Über #noah16 und #EscortGate – Zeit für neue Konferenzformate

In Deutschland wird gerne mal ein „-gate“ ans Ende eines Hashtags angefügt, wenn man die skandalöse Note betonen möchte. Auch im Falle #EscortGate ist das so. Was war passiert? Die renommierte NOAH Conference kam nach Berlin, veranstaltet von Axel Springer und unterstützt von namhaften Partnern, wie etwa der Credit Suisse, Hellman & Friedman sowie der Deutsche Börse Cash Market.

Im Vorfeld gab es z.T. heftige Kritik am eklatanten männlichen Speaker-Überschuss, am Ende waren es laut fortune.com 108 Sprecher_innen, davon lediglich elf Frauen. Das entspricht einem Anteil von knapp zehn Prozent. Zwischenzeitlich waren es sogar 97 Prozent ankündigte Männer auf der Bühne gewesen, nach der Kritik versuchte man offenbar noch nachzubessern.

Auf die Konferenz selbst kann und will ich nicht näher eingehen, ich war ja nicht dabei. Zwar hatten mir die Organisatoren einen zehnminütigen Slot angeboten um mit einer Unternehmerin das Thema Frauenmangel zu diskutieren – dies hatte ich jedoch nachdrücklich und aus Gründen abgelehnt.

Worüber aber in jedem Falle zu reden war und ist, ist das eingangs erwähnte #EscortGate. Offenbar hatte irgend jemand – dem Vernehmen nach die Unternehmerin Pia Poppenreiter – dafür gesorgt, dass wenigstens der Partyabend nicht unter dem Stigma des Männerüberschusses zu leiden hatte. Man schleuste kurzerhand eine beträchtliche Anzahl an Escort-Damen zur Männerbespaßung ein.

Dem Vernehmen nach hatte Axel Springer zuvor sogar versucht auch eigene Mitarbeiterinnen aus Polen als Partygäste zu rekrutieren. Das Frauenbild, das hinter derartigen Vorkommnissen steht, ist unterirdisch. Genau wie das Männerbild, übrigens. Einige (wenige) feiern das Geschehene als PR-Coup der Frau Poppenreiter. Wenn der Zweck alle Mittel heiligt, ist das sicherlich nicht von der Hand zu weisen.

Ebenso wenig kann man argumentieren, dass Frau Poppenreiter nicht genau gewusst hätte, was sie tut. Das macht die Sache aber nicht besser, im Gegenteil: Hier kulminieren Old Boys’ Clubs, die Attitüden eines Valley-Kapitalismus, tief sitzende Misogynie und vermutlich auch eine gewisse Unbedarftheit nach dem Motto „War doch ne geile Party!“.

Anders ist die Stellungnahme des NOAH-Gründers Marco Rodcynek jedenfalls kaum zu erklären. Er sieht die geringe Frauenquote lediglich als Symptom des Status Quo und sich und NOAH als Opfer einer missglückten PR-Aktion. Damit macht er es sich zu einfach.

Ich sehe Veranstaltungen wie NOAH (vor deren Umsetzung und Idee ich im Übrigen großen Respekt habe) in der Pflicht sich a) als Ursache des Problems zu begreifen und b) aktiv an der Veränderung des männlichen Paradigmas mitzugestalten. Wer hätte bessere Voraussetzungen Teil der Lösung zu werden als NOAH?!

Wenn es den Organisator_innen wirklich nicht nur darum geht maximale PR bei bestmöglicher Monetarisierung herzustellen, dann könnten sie es jetzt zeigen:

  • indem sie ihre Parameter verändern um auch Speakerinnen auf die Bühne zu bekommen.
  • indem sie dafür Sorge tragen, dass Frauen nicht nur als schmückendes Beiwerk zu den männlichen Protagonisten gesehen werden.
  • indem sie die Veranstaltung so organisieren, dass Inklusivität nicht nur ein Lippenbekenntnis ist.
  • indem sie mit Organisationen und Menschen zusammenarbeiten, die sich für eine vielfältige Wirtschaft und Gesellschaft einsetzen.
  • indem sie sich bei der Zusammenstellung und Besetzung von Panels vom Gedanken der Vielfalt leiten lassen und auch neuen Talenten jenseits der Startup-Pitches eine Chance geben.
  • indem sie ihre Werte und ihre Mission überprüfen und ihr Selbstverständnis wandeln hin zu einer inklusiven Gesellschaft.

Im November in London gibt es die erste Chance es besser zu machen. Spätestens dann aber zur #noah17 in Berlin? Ich würde mich sehr über eine neue NOAH freuen.

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