Vom Datensammeln zur Erkenntnis – die Mensch-Maschine als Zukunftsmodell

Diesen oder einen ähnlichen Test hat schon eine ganze Reihe von Menschen online durchgeführt: Anhand verschiedener Szenarien soll deutlich werden, wie komplex die moralischen Entscheidungen sind, die autonome Maschinen und Fahrzeuge zukünftig autonom werden treffen müssen. Mal gilt es junges gegen altes Leben abzuwägen, mal die Frage zu beantworten, ob Insassen oder Passanten schützenswerter sind. Die Konstellationen sind dabei ebenso spannend wie abwechslungsreich, doch am meisten verraten derartige Tests natürlich über diejenigen, die sie durchführen.

Inzwischen verlangen wir von Robotern und Computern, dass sie sich entsprechend bestimmter menschlicher Normen und Wertvorstellungen verhalten. Doch bevor wir eine Maschinenethik entwerfen und programmieren können, ist es sinnvoll erst einmal unsere menschlichen Werte und Normen einer Überprüfung zu unterziehen.

Ethik und Moral haben in der menschlichen Geschichte stets eine wichtige Rolle gespielt. Zwar fragt man sich angesichts globaler Krisen und gelegentlicher politischer wie gesellschaftlicher Exzesse, wie es um diese Aspekte momentan bestellt ist. Doch bislang zweifelte niemand ernsthaft daran, dass die letztendliche Entscheidung über richtig oder falsch den Menschen überlassen bleiben sollte.

Maschinen für Eliten

Wer den Filmklassiker Metropolis gesehen hat, dem sind die expressionistischen Bildwelten präsent, mit denen Fritz Lang vor beinahe 100 Jahren einen Blick in die Zukunft warf. Es war kein schönes Bild, das der Regisseur im ersten Science Fiction Film in Spielfilmlänge zeichnete. Geprägt vom Alptraum des Ersten Weltkriegs, entwarf Lang eine düstere Vision, bei der ein großer Teil der Bevölkerung als Menschenmaterial diente. Die große Maschine musste am Leben erhalten werden. Sie stellte die paradiesische Existenz der Eliten in der so genannten „Oberstadt“ sicher.

Das kommt uns bekannt vor. „Die da oben, wir da unten“ ist zu einer Art Kampfruf vieler politischer Bewegungen im rechten und linken Spektrum geworden. Ob Podemos in Spanien oder die sog. „AfD“ in Deutschland, stets richten sich die Parolen an vermeintlich benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Und immer wird das Feinbild der Eliten entworfen. Auch in Großbritannien wetterten viele Protestwähler gegen die elitären Politiker, letzten Endes gab das wohl auch den Ausschlag für den Erfolg des Brexit-Referendums. Lesenswert ist in diesem Zusammenhang der Artikel „We are the 48 and we want our country back“ aus der Financial Times.

Die momentanen politischen Grabenkämpfe fallen zeitlich mit einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel vor dem Hintergrund digitaler Technologien und rasanten maschinellen Fortschritts zusammen. Ein inhaltlicher Zusammenhang darf wohl ebenfalls angenommen werden. Wir dürfen es aber nicht zulassen, dass technischer Fortschritt einige Bevölkerungsgruppen ausschließt und nur ein paar Investoren und Unternehmen zugute kommt. Die Profiteure des technologischen Wandels haben auch eine moralische Verpflichtung die Welt im Interesse aller Menschen zu verbessern.

Algorithmen und Moral

Auf einer Tech-Konferenz sprach ich im vergangenen Jahr mit der Abteilungsleiterin eines großen Schweizer Rückversicherungs-Unternehmens. Auch und gerade bei ihrem Arbeitgeber, so sagte mir die Expertin, befasse man sich intensiv mit allen möglichen Risiko-Szenarien im Zusammenhang mit führerlosen Fahrzeugen. Und spätestens seit den Attentaten von 9/11 gebe es keine Annahmen mehr, die zu absurd seien, als dass sie nicht algorithmisch simuliert werden würden. Alles müsse als denkbar in Betracht gezogen werden, so unwahrscheinlich es auch anmute.

Unsere Aufgabe in einer zunehmend digitalen und technisierten Gesellschaft ist es Teilhabe für alle Menschen sicherzustellen. Dazu gehören Normen und Werte, Ethik und Moral. Andernfalls werden nicht alle Bevölkerungsgruppen die Veränderung mittragen. Die Folge wäre nicht nur eine Spaltung der Gesellschaft in on- bzw. offline, sondern mittelfristig gefährliche Unruhe mit unberechenbaren Konsequenzen.

In Filmen wie Kubricks „2001“ oder „Terminator“ waren intelligente Maschinen ein Horrorszenario. Und zwar einzig und allein deshalb, weil die künstliche Intelligenz jener Dystopien nicht mit ethisch-moralischer Entwicklung einherging. Statt dessen folgte die Diktatur der Maschinen. Daher brauche es, so die Botschaft, weiterhin den Menschen als Hüter von Werten und Moral und als letzte Bastion gegen die Übernahme durch die Maschinen.

Ecce homo 

Was aber, wenn sich Maschinen am Ende als moralische Integrität oder ethische Instanz als geeigneter erweisen sollten als die Menschen?

Aktuell haben Maschinen noch ein fundamentales Problem (Quelle: WIRED):

„[I]n the Big Data way of viewing the world, the patterns of success and failure would be recognized, but left to its Big Data self, the system would only recognize the pattern, not make a choice for change.“

Doch die künstlichen Intelligenzen werden eher früher als später lernen eigenständig kognitive Entscheidungen zu treffen. Und im Unterschied zu Fritz Lang oder den SciFi Hollywood Blockbustern ist an dieser Stelle womöglich sogar Technikoptimismus angesagt.

„[C]ognitive systems are emerging as aides to humans, augmenting and amplifying our expertise, not superseding or replacing it. And it is likely that combination – human plus machine – where the true power lies.“

Es geht in der technischen Entwicklung der Maschinen also vor allem darum den Shift von collection zu cognition, also von der reinen Anhäufung von Daten hin zu ihrer korrekten Deutung und Umsetzung in „gutes“ Handeln zu vollziehen. Das wirft unmittelbar die Frage auf, wer letztendlich bestimmt, welches diese korrekte Deutung am Ende ist und wodurch sich gutes Handeln auszeichnet. Wer entscheidet, was gut für die Menschen ist? Die Antwort auf diese Frage  dürfte in einer Zeit, in der es multiple Perspektiven zu beinahe allen Fragestellungen gibt, eine der größten Herausforderungen überhaupt werden.

Es ist weder an der Zeit zum Maschinenstürmer zu werden, noch ist es angebracht allen technischen Fortschritt unmittelbar zu bejubeln. Dirk von Gehlen hat einen sehr guten Vorschlag in der Debatte gemacht. Er rief in einem Blogpost zum „Kulturpragmatismus“ auf:

„Ich halte eine Entwicklung hin zum Kulturpragmatismus für überfällig. Ich glaube, dass man aus politischen, technologischen und gesellschaftlichen Gründen den Raum zwischen den Stühlen der Optimisten und Pessimisten erweitern muss. Man muss Platz schaffen für kulturpragmatische Perspektiven, die uns in die Lage versetzen, angstfrei und souverän in die Zukunft zu gehen und diese zu gestalten. Ich glaube das, weil ich im Bereich der Digitalisierung (und in meiner Arbeit dazu) festgestellt habe, dass ein kulturpragmatischer Blick auf „das nächste große Ding“ oder „den Niedergang der Kultur“ stets die besten Ergebnisse zu Tage fördert – losgelöst von Euphorie und Angst entsteht ein Blick auf die Zukunft, der diese für gestaltbar hält. Wo Pessimisten einen zwangsläufigen Abstieg zu erkennen meinen und Optimisten einen automatische Verbesserung, geht der Kulturpragmatiker davon aus, dass Zukunft veränderbar ist – auch durch eigenes aktives Handeln.“

Und genau das muss unsere Haltung sein. Wenn wir uns angstfrei und wissensdurstig der Verbesserung unserer Welt durch Technologien widmen, dann werden wir zu Gestaltern einer Mensch-Maschine, die alle Dystopien Lügen straft und die Welt tatsächlich zu einer besseren machen kann. Was wir dafür brauchen, ist neben einem offenen Diskurs und einem demokratischen Zugang zu Wissen vor allem der unbedingte Gestaltungswille gepaart mit dem erwähnten Zukunftspragmatismus.

Wenn wir uns in die Lage versetzen das Richtige tun, dann überwiegen die Chancen die Risiken bei weitem.

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