Digitales Rumpelstilzchen – warum Buzzwords nicht weiterhelfen

Neulich bin ich aus einem Vortrag geflüchtet. Es ging um Digitalisierung. Und in diesem Zusammenhang um Spezialisierung vs. Innovationsfähigkeit. Um das Phänomen also, dass Spezialist_innen mitunter den Blick für das große Ganze einbüßen.

qkfxq3x-ybi-jay-mantri

Nach einigen mehr oder weniger erhellenden Worten des Vortragenden sollte sich eine Diskussion um das Wesen einer Digitalen Transformation entspinnen. Das Publikum war vergleichsweise jung. Vielleicht war das auch einer der Gründe dafür, dass mich die einzelnen Wortmeldungen so irritierten.

Der Tenor der Beträge war ausgesprochen positiv. Man sei ja, so einer der Zuhörer, auf einem sehr guten Weg. Die Instrumente, Technologien und Prozesse, mit denen die Digitalisierung erfolgreich umgesetzt werden könne, stünden zur Verfügung. Es gelte nun noch den richtigen Mix zu finden, dann könne es losgehen.

Für mich klang das, als müsse man sich lediglich das Wissen um eine Software, ein Projektmanagement-Tool oder eine Entwicklungs-Methodik aneignen. Ein digitales Reißbrett sozusagen. Kein Wort von übergeordneten Zusammenhängen oder gar Schwierigkeiten. Statt dessen die Annahme, Digitalisierung sei einfach nur ein Projekt – mit einem Anfang und einem Ende. Man müsse lediglich alles in eine Art digitalen Aggregatzustand überführen, dann käme am Ende fast automatisch etwas Sinnvolles/Zukunftsfähiges/Innovatives heraus.

Ich hatte wohl einen schwachen Tag und habe die Veranstaltung nach der dritten oder vierten Wortmeldung fluchtartig verlassen. Ich tat dies keineswegs aus einer Überlegenheitshaltung heraus, sondern aus echter Verzweiflung. Ich selbst weiß ja nicht unbedingt besser als andere, welche Hebel, Methoden oder Technologien die Digitalisierung zum Erfolg machen. Ich war einfach nur enttäuscht davon, wie leicht es sich die Anwesenden machten.

Alle hatten die Buzzwords parat, niemand schien zu zweifeln, jedenfalls nicht grundsätzlich. Keine_r der Anwesenden stellte elementare Fragen oder brachte andere Ebenen als jene der bloßen Umsetzung auf Basis einzukaufender Agenturleistungen ins Gespräch.

Vermutlich hatte ich auch eine überzogene Erwartungshaltung, dennoch: Mich irritieren die Einordnungs- und Benennungsreflexe vieler Digital-Arbeitender. All die Buzzwords, wie Web 3.0 oder Industrie 4.0, entstehen ja auch aus einem Bedürfnis heraus einer Entwicklung Namen zu geben, die sich angesichts ihrer Unwägbarkeit und Komplexität eigentlich jeglichen Deutungsbemühungen entzieht.

Doch wie im Märchen vom Rumpelstilzchen scheinen gewisse Dinge in dem Moment einen Großteil ihres Schreckens zu verlieren, da man ihnen einen Namen gibt. Das Problem ist nur,: Wenn die Märchenstunde endet und außer den schillernden Bezeichnungen wenig Substanzielles übrig bleibt, dann könnte es ein böses Erwachen geben.

Ich glaube daher, dass wir mindestens zwei Dinge brauchen:

  1. Substanz bei der Bewältigung digitaler Herausforderungen und
  2. ein digitales Narrativ, das Technologien in erlebbare Muster und Strukturen übersetzt.

Substanz bedeutet die Fähigkeit hinter den Hype und auf ganz individuelle Aufgabenstellungen und Herausforderungen blicken zu können. Eine digitale Strategie ist keine Schablone, sondern entsteht aus einer Analyse der Genese hin zum Status Quo. Erst wenn ich weiß, wie ein Projekt oder ein Unternehmen dorthin gekommen ist, wo es jetzt steht, vermag ich die richtigen Hebel hin zu einer digitalen Evolution zu identifizieren.

Und beim Thema Narrativ finde ich eine Denkübung interessant: Was wäre, wenn jede_r Verantwortliche in den Unternehmen einen eigenen Namen für das finden müsste, was sich im direkten Umfeld an digitaler Veränderung vollzieht? Das hätte den Vorteil, dass ein wesentlich engerer Bezug zu den eigenen Begrifflichkeiten herstellbar wäre, als ihn die abgenutzten Buzzwords zu liefern in der Lage wären. Niemand könnte sich mehr hinter bloßen Worthülsen verschanzen.

 

(Bildquelle: https://unsplash.com/@jaymantri)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s