Problemfall Männer-Events – und warum Männer Teil des Problems sind

Veranstaltungen, auf denen nur oder fast ausschließlich Männer Vorträge halten oder an Podiumsdiskussionen teilnehmen, sind hierzulande bei weitem keine Ausnahme und in manchen Industrien gar die Regel. Der Blog „50 Prozent“ vermittelt einen beispielhaften Eindruck der z.T. noch vorherrschenden Realität.

In der vergangenen Woche haben wir die Initiative #men4equality gestartet, in deren Zuge wir klarstellen, dass wir nicht mehr auf reinen Männerveranstaltungen sprechen wollen. Wir, das sind zunächst 25 Erstunterzeichner; allesamt Männer, die regelmäßig Vorträge halten oder an Podiumsdiskussionen teilnehmen.

Was Veranstaltende dazu bringt auf weibliche (und/oder nicht-binäre) Veranstaltungs-Vortragende weitgehend zu verzichten, darüber kann man größtenteils nur spekulieren. Vermutlich sind es zwei Gründe, die ausschlaggebend für eine noch immer schlechte Gender Balance bzw. Vielfalt sind.

Aus Sicht der Event-Verantwortlichen sind Programme mit männlichen Speakern i.d.R. viel einfacher zu besetzen, da Männer häufig schneller auffindbar sind und sich stärker als Sprecher positionieren. Gleichzeitig zögern Männer viel seltener, wenn sie gefragt werden ob sie auf eine Bühne gehen wollen. Beide Aspekte erleichtern die Arbeit der Veranstaltenden erheblich.

Doch genau hier liegt ein Hebel zu mehr Vielfalt und damit zu spannenderen und relevanteren Veranstaltungen und Diskussionsrunden. Alle Beteiligten sollten sich größte Mühe geben um Ausgewogenheit bei den Vortragenden herzustellen. Schließlich wollen wir eine Vielfalt an Talenten sehen und hören, deren Lösungsansätze, best practices und persönlichen Geschichten in Zeiten zunehmender Komplexität inspirieren und motivieren.

Aufgabe der Veranstaltenden ist es also Diversity bei den Programmen und Speaker-Lineups zu berücksichtigen. So könnte man zumindest meinen. Es sind aber auch die Männer in der Pflicht: Wer reine Männerveranstaltungen mit seiner Anwesenheit beehrt, ist Teil des Problems. Wolfgang Lünenbürger, einer der Erstunterzeichner von #men4equality, hat sehr gut beschrieben, was Männer tun können, um Teil der Lösung zu werden.

Bei #men4equality geht es natürlich nicht nur um Männer und Frauen, sondern um Frauen* und Männer* und alle Gender, die in der Summe ihrer Teile Vielfalt ausmachen. Dennoch haben wir uns zunächst auf das leidige Thema #allmalepanels konzentriert, da Gender hierzulande der sichtbarste Aspekt von Diversity ist.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir sind nicht als „Weiße Ritter“ unterwegs, die mehr Frauen auf Podien bringen wollen, jedenfalls ist das nicht unser vorrangiges Ziel. Frauen können das schließlich gut ohne uns. Wir sehen diesen Effekt daher eher als „Kollateralnutzen“.

Uns geht es vor allem darum, dass Diskussionsrunden und Panels, an denen ausschließlich Männer teilnehmen, aus unserer Sicht schon vom Prinzip her uninteressant sind und deshalb von uns nicht besucht werden. Der genaue Wortlaut unserer Initiative ist hier nachzulesen.

Als virtuellen Ort für #men4equality haben wir, die beiden Initiatoren Robert Franken und Dirk von Gehlen, die Plattform „Male Feminists Europe“ gewählt. Diese besteht seit März dieses Jahres und hat zum Ziel eine Art intellektuelle Brücke für Männer zu Teilen der feministischen Agenda zu schlagen; oder, vereinfacht ausgedrückt: mehr Männer dazu zu bringen an der Debatte teilzunehmen und ihre Rolle(n) zu reflektieren. Initiatoren von MFE sind Robert Franken und Henrik Marstal.

Um es noch einmal zu betonen: Natürlich sind reine Männerrunden nicht per se langweilig oder uninteressant. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass bei der Reduzierung des „talent pools“ auf lediglich etwa die Hälfte der Bevölkerung auch die Qualität leidet, halten wir für relativ hoch. Deshalb die Initiative, und deshalb vor allem der Impuls für einen Perspektivenwechsel.

(Bildquelle: unsplash.com)

Die Überwindung der männlichen Norm ist Voraussetzung für unsere (nicht nur digitale) Zukunft

In seinem Essay Müdigkeitsgesellschaft (Berlin: Matthes & Seitz, 2010) beschreibt der in Seoul geborene Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han im Zusammenhang mit seiner Betrachtung von Gesellschaftsdiskursen u.a. das Ende des immunologischen Zeitalters. Fremdheit werde nicht mehr automatisch eliminiert, so Han, sondern durch Differenz ersetzt. Dadurch werde keine Immunreaktion mehr hervorgerufen. Mit Blick auf die dem Zeitalter der Immunologie entstammenden Gesellschaftsdiskurse erkennt Han einen Paradigmenwechsel. Er schreibt: „Dass ein Paradigma eigens zum Gegenstand der Reflexion erhoben wird, ist oft ein Zeichen seines Unterganges.“ (Müdigkeitsgesellschaft, S. 8/9).

Diskriminierung und Anpassung in der Leistungsgesellschaft

Wendet man diese Aussage Hans auf das männliche Paradigma an, das weitestgehend Grundlage unserer Wirtschaft- und Gesellschaftsordnung ist, so wäre dies eine gute Nachricht. Ich beschrieb an anderer Stelle bereits ausführlich die Nachteile eines Systems, das Leistung über alles stellt, dadurch jedoch einzelne Gruppen diskriminiert. 

Eine solche Gesellschaft, in der diejenigen aufsteigen, die die größte Leistung bringen, nennt man gemeinhin Meritokratie. In einer Meritokratie profitieren vorwiegend Akteure, für die das System einst installiert wurde bzw. die sich entsprechend der Systemanforderungen anpassen. Die Norm unserer meritokratischen Systeme ist der Mann bzw. das Männliche.

Eine Anpassung an das männliche Paradigma kann auf zwei Arten erfolgen. Passiv, indem in diesem Falle Frauen alles daran setzen innerhalb des patriarchalischen Systems Karriere zu machen. Oder aber es kommt zur mehr oder weniger subtilen, aktiven Variante: fixing the women. Frauen werden passend gemacht. Beides ist systemerhaltend und nicht lösungsorientiert.

Das Ende des Chauvinismus als gesellschaftliche Herausforderung

Nimmt man Byung-Chul Hans oben erwähnte Aussage wörtlich, so stellt sich die Frage, wodurch das Verschwinden des männlichen Paradigmas ausgelöst wird und wie man diese Entwicklung gegebenenfalls forcieren kann. Dass man nachgerade Letzteres tun sollte, steht für mich außer Frage. Und zwar schon alleine aus dem Grund, als das patriarchalische Prinzip die Grundlage für eine Weltordnung bildet, die keinesfalls zukunftstauglich ist.

Die weitestgehend im 19. Jahrhundert festgelegte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in deren Zuge nahezu sämtliche zentrale Rollen von Männern ausgefüllt wurden, und die zum Ziel hatte das kapitalistische und expansionistische System der Hegemonialmächte zunächst zu etablieren und später zu erhalten, stößt in der digitalen Postpostmoderne längst an ihre Grenzen.

Manifestationen des beschriebenen Systems waren und sind etwa hierarchische Grundprinzipien, militärisch geprägte Organisationsformen sowie Bildungsprogramme vor dem Hintergrund austauschbarer Kulturtechniken. Das preußische Militär, organisationale Systeme wie command & control oder das Ausbildungssystem des britischen Commonwealth (Sir Ken Robinson hat u.a. darüber einen wunderbaren TED-Talk gehalten) waren und sind Beispiele globaler Aktionsmuster, die die Grundlage für unsere heutige Welt(ein)ordnung bilden.

Sehr viel hat sich hier seit dem 19. Jahrhundert nicht getan. Nach wie vor versuchen wir den Herausforderungen einer modernen, globalisierten und technologisierten Welt größtenteils mit einem sehr begrenzten Repertoire an Lösungsschablonen zu begegnen, deren Anwendbarkeit, geschweige denn: Effektivität seit mindestens einem halben Jahrhundert kaum mehr gegeben ist.

Eines jener abgelaufenen Paradigmen ist eben das der männlichen Norm. Deren Überwindung ist nicht (nur) Ausdruck einer moralisch-ethischen Selbstverpflichtung im Sinne der gender equality, sondern (auch) pragmatische Notwendigkeit. Denn die systematische Diskriminierung von Frauen führt an vielen Stellen dazu, dass wir einen Großteil unserer intellektuellen Ressourcen nicht für die Gestaltung unserer (v.a. digitalen) Zukunft einsetzen können. Durch die Limitierung des talent pools und den Verzicht auf komplementäre Expertise wird es uns gleichzeitig schwer fallen Technologien so einzusetzen, dass sie dem Wohle unserer Gemeinschaften zugute kommen.

Gleichbefähigung statt bloßer Gleichberechtigung

„Frauen sind die Archetypen einer Digitalen Transformation“ hatte ich an anderer Stelle formuliert.  Diese Aussage begründet sich nicht nur aus neurobiologischer und anthropologischer Perspektive, sie transportiert eine elementare Erkenntnis. Ohne ein Ende der flächendeckenden, systemimmanenten Benachteiligung von Frauen sind die Aufgaben der Zukunft nicht zu bewältigen.

Schließlich befinden wir uns nicht nur inmitten eines technologischen Transformations-Prozesses – weg vom männlich-hierarchischen Primat, hin zu weiblich-vernetzten Interaktions-Systemen. Auch gesellschaftlich gilt es völlig neue Rahmenbedingungen zu schaffen – weg von einer männlich-dominanten Sozio-Ökonomie, hin zu weiblich-flexibler Ausdifferenzierung unserer unterschiedlichen Rollen und Leistungsvermögen.

Im gleichen Atemzug können wir uns vom Ziel einer bloßen Gleichberechtigung verabschieden und an deren Stelle etwas tatsächlich Nachhaltiges setzen: Gleichbefähigung. Wir schaffen so im konstruktiven Miteinander der Geschlechter die Voraussetzung für unsere eigene Zukunftsfähigkeit. Man könnte das den post-emanzipatorischen Kollateralnutzen nennen. Wie auch immer: Es gibt gar keine Alternative. Zukunft gestalten zu können ist immer die bessere Alternative als getrieben zu sein. Wir sollten diese Chance ergreifen.

Komplexität und Meinungspluralismus sind Grundbedingungen unserer Zeit 

Es gibt Tage, an denen ich gar nichts mehr zu verstehen glaube. Angesichts beinahe (all)täglicher Schreckensmeldungen fehlt mir einerseits das emotionale Reservoir für eine angemessene Reaktion auf jede einzelne der vielen Katastrophen, andererseits mangelt es mir an intellektueller Kapazität sämtliche Zusammenhänge zu durchschauen. Und dann gibt es wiederum Tage, an denen sich wieder Klarheit einstellt. Zum Beispiel heute, als mir dämmerte, dass der eingangs beschriebene Zustand die neue Normalität sein könnte.

Geholfen haben mir bei dieser Erkenntnis zwei Interviews. Das erste war ein Deutschlandfunk-Gespräch zwischen dem Soziologie-Professor Armin Nassehi und Frank Kaspar. Nassehi spricht darin unter anderem von „Perspektivendifferenz“ als Zentrum seines soziologischen Denkens. Er meint damit eine „Gesellschaft, die man nicht mehr aus einer Zentralperspektive erfassen kann, die von Gleichzeitigkeiten, von parallelen Blicken, Perspektiven, Denklogiken geprägt ist.“ Weiter sagt Nassehi:

„Moderne Gesellschaften zeichnen sich wirklich dadurch aus, dass zum Beispiel jemand, der ökonomisch handelt, ein anderes Problem lösen muss als jemand, der politisch handelt. Jemand, der medial handelt, ein anderes Problem lösen muss als jemand, der wissenschaftlich handelt. Und so weiter, und so weiter. Und das kann man nicht einfach harmonisieren, indem man das moralisch oder im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel unter eine Knute bringt.“

Das zweite Interview war ein 3sat-Gespräch zwischen Peter Voß und dem Historiker Dan Diner. Darin wurde auch die Frage erörtert, ob die derzeitigen globalen Herausforderungen angesichts ihrer Komplexität überhaupt zu bewältigen seien. Diner sieht dies kritisch und verweis darauf, dass die so genannte Generation X in weitgehender Konfliktfreiheit aufgewachsen sei. Zwar hätte sie der Kalte Krieg geprägt, mit ihm sei jedoch auch eine binäre Sicht auf richtig und falsch, gut und böse eingekehrt. Diese gebe es nun nicht mehr, man müsse sich auf steigende Komplexität und größere Unsicherheit sowie auf zunehmende Konflikte einstellen. Dies falle der erwähnten Generation besonders schwer.

Mir haben beide Sichtweisen bei der Annäherung an die derzeitige Konfliktlage geholfen. Sie befreien mich einerseits von dem Drang Zusammenhänge vollumfassend begreifen und deuten zu müssen und dadurch zu einer einzigen und „wahren“ Perspektive zu gelangen. Ganz offensichtlich darf und muss man Komplexität zulassen und sich darauf einstellen, dass es mehrere legitime Annäherungen an die Lösung globaler und lokaler Herausforderungen gibt.

Für mich ergeben sich aus dieser Erkenntnis mindestens zwei Folgerungen: Erstens brauchen wir für einen breiten gesellschaftlichen Diskurs starke Debattenbeiträge aus unterschiedlichen Bereichen und von unterschiedlichen Experten. Das steigert zwar zunächst die Komplexität, schafft aber gleichzeitig eine Pluralität an Perspektiven. Beides ist notwendig um Wege auszuloten und Zukunft zu gestalten.

Zweitens ist das, was Armin Nassehi Perspektivendifferenz nennt, ein sehr demokratischer Vorgang. In einer Zeit, in der Politik im Verdacht steht lediglich Klienteninteressen zu bedienen, könnte daraus eine integrative Kraft entstehen. Wir sollten uns daher alle angewöhnen uns auf Basis unserer jeweiligen Prägung und unserer verschiedenen Expertisen an den Debatten zu beteiligen.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die alten Dualismen nicht mehr zur Einordnung globaler Fliehkräfte taugen. Die Parameter, die uns bislang zur Deutung weltpolitischer Ereignisse zur Verfügung standen, bedürfen einer sukzessiven Erweiterung. Gleichzeitig müssen wir lernen zuzulassen, dass es mehr als die eine Sicht auf die Dinge gibt. Zukünftig wird es mehr um das Austarieren komplexer Strukturen gehen als um die Durchsetzung einer einzigen Weltsicht. Und vielleicht gehört dazu auch mehr als nur die argumentative Ebene.

Führung in Teilzeit? Dann sollten wir endlich auch neue Fragen stellen.

„Mann beißt Hund“ Geschäftsführerin Nicola Wessinghage hat in einem Beitrag bei kress.de auf einen Artikel von Bülend Ürük mit dem Titel „Kann eine Redaktion in Teilzeit geführt werden?“ reagiert. Sie ist davon überzeugt, dass das funktionieren kann, und liefert gleich eine Menge guter Tipps für Unternehmen mit. So sehr ich das, was Nicola Wessinghage schreibt, unterstütze, so sehr nervt mich ein Aspekt in der ganzen Diskussion um Führung in Eltern(teil)zeit: die Perspektive.

Denn die Verantwortlichkeit wird fast ausschließlich der Mutter (viel seltener: dem Vater) zugeeignet. Die implizite Frage lautet stets: Wie stellst Du, liebe Mutter (und viel seltener: Du, lieber Vater) sicher, dass Du Deinen Job auch während Deiner „Auszeit“ adäquat, sprich: zu unserer (vollsten) Zufriedenheit, ausüben wirst?

Natürlich spielen die meisten Unternehmen die Flexibilität-Karte und präsentieren sich als Partner ihrer angestellten Chefinnen (und Chefs). Und das fällt ihnen deshalb so leicht, weil sie es in den seltensten Fällen ernst meinen müssen. Am Ende kommen dann solche Lösungen heraus wie im aktuellen Fall bei der Grazia: Der Kollege vertritt die Chefredakteurin für ein Jahr ihrer Elternzeit. Und wer kann schon sagen, ob diese Variante am Ende nicht sogar dem Wunsch beider Seiten entspricht?

Wie auch immer die Konstellation bei der Grazia zustande kam: In der Diskussion um Führung in Teilzeit werden die falschen Fragen gestellt. Um den alten Vergleich mit dem Berg und dem Propheten zu bemühen: Selten macht sich hier der Berg auf den innovativen Weg zum Propheten. Würde er dies aber tun, so lautet die damit verbundene Fragestellung:

Wie stellst Du, lieber Arbeitgeber, sicher, dass ich meinen Job auch während meiner Zeit mit Baby so ausüben kann, dass meine Bedürfnisse nicht hinter den Deinen zurückstecken müssen?

Vielleicht ist das ja ein Lösungsansatz: Bedürfnisse zurückstellen. Mutter und/oder Vater sollten das nicht tun müssen, das Baby selbstverständlich erst recht nicht. Bleibt also der Arbeitgeber. Wenn der nicht verlangt, dass alles wie bisher zu laufen habe, dann kommen wir einem Miteinander schon näher. Ein Bedürfnis fällt mir dann aber doch noch ein, bei dem auch die Eltern zurückschrauben können: bei ihrem Perfektionsanspruch. Andernfalls droht schlicht Überforderung, und davon hat niemand etwas.

Fazit: Drehen wir die Frage um und machen wir Jobs endlich elternkompatibel – und nicht umgekehrt. Dazu braucht es natürlich die Bereitschaft aller Beteiligten. Ohne Flexibilität bei Unternehmen und Führungskräften sowie deren Teams wird es nicht funktionieren. Wenn man es aber gemeinsam anpackt, dann schafft man endlich Rollenvorbilder und menschengerechte Arbeitsumfelder.

 

Vom Datensammeln zur Erkenntnis – die Mensch-Maschine als Zukunftsmodell

Diesen oder einen ähnlichen Test hat schon eine ganze Reihe von Menschen online durchgeführt: Anhand verschiedener Szenarien soll deutlich werden, wie komplex die moralischen Entscheidungen sind, die autonome Maschinen und Fahrzeuge zukünftig autonom werden treffen müssen. Mal gilt es junges gegen altes Leben abzuwägen, mal die Frage zu beantworten, ob Insassen oder Passanten schützenswerter sind. Die Konstellationen sind dabei ebenso spannend wie abwechslungsreich, doch am meisten verraten derartige Tests natürlich über diejenigen, die sie durchführen.

Inzwischen verlangen wir von Robotern und Computern, dass sie sich entsprechend bestimmter menschlicher Normen und Wertvorstellungen verhalten. Doch bevor wir eine Maschinenethik entwerfen und programmieren können, ist es sinnvoll erst einmal unsere menschlichen Werte und Normen einer Überprüfung zu unterziehen.

Ethik und Moral haben in der menschlichen Geschichte stets eine wichtige Rolle gespielt. Zwar fragt man sich angesichts globaler Krisen und gelegentlicher politischer wie gesellschaftlicher Exzesse, wie es um diese Aspekte momentan bestellt ist. Doch bislang zweifelte niemand ernsthaft daran, dass die letztendliche Entscheidung über richtig oder falsch den Menschen überlassen bleiben sollte.

Maschinen für Eliten

Wer den Filmklassiker Metropolis gesehen hat, dem sind die expressionistischen Bildwelten präsent, mit denen Fritz Lang vor beinahe 100 Jahren einen Blick in die Zukunft warf. Es war kein schönes Bild, das der Regisseur im ersten Science Fiction Film in Spielfilmlänge zeichnete. Geprägt vom Alptraum des Ersten Weltkriegs, entwarf Lang eine düstere Vision, bei der ein großer Teil der Bevölkerung als Menschenmaterial diente. Die große Maschine musste am Leben erhalten werden. Sie stellte die paradiesische Existenz der Eliten in der so genannten „Oberstadt“ sicher.

Das kommt uns bekannt vor. „Die da oben, wir da unten“ ist zu einer Art Kampfruf vieler politischer Bewegungen im rechten und linken Spektrum geworden. Ob Podemos in Spanien oder die sog. „AfD“ in Deutschland, stets richten sich die Parolen an vermeintlich benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Und immer wird das Feinbild der Eliten entworfen. Auch in Großbritannien wetterten viele Protestwähler gegen die elitären Politiker, letzten Endes gab das wohl auch den Ausschlag für den Erfolg des Brexit-Referendums. Lesenswert ist in diesem Zusammenhang der Artikel „We are the 48 and we want our country back“ aus der Financial Times.

Die momentanen politischen Grabenkämpfe fallen zeitlich mit einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel vor dem Hintergrund digitaler Technologien und rasanten maschinellen Fortschritts zusammen. Ein inhaltlicher Zusammenhang darf wohl ebenfalls angenommen werden. Wir dürfen es aber nicht zulassen, dass technischer Fortschritt einige Bevölkerungsgruppen ausschließt und nur ein paar Investoren und Unternehmen zugute kommt. Die Profiteure des technologischen Wandels haben auch eine moralische Verpflichtung die Welt im Interesse aller Menschen zu verbessern.

Algorithmen und Moral

Auf einer Tech-Konferenz sprach ich im vergangenen Jahr mit der Abteilungsleiterin eines großen Schweizer Rückversicherungs-Unternehmens. Auch und gerade bei ihrem Arbeitgeber, so sagte mir die Expertin, befasse man sich intensiv mit allen möglichen Risiko-Szenarien im Zusammenhang mit führerlosen Fahrzeugen. Und spätestens seit den Attentaten von 9/11 gebe es keine Annahmen mehr, die zu absurd seien, als dass sie nicht algorithmisch simuliert werden würden. Alles müsse als denkbar in Betracht gezogen werden, so unwahrscheinlich es auch anmute.

Unsere Aufgabe in einer zunehmend digitalen und technisierten Gesellschaft ist es Teilhabe für alle Menschen sicherzustellen. Dazu gehören Normen und Werte, Ethik und Moral. Andernfalls werden nicht alle Bevölkerungsgruppen die Veränderung mittragen. Die Folge wäre nicht nur eine Spaltung der Gesellschaft in on- bzw. offline, sondern mittelfristig gefährliche Unruhe mit unberechenbaren Konsequenzen.

In Filmen wie Kubricks „2001“ oder „Terminator“ waren intelligente Maschinen ein Horrorszenario. Und zwar einzig und allein deshalb, weil die künstliche Intelligenz jener Dystopien nicht mit ethisch-moralischer Entwicklung einherging. Statt dessen folgte die Diktatur der Maschinen. Daher brauche es, so die Botschaft, weiterhin den Menschen als Hüter von Werten und Moral und als letzte Bastion gegen die Übernahme durch die Maschinen.

Ecce homo 

Was aber, wenn sich Maschinen am Ende als moralische Integrität oder ethische Instanz als geeigneter erweisen sollten als die Menschen?

Aktuell haben Maschinen noch ein fundamentales Problem (Quelle: WIRED):

„[I]n the Big Data way of viewing the world, the patterns of success and failure would be recognized, but left to its Big Data self, the system would only recognize the pattern, not make a choice for change.“

Doch die künstlichen Intelligenzen werden eher früher als später lernen eigenständig kognitive Entscheidungen zu treffen. Und im Unterschied zu Fritz Lang oder den SciFi Hollywood Blockbustern ist an dieser Stelle womöglich sogar Technikoptimismus angesagt.

„[C]ognitive systems are emerging as aides to humans, augmenting and amplifying our expertise, not superseding or replacing it. And it is likely that combination – human plus machine – where the true power lies.“

Es geht in der technischen Entwicklung der Maschinen also vor allem darum den Shift von collection zu cognition, also von der reinen Anhäufung von Daten hin zu ihrer korrekten Deutung und Umsetzung in „gutes“ Handeln zu vollziehen. Das wirft unmittelbar die Frage auf, wer letztendlich bestimmt, welches diese korrekte Deutung am Ende ist und wodurch sich gutes Handeln auszeichnet. Wer entscheidet, was gut für die Menschen ist? Die Antwort auf diese Frage  dürfte in einer Zeit, in der es multiple Perspektiven zu beinahe allen Fragestellungen gibt, eine der größten Herausforderungen überhaupt werden.

Es ist weder an der Zeit zum Maschinenstürmer zu werden, noch ist es angebracht allen technischen Fortschritt unmittelbar zu bejubeln. Dirk von Gehlen hat einen sehr guten Vorschlag in der Debatte gemacht. Er rief in einem Blogpost zum „Kulturpragmatismus“ auf:

„Ich halte eine Entwicklung hin zum Kulturpragmatismus für überfällig. Ich glaube, dass man aus politischen, technologischen und gesellschaftlichen Gründen den Raum zwischen den Stühlen der Optimisten und Pessimisten erweitern muss. Man muss Platz schaffen für kulturpragmatische Perspektiven, die uns in die Lage versetzen, angstfrei und souverän in die Zukunft zu gehen und diese zu gestalten. Ich glaube das, weil ich im Bereich der Digitalisierung (und in meiner Arbeit dazu) festgestellt habe, dass ein kulturpragmatischer Blick auf „das nächste große Ding“ oder „den Niedergang der Kultur“ stets die besten Ergebnisse zu Tage fördert – losgelöst von Euphorie und Angst entsteht ein Blick auf die Zukunft, der diese für gestaltbar hält. Wo Pessimisten einen zwangsläufigen Abstieg zu erkennen meinen und Optimisten einen automatische Verbesserung, geht der Kulturpragmatiker davon aus, dass Zukunft veränderbar ist – auch durch eigenes aktives Handeln.“

Und genau das muss unsere Haltung sein. Wenn wir uns angstfrei und wissensdurstig der Verbesserung unserer Welt durch Technologien widmen, dann werden wir zu Gestaltern einer Mensch-Maschine, die alle Dystopien Lügen straft und die Welt tatsächlich zu einer besseren machen kann. Was wir dafür brauchen, ist neben einem offenen Diskurs und einem demokratischen Zugang zu Wissen vor allem der unbedingte Gestaltungswille gepaart mit dem erwähnten Zukunftspragmatismus.

Wenn wir uns in die Lage versetzen das Richtige tun, dann überwiegen die Chancen die Risiken bei weitem.

Vom Gatekeeper zur Plattform zur Blockchain? Was folgt auf Uber, airbnb und Co.?

Wenn man früher mit dem Reisebus unterwegs war und in einer bestimmten Gaststätte Mittagspause machte, dann wusste man, dass der Busfahrer nichts für sein Mittagessen zu bezahlen brauchte. Im Gegenteil: Er kassierte in der Regel eine kleine Provision dafür, dass er dem Wirt ein paar Gäste zuführte. Damit kam man klar.

Wenn man heute die Instanzen analysiert, die bestimmten Geschäftsmodellen Kunden zuführen, dann fällt einem das Klarkommen nicht mehr ganz so leicht. Denn die Sache droht einigermaßen aus dem Ruder zu laufen. Die als Intermediäre fungierenden Plattformen haben ganze Industrien verändert und sorgen auch fortlaufend für große Umwälzungen. Für bestimmte Branchen ist die Luft bereits recht dünn geworden, so etwa für die Publishing Branche.

Die beiden größten Gatekeeper im Bereich der digitalen Werbung sind mittlerweile Plattformen: Facebook und Google. Bevor auch nur ein einziger Euro in den Kassen der Verlage oder Content-Anbieter landet, haben die beiden US-Konzerne laut aktuellem Meeker-Report bereits 85 Cent davon vereinnahmt. Die Reaktion der deutschen Publisher: Sie formen eine Allianz und poolen ihre User-Daten bei der Telekom-Tochter Emetriq. Auf diese Weise will man den Big Four die Macht über die Verlags-Daten entreißen und die Attraktivität der eigenen Advertising-Modelle sichern.

Derartige Konstellationen, bei denen sich klassische Unternehmen in ihrem Geschäftsmodell unmittelbar bedroht sehen, gibt es mittlerweile zuhauf. Uber hat die Taxi-Industrie bis ins Mark erschüttert, airbnb fügt der Hotellerie massive Verluste zu, und dank Spotify & Co. befindet sich auch die Musikbranche inmitten eines riesigen Umbruchs.

Und um auf das Eingangsbeispiel zurückzukommen: Auch in der Gastronomie tut sich einiges. Aktuell bieten die beiden Startups Deliveroo und Foodora in Deutschland einen Lieferservice für Essen aus Restaurants. Und eine ganze Reihe an Gastronomen nimmt bereits Teil. Laut ZEIT Online nutzen 2.000 Restaurants in Deutschland die Dienste von Foodora – zum stolzen Preis von 30 Prozent Provision pro Bestellung. Wer weiß, wie in der Gastronomie kalkuliert wird, der kann seine Skepsis an der Nachhaltigkeit solcher Partnerschaften nicht verhehlen.

Moment. 30 Prozent Provision? Das kommt einem doch bekannt vor. Die App-Economy ist mit dieser Provisionshöhe bestens vertraut, da Apple in seinem App-Store seit jeher diesen Anteil von den App-Entwicklern und -Betreibern einbehält. Das ist übrigens einer der Gründe dafür, weshalb sich mit Apps bis auf wenige Ausnahmen kaum Geschäft machen lässt. Im Falle der Lieferdienste verhält es sich vermutlich in naher Zukunft ähnlich.

Was einen unweigerlich zu der Frage bringt, welches Geschäftsmodell das der Plattformen ablösen wird. Denn der Plattform-Kapitalismus einer Sharing Economy – in Anlehnung an Sascha Lobo –  neigt sich dann seinem Ende, wenn er bestimmte Marktteilnehmer signifikant benachteiligt. Es ist eigentlich wie in einer funktionierenden Familie: Alle Beteiligten müssen sich mit der jeweiligen Konstellation wohlfühlen: Eltern und Kinder. Im Falle der Beziehung von Marktteilnehmern ist es etwas komplizierter, da es verschiedene Stakeholder-Perspektiven zu beachten gilt.

Über die verschiedenen Stakeholder im Bereich Food habe ich schon einmal ausführlicher geschrieben. Hier führt die spannungsgeladene Symbiose von Nahrungsmittel-Herstellern und dem Lebensmittel-Einzelhandel zu zum Teil abenteuerlichen Abhängigkeitsbehältnissen – mit schwerwiegenden Folgen für Produzenten, wie etwa Landwirte oder Verbraucher. Hier sind die Gatekeeper zumindest in Deutschland zwar noch einigermaßen unangetastet, doch Mega-Fusionen, wie zwischen Kaisers/Tengelmann und Edeka, oder der bevorstehende Start von amazon fresh werden auch in diesem Bereich für reichlich disruptive Veränderung sorgen.

Bei einem Verlag bzw. Medienhaus spielen, blendet man einmal die Gesellschaft als Ganzes aus, mindestens folgende Interessengruppen eine Rolle: der Verlag und dessen Shareholder, die Mitarbeiter bzw. die freien Content-Produzenten und die Nutzer bzw. Leser. Durch die Plattformen oder Intermediäre ist dieses Gleichgewicht einigermaßen durcheinander geraten, das alte (Gatekeeper-)Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr.

Die Abhängigkeit von den Plattform-Anbietern hat in manchen Branchen ein Maß erreicht, das auch die neuen Konstellationen schon bald auf den Prüfstand stellen wird. Wenn für journalistische Angebote die Präsenz in den Timelines von Facebook und den SERPs von Google überlebenswichtig werden – und genau das ist der Fall -, dann haben sich die Machtverhältnisse endgültig (und wohl auch irreversibel) verändert.

Doch auch der wichtigste Stakeholder, nämlich der Nutzer selbst, ist von einer gewissen Entfremdung gegenüber den Anbietern betroffen. So schrieb der Start-up-Gründer Tariq Krim in einem Gastbeitrag für ZEIT Online: „Die Megaplattformen sind McDonald’s für unsere Köpfe.“ Er beklagt den Kontrollverlust angesichts algorithmisch gesteuerter Angebote und moniert die Unmöglichkeit der Entschleunigung.

Und auch die vermeintlich neuen Mächtigen können sich nicht in Sicherheit wiegen. Schon gibt es neue Bedrohungen, und diesmal sind die Platform-Betreiber die Gejagten. Um die ganz neuen Herausforderer zu verstehen, hilft ein Blick in den FinTech-Bereich.

Jahrhundertelang waren Banken geradezu prototypische Gatekeeper. Die Einstiegshürde für potenzielle Herausforderer lag einfach zu hoch. Weder waren Letztere in der Lage die technischen und rechtlichen Herausforderungen zu meistern, noch stellten ausreichende Verbreitung oder Aufbau von Vertrauen lösbare Aufgaben dar. All dies hat sich spätestens seit der Blockchain geändert. Wie dramatisch, das erklärt Don Tapscott im brand eins Interview am Beispiel von Western Union eindrucksvoll.

„Eine philippinische Haushaltshilfe, die in Toronto lebt und ihr Erspartes auf die Philippinen schickt, muss dafür viel Aufwand betreiben. Sie kriegt einen Scheck, löst ihn bei einer Bank ein, nimmt einen Bus zu einem Einkaufszentrum und geht dort zu einer Filiale von Western Union. Sie überweist ein paar hundert Dollar und zahlt dafür eine Gebühr von ungefähr zehn Prozent. Das alles dauert mehrere Stunden, in denen sie entweder arbeiten oder zumindest zu Hause sein könnte. Und dann dauert es auch noch vier bis sieben Tage, bis das Geld in Manila ankommt. Vor vier Monaten probierte die Frau eine Alternative aus: Sie überwies ihr Erspartes per Handy mit einer App namens Abra. Dabei handelt es sich um ein Blockchain-Programm, mit dem das Geld binnen Millisekunden auf dem Handy ihrer Mutter in Manila eingeht. Die sucht sich dann einen Auszahler in der Stadt, der in der Nähe ist und dem andere Kunden vertrauen. So kriegt sie das Bargeld innerhalb von ein paar Minuten, und alles kostet nur ein Prozent Gebühren. Für Western Union ist das keine gute Nachricht. Für die Start-ups, die auf die Technik setzen, schon.“

Und das ist erst der Anfang. Im Text zum zitierten Interview nennen die brand eins Autoren folgende potenzielle Anwendungsfelder für die Blockchain:

  • internationalerZahlungsverkehr
  • Aktienhandel
  • Onlinemarktplätze
  • Grundbuchregister
  • Echtheitszertifikate (zum Beispiel von Gold und Diamanten)
  • Lieferkettenkontrolle bei Lebensmitteln
  • Rechtemanagement von Musik und Kunst
  • Abrechnungsprotokolle im Internet der Dinge

Ist die Blockchain also das next big thing nach der Disruption durch Plattform-Anbieter? Die Technologie scheint jedenfalls einiges zurückzubringen, was bereits verloren schien. Die Datenhoheit läge wieder beim Individuum, und auch die Themen Sicherheit und Transparenz klingen zunächst einmal verlockend. Es wäre zumindest wünschenswert, wenn die Macht der Big Four (Facebook, Google, amazon, Apple) ein gewisses Gegengewicht bekäme. In gewisser Weise wäre das ja eine Art Neuanfang für digitale Geschäftsmodelle, die auf anderen Grundlagen basieren als die der genannten US-Konzerne. Ob Algorithmen am Ende des Tages demokratischer sind als Startups aus dem Silicon Valley, das muss die Zeit ans Licht bringen.

Mobil, aber unbeweglich – wie die Automobilindustrie um street credibility ringt

Es beginnt ganz häufig mit verbalen Veränderungen. Wo einst „Verlag“ draufstand, prangt seit geraumer Zeit die Bezeichnung „Medienhaus“. Wo man früher national-stolz „British“ war, so deutet BP mittlerweile durch „Beyond Petrol“ an, dass man sich der knapp werdenden Ressourcen im Kerngeschäft bewusst sei. Und die klassischen Automobilhersteller mutieren reihenweise zur „Mobilitätslösung“ und gelegentlich auch zum Mobility-Dienstleister.

Doch anders als bei der legendären „Aus Raider wird Twix“ Markenkampagne liegen der Neufirmierung der genannten Industrieteilnehmer nicht nur Marketingüberlegungen zugrunde. Aus manchen Wortungetümen spricht veritable Verzweiflung. Um nur ja nicht als rückwärtsgewandt zu gelten, soll nach Außen demonstriert werden, dass man sehr wohl begriffen habe, wohin die Branchenreise angesichts fundamentaler Herausforderungen geht. Weiterlesen