Stellen wir endlich die richtigen Fragen! Warum die Wirtschaftswissenschaften (allein) uns nicht weiterbringen

„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

Dieses Zitat von Paul Watzlawick ist vermutlich bekannt, zuletzt las ich es in einem Artikel der New York Times mit dem Titel „What if Sociologists Had as Much Influence as Economists?“. Der Autor Neil Irwin hinterfragt darin die Rolle von Ökonom_innen in ihrer Funktion als Berater_innen der Politik. Im Kontext des Watzlawick-Zitats formuliert Irwin wie folgt:

„[T]he risk is that when every policy adviser is an economist, every problem looks like inadequate per-capita gross domestic product.“

Irwin kritisiert die Einseitigkeit in der Beurteilung sozialer Missstände, wenn diese ausschließlich auf Basis ökonomischer Parameter erfolgt. Gleichzeitig rückt er eine wissenschaftliche Disziplin in den Vordergrund, die er für wesentlich geeigneter hält unsere Gesellschaften zu analysieren als die Volks- oder Betriebswirtschaft. Es geht um die Soziologie.

Die Bewertungs-Parameter für menschliches Verhalten haben sich in vielen Bereichen weit von dem entfernt, was uns und unseren Gesellschaften lieb und teuer sein sollte. Deshalb wäre es sehr zu begrüßen, wenn wir uns auch wieder den Humanwissenschaften zuwenden würden um Hebel für die Bewältigung gesellschaftlicher (und ökonomischer) Herausforderungen zu identifizieren. Denn der reine Blick durch die Wirtschaftsbrille birgt erhebliche Risiken.

Das Problem sei – und hier zitiert der Autor des NYT-Artikels die Harvard-Soziologin Michèle Lamont, Präsidentin der American Sociological Association -, dass Wirtschaftswissenschaftler_innen die Politik sukzessive davon überzeugt hätten, dass die einzigen Fragen, die wir uns stellen sollten, diejenigen seien, auf die ausschließlich die BWL und VWL eine Antwort habe. Und hier sind wir beim Kern des Problems angelangt: Wir stellen uns die falschen Fragen. Mit dem Ergebnis, dass wir nahezu jeden Politik- und Lebensbereich ökonomisiert haben.

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Die Problematik wurde bereits in der Diskussion um Angela Merkels „marktkonforme Demokratien“ aufgegriffen – eine Formulierung, die sie angeblich nie so verwendet hat. Dennoch stand sehr schnell die Frage im Raum, ob wir nicht besser demokratiekonforme Märkte benötigten. Oder nehmen das Beispiel der Arbeit 4.0 oder New Work. Irwin schreibt:

„[W]hile economists tend to view a job as a straightforward exchange of labor for money, a wide body of sociological research shows how tied up work is with a sense of purpose and identity.“

Kommt uns das bekannt vor? Sinnstiftung ausschließlich auf wirtschaftliche Kriterien zu beziehen, fällt bereits heute jeder durchschnittlich begabten Führungskraft unendlich schwer. Dennoch halten wir an viel zu vielen Phrasen fest, mit denen wir Menschen vorgaukeln, sie seien Teil eines sinnvollen Ganzen.

In nahezu jeder öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Arbeit oder über Vereinbarkeit wird man mit den gleichen Buzzwords konfrontiert. Da ist die Rede von „vollzeitnaher Teilzeit“, von „Wiedereinstieg“ oder „Flexibilisierung“. Wir sprechen von „Minderleister_innen“, „Leistungsreduzierten“ und „Human Resources“. Was dabei völlig aus dem Blick gerät, ist das, was  diese „ökonomisierte Distanz“ in der Sprache mit den Menschen macht, geschweige denn: was diese Menschen denn überhaupt wollen und brauchen.

Wir haben in den letzten Jahrzehnten vor allem eines erreicht: Wir haben das Individuum ökonomisiert. Das führte u.a. dazu, dass die Verantwortung für die eigene „Employability“ ausschließlich zu jeder und jedem Einzelnen gewandert ist. Mit dem erwartbaren Resultat: Wer keinen Job hat, ist selbst Schuld, Altersarmut ist persönliches Versagen, gescheiterte Selbstverwirklichung liegt an den eigenen Defiziten.

Wenn wir ernsthaft die Zukunft der Arbeit gestalten wollen, dann müssen wir endlich anfangen die richtigen Fragen zu stellen. Und dafür brauchen wir Perspektiven, die das Ergebnis dieser Diskussion nicht ausschließlich an klassischen Kennzahlen der BWL festmachen. Eine dieser Fragen muss lauten „Wie wollen wir in Zukunft leben – und welche Rolle spielt Arbeit?“.

Dabei helfen können uns wissenschaftliche Disziplinen, die menschliche Bedürfnisse und menschliches Verhalten im historischen und inhaltlichen Kontext untersuchen und verstehen: Soziologie, Ethnologie, Anthropologie, Verhaltensökonomie, Neurowissenschaften etc.

Wenn wir diese Disziplinen und deren Vertreter_innen endlich gleichberechtigt neben den ökonomischen Parametern einbeziehen, dann können wir auch die Lücke zwischen unserer abstrakten Betrachtung des Menschen im Kontext von Arbeit 4.0 und den wirklichen Bedürfnissen des Individuums und der Gesellschaft schließen. Denn dann haben wir ein ganz neues Handwerkszeug zur Verfügung – basierend auf dem tiefen Verständnis menschlicher Motivation und der empathischen Betrachtung unserer Bedürfnisse.

Komplexität und Meinungspluralismus sind Grundbedingungen unserer Zeit 

Es gibt Tage, an denen ich gar nichts mehr zu verstehen glaube. Angesichts beinahe (all)täglicher Schreckensmeldungen fehlt mir einerseits das emotionale Reservoir für eine angemessene Reaktion auf jede einzelne der vielen Katastrophen, andererseits mangelt es mir an intellektueller Kapazität sämtliche Zusammenhänge zu durchschauen. Und dann gibt es wiederum Tage, an denen sich wieder Klarheit einstellt. Zum Beispiel heute, als mir dämmerte, dass der eingangs beschriebene Zustand die neue Normalität sein könnte.

Geholfen haben mir bei dieser Erkenntnis zwei Interviews. Das erste war ein Deutschlandfunk-Gespräch zwischen dem Soziologie-Professor Armin Nassehi und Frank Kaspar. Nassehi spricht darin unter anderem von „Perspektivendifferenz“ als Zentrum seines soziologischen Denkens. Er meint damit eine „Gesellschaft, die man nicht mehr aus einer Zentralperspektive erfassen kann, die von Gleichzeitigkeiten, von parallelen Blicken, Perspektiven, Denklogiken geprägt ist.“ Weiter sagt Nassehi:

„Moderne Gesellschaften zeichnen sich wirklich dadurch aus, dass zum Beispiel jemand, der ökonomisch handelt, ein anderes Problem lösen muss als jemand, der politisch handelt. Jemand, der medial handelt, ein anderes Problem lösen muss als jemand, der wissenschaftlich handelt. Und so weiter, und so weiter. Und das kann man nicht einfach harmonisieren, indem man das moralisch oder im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel unter eine Knute bringt.“

Das zweite Interview war ein 3sat-Gespräch zwischen Peter Voß und dem Historiker Dan Diner. Darin wurde auch die Frage erörtert, ob die derzeitigen globalen Herausforderungen angesichts ihrer Komplexität überhaupt zu bewältigen seien. Diner sieht dies kritisch und verweis darauf, dass die so genannte Generation X in weitgehender Konfliktfreiheit aufgewachsen sei. Zwar hätte sie der Kalte Krieg geprägt, mit ihm sei jedoch auch eine binäre Sicht auf richtig und falsch, gut und böse eingekehrt. Diese gebe es nun nicht mehr, man müsse sich auf steigende Komplexität und größere Unsicherheit sowie auf zunehmende Konflikte einstellen. Dies falle der erwähnten Generation besonders schwer.

Mir haben beide Sichtweisen bei der Annäherung an die derzeitige Konfliktlage geholfen. Sie befreien mich einerseits von dem Drang Zusammenhänge vollumfassend begreifen und deuten zu müssen und dadurch zu einer einzigen und „wahren“ Perspektive zu gelangen. Ganz offensichtlich darf und muss man Komplexität zulassen und sich darauf einstellen, dass es mehrere legitime Annäherungen an die Lösung globaler und lokaler Herausforderungen gibt.

Für mich ergeben sich aus dieser Erkenntnis mindestens zwei Folgerungen: Erstens brauchen wir für einen breiten gesellschaftlichen Diskurs starke Debattenbeiträge aus unterschiedlichen Bereichen und von unterschiedlichen Experten. Das steigert zwar zunächst die Komplexität, schafft aber gleichzeitig eine Pluralität an Perspektiven. Beides ist notwendig um Wege auszuloten und Zukunft zu gestalten.

Zweitens ist das, was Armin Nassehi Perspektivendifferenz nennt, ein sehr demokratischer Vorgang. In einer Zeit, in der Politik im Verdacht steht lediglich Klienteninteressen zu bedienen, könnte daraus eine integrative Kraft entstehen. Wir sollten uns daher alle angewöhnen uns auf Basis unserer jeweiligen Prägung und unserer verschiedenen Expertisen an den Debatten zu beteiligen.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die alten Dualismen nicht mehr zur Einordnung globaler Fliehkräfte taugen. Die Parameter, die uns bislang zur Deutung weltpolitischer Ereignisse zur Verfügung standen, bedürfen einer sukzessiven Erweiterung. Gleichzeitig müssen wir lernen zuzulassen, dass es mehr als die eine Sicht auf die Dinge gibt. Zukünftig wird es mehr um das Austarieren komplexer Strukturen gehen als um die Durchsetzung einer einzigen Weltsicht. Und vielleicht gehört dazu auch mehr als nur die argumentative Ebene.