ein Ventil. Und wenn sich der Unmut mal Bahn bricht, dann wird der zu Recht zornige Geist von eilfertigen Journalisten schnell zum bloßen Wutbürger degradiert.

Dabei wäre politisches Engagement wichtiger denn je. Wir stehen vor enormen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen, die ohne gesellschaftlichen Konsens nicht zu stemmen sind. Die Energiewende und die damit verbundenen infrastrukturellen Investitionsprojekte sind nur ein Beispiel.

Doch statt die Menschen zu diesen Themen und Herausforderungen abzuholen, verfährt die Politik nach Gutdünken. Zu viel Bürgerbeteiligung scheint lästig, alle vier Jahre mehr oder weniger eine Wahl zu haben scheint den Damen und Herren Volksvertretern ausreichend. Doch das ist ein gefährlicher Trugschluss.

Wie also bringt man politisches Handeln wieder in Einklang mit den Bedürfnissen einer Gesellschaft? Man könnte die überaus hohe Affinität des Homo oeconomicus zu seinem Geld ausnutzen – und gleichzeitig ein wenig direkte Demokratie bei den Staatsausgaben schaffen. Wie? Ganz einfach.

Wann immer ich ein finanzielles Interesse an einer Sache habe, ist die Sache selbst plötzlich interessant für mich. Ein Beispiel: Man kann auf ein völlig unbedeutendes Fußballspiel der Verbandsliga Ostholstein wetten – schon bekommt das Spiel eine persönliche Bedeutung. Noch ein Beispiel? Die Lottozahlen. Eigentlich ein unangenehmer Störfall im mittwöchlichen und samstäglichen TV-Programmablauf, mit den eigenen 6 aus 49 auf dem Schoß jedoch urplötzlich spannend.

Warum nutzen wir dieses Phänomen nicht um politischen und gesellschaftlichen Einfluss jedes einzelnen (Steuerzahlers) zu ermöglichen? Indem wir einen Teil der individuellen Steuerlast (z.B. einen bestimmten Prozentsatz) zweckgebunden machen.

Im konkreten Fall sähe das so aus, dass z.B. zehn bis 15 Prozent der während eines Jahres gezahlten Steuern im Folgejahr für eine Auswahl zuvor festgelegter Projekte ausgegeben werden. Und welche Projekte konkret und in welcher Höhe gefördert werden sollen, entscheidet der Steuerzahler höchstselbst – per Online-Voting oder im Rahmen seiner Steuererklärung. Demokratischer geht es kaum.

Eine solche Vorgehensweise hätte mehrere sehr positive Effekte. Erstens bekommt der Einzelne das Gefühl gefragt zu werden, wenn es darum geht staatliche Großprojekte zum Wohle der gesamten Gesellschaft anzuschieben. Zweitens wären Groß- und Besserverdiener plötzlich wieder in der Lage gesellschaftliches Ansehen durch Beteiligung an favorisierten Projekten zurückzuerlangen. Und drittens käme Transparenz in das Thema Steuern und Steuersätze generell, was ein Umdenken bezüglich gesellschaftlicher Teilhabe zur Folge hätte.

Und die Politik? Die müsste sich wieder die Mühe machen ihre Bürger zu den drängenden Themen abzuholen, anstatt diese vor vollendete Tatsachen zu stellen. Politiker müssten ihre Projekte mit guten Argumenten gegenüber ihren Wählern vertreten und um Unterstützung werben – für ganz konkrete Maßnahmen statt, wie bisher, für Parteien oder für sich selbst. Eine schöne Utopie.

Dieser Beitrag erschien zunächst bei der deutschen Huffington Post.